Vor dem Taj Mahal in Indien © privat

DIE ZEIT: Herr Kehl, wie verabschiedet man sich von den Mitspielern, wenn man weiß: Nach der Sommerpause ist man nicht mehr dabei?

Sebastian Kehl: Ich hatte eine Woche vor dem Pokalfinale nach meinem letzten Bundesligaspiel das gesamte Team zu einer kleinen Feier eingeladen. Dass meine Karriere nach dem Finale zu Ende ist, war ja allen bewusst. Trotzdem sitzt man dann nicht stundenlang am Trainingsgelände und philosophiert. Man drückt sich, viele warme Worte, und jeder geht seiner Wege. Die Jungs kamen halt nach ein paar Wochen wieder. Und ich nicht.

ZEIT: Trainingsbeginn beim BVB, zum ersten Mal seit 13 Jahren ohne Sie – wie haben Sie das empfunden?

Kehl: Ein komisches Gefühl. Ich habe kurz überlegt, ob ich zum Trainingsgelände fahren soll, als Kiebitz. Aber dann habe ich gedacht: Nee, das tu ich mir nicht an. Ich wollte nicht, dass jemand denkt: Guck mal, der kann nicht loslassen. Und ich war selber auch noch nicht so weit.

ZEIT: Stattdessen brachen Sie auf zu einer langen Reise, die fast vier Monate dauerte. Was war geplant?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Kehl: Nur der Urlaub mit meiner Frau und den beiden Kindern: fünf Wochen USA. In den Jahren zuvor konnten wir immer nur höchstens zehn Tage zusammen wegfahren. Meine eigene Reise ging erst danach los. Als meine Familie im Flugzeug nach Deutschland saß, war ich allein in Los Angeles, habe mir die Weltkarte angesehen und gedacht: So, was jetzt? Mexiko? Kanada? Alaska? Einen Tag später bin ich nach Hawaii geflogen. Als ich ankam, wurde ich im Hotel gefragt: Wie lange bleiben Sie? Ich antwortete: Ich weiß es nicht. Das war ein neues und beglückendes Gefühl.

ZEIT: Eine Freiheit, die Sie nicht kannten?

Kehl: Ich bin 20 Jahre lang immer mit Plänen umhergelaufen. Für jede Woche, vor allem aber für Reisen mit dem Verein gab es einen minutiösen Ablaufplan: Videobesprechung, Sitzung, Behandlung, Training, Essen, inklusive der halben Stunde, die man sich mal aufs Ohr legen kann. Im Urlaub hatte ich oft einen Trainingsplan mit, dazu eine Uhr, die die Trainingsdaten an den Verein schickte, zur Kontrolle. Aus Gewohnheit habe ich meinen Urlaub auch durchgetaktet: Wecker klingelt um 7.30 Uhr, ich trainiere um acht, 8.45 Uhr Frühstück. Als Fußballer bist du oft fremdbestimmt. Aus dieser Enge wollte ich raus.

ZEIT: Muss man sich als Profi zur Selbstbestimmung zwingen?

Kehl: Du kannst alles delegieren. Ich habe meinen Jungs aber immer davon abgeraten, sich vom normalen Leben zu weit zu entfernen. Wenn man nicht in der Lage ist, eine Überweisung zu tätigen, mal selbst mit dem Steuerberater oder dem Makler zu sprechen – dann wird die Blase, aus der man am Ende der Karriere rausgerissen wird, deutlich größer. Die Bequemlichkeit ist bei vielen sehr ausgeprägt, das ist ein großer Nachteil. Man muss ja auch auf dem Platz Verantwortung übernehmen.

ZEIT: Sie sagten vor Ihrer Reise in einem Interview: "Ich will mich treiben lassen, zu Fuß, nur mein Rucksack und ich" – haben Sie das geschafft?

Kehl: Der Rucksack war ein Koffer, und in den Tagen auf Big Island, der größten Insel von Hawaii, war ich ab und an mit einem Guide unterwegs. Aber was ich damit ausdrücken wollte, habe ich erreicht: ein Freiheitsgefühl zu bekommen. In den Ländern, in denen ich war, war Fußball kein großes Thema und Samstag ein Tag wie jeder andere. Ich wollte mich vom Fußball lösen, Abstand gewinnen, nachdenken. Dafür hat es mir geholfen, weg zu sein.

ZEIT: Klingt wie eine Entzugstherapie.

Kehl: Es gab tatsächlich Momente, in denen ich wandern war, um mich herum diese gewaltige Natur in Hawaii oder Kanada, und dachte: Jetzt bist du frei, du hast den Sprung geschafft.

ZEIT: Und es hat Sie nicht gejuckt, mal auf kicker online nachzuschauen, ob der VfB Stuttgart seinen alljährlichen Trainerwechsel schon hinter sich hat?

Kehl: Selten. Aber das erste Spiel vom BVB gegen Gladbach habe ich geschaut. Das war in Hawaii, ich bin frühmorgens aufgestanden, und als sie 3:0 gewonnen hatten ...

ZEIT: ... 4:0 ...

Kehl: ... (lacht) ja, stimmt! Die Jungs standen vor der Süd und haben sich feiern lassen ... In dem Moment wurde mir klar: Jetzt ist es wirklich vorbei. Dieses Adrenalin wirst du so nicht mehr spüren. Es war gut, dass ich in diesem Moment in einer ganz anderen Welt war.

ZEIT: Hatten Sie überhaupt schon mal allein Urlaub gemacht?

Kehl: Ganz allein?! Nein, noch nie.

ZEIT: Allein zu reisen ist nicht immer leicht ...

Kehl: Wissen Sie, ich war mein ganzes Leben im Rudel unterwegs. Natürlich überkam mich auf der Reise manchmal ein Einsamkeitsgefühl. Aber genau das wollte ich mal erleben. Und als Fußballer wird man zu Hause ja beäugt, das war unterwegs nicht so. Wenn mich doch mal einer erkannt hat, habe ich mich gefreut. Ich hatte da eine total lustige Begegnung: Ich stand auf dem Gipfel des zweithöchsten Bergs auf Kauai, und auf einmal sagt jemand: "Das glaube ich jetzt nicht!" Ich dreh mich um, und da stand tatsächlich einer im BVB-T-Shirt! Da habe ich gesagt: Ich muss jetzt mit dir ein Foto machen!

ZEIT: Ihr erstes eigenes Selfie mit Fan?

Kehl: Genau.