Es ist nun schon etwas her, 133 Jahre, dass die Hamburger durch eine einzige Entscheidung die Erscheinung ihrer Stadt radikal veränderten. Elektrisches Licht über Straßen und Plätzen, eingeführt anno 1882, verwandelte die nächtliche Welt der einzelnen, von rußenden Gasfunzeln notdürftig erhellten Lichtzonen in eine sanft beleuchtete, wenn auch aus heutiger Sicht vermutlich immer noch recht düstere Stadtlandschaft. Heller, billiger, weniger gefährlich – "wenn diese thatsächlichen Vorzüge des elektrischen Lichts in ihrem vollen Umfang gewürdigt werden, so muss man auch zugeben, dass es jetzt an der Zeit ist, nicht mehr auf ein ›ungewisses Besseres‹ zu warten, sondern das ›effektiv Gute‹, was jetzt geboten wird, zum eignen Vortheil auszunutzen" – so warb ein zeitgenössischer Lampenhersteller. Die Hamburger nahmen ihn beim Wort, als Erste in Deutschland.

Dass es an der Zeit sei, im eigenen Interesse nicht länger auf ein ungewisses Besseres zu warten, lässt sich mit einigem Recht heute wieder behaupten. Inzwischen existiert das blaue, mit technischen Tricks in Weiß umwandelbare LED-Licht seit einem Vierteljahrhundert. Die besten LEDs geben ein neutrales, auf Wunsch eher warmes Licht, das ohne Weiteres selbst zur Ausleuchtung von Kunstwerken taugt. Ihre weniger hochwertigen, blaustichigen oder einzelne Farben verfälschenden Verwandten dürften bald vom Markt verschwinden.

Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Zeitpunkt gekommen, die nächtliche Stadt in ein schöneres, sparsameres, weniger umweltschädliches und auf lange Sicht preiswerteres Licht zu setzen?

Wir könnten der Nacht die Farben zurückgeben. Und das wäre nur der Anfang.

125.000 Lampen beleuchten die Straßen und Plätze der Stadt, gerade einmal 1.600 davon sind LEDs. Wer Leuchtdioden für den Inbegriff technischen Fortschritts hält, könnte das rückständig finden. Es ist aber eine Chance. Mit LED-Licht der ersten Generationen hätte die Stadt viel falsch machen können, sie hätte sich für eine damals noch nicht ausgereifte Technik entschieden. Die Pioniere der Diodenbeleuchtung haben ihre neuen Straßenlampen teilweise wieder abbauen müssen, während andere dank der beträchtlichen Haltbarkeit dieser Leuchten mit den Folgen ihrer Ungeduld noch lange leben werden müssen.

Die 123.400 Lampen, die noch keine LEDs sind, bergen aber auch eine Gefahr. Dass sie bis ans Ende ihrer Tage ihren im Schnitt rund 25-jährigen Dienst versehen werden, ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Nicht nur, da diese attraktive, sparsame Alternative aufgetaucht ist. In einigen Jahren wird Hamburg neu beleuchtet sein, regelrechte "Drückerkolonnen" der Lampenhersteller bedrängten die Kommunen, sagt der Lichtplaner Peter Andres. In Hamburg ist für sie besonders viel zu holen.

Anders gesagt: Diese Stadt kann in den kommenden Jahren auch besonders viel falsch machen.

Peter Andres, Lichtplaner von Beruf, zählt zu jener Runde von Experten, die als Lichtbeirat die Stadt beraten. Dass etwa die Binnenalster bei Nacht den Eindruck eines Gesamtkunstwerks macht, zurückhaltend und eher warm ausgeleuchtet mit dem altarartig illuminierten Konsumtempel des Alsterhauses in der Mitte und den in Halbsymmetrie bestrahlten Fassaden von Hapag-Lloyd und dem Hotel Vier Jahreszeiten zur Linken und zur Rechten – das ist ein Verdienst des Lichtbeirats. Ohne ihn würde in der Innenstadt das freie Spiel der Marktkräfte ausgetragen, eine Effekthascherei im Wettstreit um Aufmerksamkeit und Kunden, die vermutlich zu reeperbahnartigen Verhältnissen geführt hätte.

Großer Überredungskunst habe es bedurft, sagt Andres, den Computerhersteller Apple zu bewegen, sein Logo am Jungfernstieg immerhin nur mit einem Drittel der ursprünglich beabsichtigten Helligkeit erstrahlen zu lassen.

Gutes Licht ist dezent. Es tritt zurück hinter das, was es zeigt

Wer Peter Andres, einen bärtigen Endfünfziger, in seinem Lichtlabor in Langenhorn besucht, trifft einen Mann, der sich ins rechte Licht zu setzen versteht: An seinem Schreibtisch lässt er sich von einer selbst entwickelten Lampe indirekt ausleuchten. Die Arbeitsfläche, die Hand mit der Computermaus werden zusätzlich direkt angestrahlt. Das sei die optimale Mischung, sagt er. Diffuses Licht als eine Art Grundierung, aber für sich genommen "langweilig". Dazu direktes Licht für die Effekte.

Wer einige Stunden bei Peter Andres verbringt, wird die nächtliche Welt hinterher mit kritischeren Augen sehen. In seinem Lichtlabor leuchten die gleichen LED-Strahler, wie sie auch in den Deichtorhallen eingesetzt werden, mit ihrer unmerklichen Art, die Färbung ihres fast perfekten Lichts dem Tagesablauf anzupassen. Es gibt das mehrere Meter lange Modell eines ICE der nächsten Generation zu bestaunen, im Inneren erstklassig ausgeleuchtet, im Wortsinn: Diese Leselampen in Kopfhöhe, diese behaglich zuschaltbare Tischbeleuchtung, diese der Tageszeit angepasste dezente Ausleuchtung des Fußraumes werden Reisenden der Ersten Klasse vorbehalten bleiben. Licht als Distinktionsmerkmal.