Der amerikanische Schriftsteller Stephen King © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Dass Autoren verschwinden und gerade dadurch in der Öffentlichkeit noch präsenter werden, gehört zur Dramaturgie des literarischen Marktes, vor allem in Amerika. J. D. Salinger schrieb einige wenige hoch gelobte Bücher und verstummte. Keine Texte, keine Interviews, keine Fotos. Don DeLillo speiste Reporter mit einer Visitenkarte ab. Aufschrift: "Ich will nicht darüber reden." Und der große Thomas Pynchon versteckt sich bis heute vor der Öffentlichkeit. Seine Romane deponiert er unerkannt in einem Postfach, wo sein Verleger sie dann abholen kann.

"Der Dichter, der sein Gesicht verbirgt, bewegt sich auf heiligem Terrain. Er benutzt Gottes eigenen Trick", heißt es in DeLillos Roman Mao II, und bei Harper Lee funktionierte der Kniff in diesem Jahr erstaunlich gut. Die Inbrunst, mit der Gehe hin, stelle einen Wächter, ihr zweiter Roman, erwartet wurde, bewies endgültig, dass ein Autor nur lange genug stillhalten muss – in diesem Fall rund 40 Jahre –, damit seine Texte vom literarischen ins epiphanische Genre wechseln.

Während Harper Lee sämtliche Verleger und Verehrer abwimmelte, schrieb Stephen King 54 Romane, die sich rund 350 Millionen Mal verkauften. Ob Lee den Vielschreiber kennt, das weiß niemand zu sagen, aber King erwähnt die Schriftstellerin seinerseits in seinem unlängst auf Deutsch erschienenen Thriller Finderlohn. Die Hauptfigur, ein berühmter, zurückgezogen lebender Schriftsteller, widmet ausgerechnet der Schöpferin des Nachtigallen-Romans eines seiner wenigen Bücher.

Später dann tritt ein junger Mann auf, der das schmale Œuvre des Starautors als Kränkung begreift. Er fühlt sich zurückgewiesen als Leser und Fan. Kurzerhand sucht er den Autor auf, ermordet ihn und stiehlt dessen Notizbücher, die gleich mehrere wunderbare Prosawerke enthalten (auch dies übrigens ein intertextuelles Echo – in Mao II erklärt ein Salinger-hafter Großdichter: "Man würde ihn erschießen. Nicht irgendein Jäger oder Scharfschütze. Sondern ein hingebungsvoller Leser").

So kommt in Finderlohn eine Kriminalgeschichte in Gang, von der man nur so viel preisgeben darf: Sie stellt zwei grundlegende Arten von Rezipienten vor. Da ist einmal der Eiferer, der das Werk nur für sich haben will und unbedingt über dessen Bedeutung verfügen möchte, weil die Grenzen zwischen Leben und Dichtung für ihn nicht gelten sollen. Und dann ist da der Analytiker, der weiß, dass das Werk immer wieder ausgelegt werden muss – von vielen, über die Zeiten hinweg –, um dessen ästhetischen Wert zu erhalten und nicht in Ideologie zu erstarren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Vom exzeptionellen, zum Fetisch stilisierten Text geht eine große Gefahr aus, sagt dieser Schmöker, der wie jedes King-Werk von Düsseldorf bis Dubai erhältlich sein wird, übersetzt in mindestens 50 Sprachen. Im schlimmsten Fall verwandelt sich eine als Offenbarung gehandelte Literatur in eine unerschütterliche Doktrin, wird Anlass zu Verfolgung und Mord. Nicht die schlechteste Lektion, die ein Millionenseller unter der Hand vermitteln kann, gerade in diesen Zeiten.