Nun beginnt ein neues Jahr, und wie ein jedes Jahr wird es mit einem großen Teilen beginnen. Die Menschen werden Raketen in die Nacht schießen, und die Raketen werden – zischpuff, zischpuff – bunte Funken auf den Himmel gießen. Sie werden das champagnertrunkene Publikum feuertrunken machen, ob es nun selbst Raketen in die Nacht geschickt hat oder nicht. Zischpuff, zischpuff, die Menschen werden unter dem bunten Himmel kurz Brüder sein.

Dann werden die Leute am Morgen aufwachen, manche werden Kopfschmerzen haben, und viele werden in den folgenden Monaten streiten, weil sie nicht teilen oder weil sie etwas von anderen abhaben wollen. Von diesem Konflikt werden die großen ökonomischen Geschichten des Jahres 2016 in Deutschland und Europa handeln und davon, ob er sich lösen lässt. Das Feuer am Himmel können nämlich alle sehen, ohne dass jemandem dadurch etwas fehlt. Bei den meisten anderen Dingen im Leben ist das nicht so. Was sich einer nimmt, kann der andere nicht mehr nutzen.

Die Bilder von freiwilligen Helfern am Münchner Hauptbahnhof wirkten in die Welt wie die Raketen am Silvesterhimmel. Auf Telefonbildschirmen der Armen und Verfolgten sah es aus, als sei Hilfe dort nicht begrenzt. Die Bilder zeigten ein freundliches Land, in dem die Menschen ihre Schränke räumten und ihre Freizeit opferten.

Nun wird sich die Frage nach der Fortsetzung stellen: Was passiert, wenn alle Altkleider weggegeben und die Urlaubstage aufgebraucht sind? Sind die hilfsbereiten Deutschen dann auch bereit, neue Kleidung zu kaufen und etwas abzugeben, das sie noch brauchen können? Und was ist mit Jobs und dem ohnehin knapper werdenden Wohnraum? Sind wir auch hier bereit, mit den Neuankömmlingen zu teilen? Die Antwort auf diese Frage wird mit entscheiden, ob der soziale Frieden hält oder nicht.

Allein um die Flüchtlinge wird es aber nicht gehen. Sie bringen zwar die soziale Tektonik des Landes in Bewegung, doch latente Bruchlinien, die die gesellschaftliche Statik gefährden, hat es schon vorher gegeben. Die Flüchtlinge machen sie nur sichtbarer und größer. So ist es auch in Europa, seit es darum geht, Lasten zu teilen statt Subventionen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

In Deutschlands Flüchtlingsheimen helfen Menschen mit hohen Einkommen und mit niedrigen. Es helfen solche aus armen und aus reichen Stadtteilen. Doch es begegnen meist nur die ärmeren den Flüchtlingen auch in der eigenen Nachbarschaft. Viele Ärzte, Anwälte und Manager oder zumindest ihre Nachbarn wollen sie oft nicht in ihren Stadtteilen haben. Sie fürchten um den Wert ihrer Häuser und dass ihre Buben und Mädchen sich mit Flüchtlingskindern die Klassenzimmer teilen. Manchmal setzten sie sich durch wie in Hamburg-Harvestehude, weil das Baurecht Macht ist und weil sie darauf durch gute Anwälte und Kontakte in die Politik größeren Einfluss haben als die Bewohner armer Stadtteile. Tatsächlich machen die baurechtlichen Abwehrgefechte in reichen Gegenden aber ohnehin nur eine von der Zuwanderung unabhängige Entwicklung sichtbar und schärfer: Die steigenden Immobilienpreise in vielen Stadtteilen verfestigen und vergrößern nicht nur die Ungleichheit bei Vermögen. Sie behindern auch Chancen zum sozialen Aufstieg, weil die Frage, wer wo wohnt, dafür eine Rolle spielt.

So ist das Baurecht zur Waffe bei der Selbstverteidigung im Kampf um Wohlstand geworden und zur Abwehr sozialer Aufsteiger. Es verhindert in manchen Gegenden neue Gebäude, verteuert so den Wohnraum und schließt ärmere Menschen von dort aus. Für Amerika ist dieser Zusammenhang sogar als flächendeckendes Phänomen wissenschaftlich gut dokumentiert, Ökonomen sprechen von "Zoning". Es geht dabei nicht nur darum, den Wert der eigenen Grundstücke zu steigern und zu erhalten. Das Phänomen führt auch dazu, dass diejenigen aus ärmeren Gegenden gar nicht erst in die reicheren ziehen können, um dort zu arbeiten oder ihre Kinder auf die besseren Schulen dort zu schicken.

Die bürokratische Abwehr von Flüchtlingsheimen ist nicht mehr ganz so lautlos, wie es die üblichen anwaltlichen und politischen Kanäle in die Bauämter sind, mit denen sich Stadtteile abschotten lassen. Der "Wir haben nichts gegen Ausländer, aber"-Protest ist öffentlicher. Doch wirksam ist auch er. Dabei müssen sich die sozial Bessergestellten ohnehin keine existenziellen Sorgen wegen der Flüchtlinge machen. Im Zweifel profitieren sie durch die zusätzlichen Ausgaben des Staats für Lehrer und Gebäude sogar.

Sorgen machen müssen sich andere. Es sind diejenigen, die in den vergangenen Tagen Pakete in Versandhäusern eingepackt, sie in Lagerhallen verteilt und zu den Wohlhabenden ausgeliefert haben. Es sind diejenigen, die in den Häusern der Besserverdienenden putzen und schwere Arbeiten verrichten. Es sind diejenigen, die mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde auf gut 1.100 Euro netto im Monat kommen und weder Zeit zum Teilen haben noch Geld.

Der Druck auf Arbeitnehmer ohne gute Ausbildung ist durch Maschinen und Computer ohnehin schon größer geworden als früher. Er wird durch die vielen Menschen, die die deutsche Sprache erst lernen müssen und nur ihrer Hände Arbeit anbieten können, noch größer werden, wenn viele von ihnen im kommenden Jahr arbeiten dürfen.

Es wird dann wichtig sein, den Druck auf Bürger mit geringen Chancen auf hohes Einkommen und auch auf soziale Teilhabe zu verringern. Das ist auch im Interesse der Wohlhabenden, wenn sie nicht in einem Land leben wollen, in dem extreme Parteien mit extremen Lösungen ihre Vermögen gefährden oder in dem sich der Hass auf Fremde widerlich Bahn bricht.

Es folgt daraus eine Konsequenz für den Einzelnen, die etwas wohlfeil klingt, aber es beginnt ja ein neues Jahr, da geht es um Vorsätze, und deshalb soll das an dieser Stelle mal okay sein. Also, wenn es wieder ein sensationell günstiges Angebot einer Putzkraft gibt oder wenn wir den Paketboten mit der Balkonmöbelkollektion in den vierten Stock bestellen, wenn etwas auf einmal viel billiger ist als zuvor, weil Internetbörsen die Preise dafür drücken, dann könnte man sich erst einmal diese einfache Frage stellen: Wer zahlt den Preis dafür?

Und dann könnte man auch eine Konsequenz ziehen. Falls jemand den Preis zahlt, der im Verteilungskonflikt um Lohn und Arbeit relativ wenig Macht hat, sollte man als Konsument und Bürger auch eine Antwort geben und den Anbieter wählen, der seine Arbeitnehmer anständig bezahlt. Und wenn das nicht geht, dann könnte man mal darüber nachdenken, dass selbst zwei Euro Trinkgeld für eine Paketlieferung schon ein Viertel des Stundenlohns eines Paketzustellers oder einer Putzfrau sind – und dass die geschleppten Balkonmöbel vielleicht mehrere Hundert Euro gekostet haben.

Welche Rolle spielt Macht?

Das wirkt ein bisschen klein, wohl wahr, aber das allein ist es nicht. Es geht darum, dass Konsumentscheidungen auch politische Entscheidungen sind, wenn man als Verbraucher eine Wahl hat – und sie sich leisten kann.

Natürlich kann der politische Konsument allein soziale Spannungen nicht lösen. Deshalb wird auch der Staat Antworten finden müssen, damit Verteilungskonflikte das Vertrauen in ihn nicht untergraben, was ja schon geschieht, wenn man sich diese eigenartigen Querfrontdemonstrationen anschaut, auf denen sich linke und rechte Milieus mit denjenigen mischen, die einfach keine ökonomische Chance für sich sehen.

Welche Rolle Macht bei diesen Fragen spielt, hat ein politisches Großprojekt gezeigt, mit dem das nun endende Jahr begann. Damals taten Politiker und Wirtschaftsverbände so, als gefährde die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns den Fortbestand Hunderttausender Arbeitsplätze. Heute wirkt das Vorhaben maushaft in seiner Dimension und überraschend in seinen Konsequenzen. Der Mindestlohn hat entgegen aller Kritik von Unternehmensverbänden nicht dazu geführt, dass es weniger Beschäftigte gibt. Deren Zahl ist sogar gestiegen.

Der Streit um den Mindestlohn ist eine Machtfrage – und sie wird sich verschärfen

Die Unternehmen wollten einfach nicht mehr von ihren Gewinnen mit den einfachen Angestellten teilen. Dann wurden sie gezwungen. Nun zeigt sich: Es war nur eine Machtfrage um die Verteilung der Wertschöpfung.

Die Machtfrage um den Mindestlohn wird sich im kommenden Jahr und denen, die folgen, wieder stellen. Er wird dann neu zu verhandeln sein. Das liegt nicht nur an den Flüchtlingen, von denen viele wohl keine Arbeit finden werden, für die jemand die aktuelle Lohnuntergrenze bezahlen wird. Viele sozialtektonische Bruchlinien hätten auch ohne sie irgendwann zu Konflikten um das Teilen geführt, spätestens dann, wenn Deutschlands Unternehmen einmal nicht mehr so gut verdienen wie zurzeit. Durch die Flüchtlinge werden diese Risse nur früher sichtbar. Wie stark die politischen Beben dann werden können, das hat sich im ablaufenden Jahr gezeigt, als extreme Parteien in europäischen Staaten mit hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Problemen beängstigend viel Macht gewannen.

Man ist damit beim zweiten großen Streit um das Teilen. Auch ihn gäbe es ohne die Flüchtlinge. Auch ihn machen sie schärfer und sichtbarer.

Die Europäische Union, man könnte es gerade fast vergessen, gründet ja auf einer Idee des Teilens: Ihre Staaten teilten wirtschaftliche Verantwortung, um den Frieden zu sichern. Daraus erwuchsen die Ideen des geteilten Wirtschaftsraums und der geteilten Währung, aus der Erzählung vom Frieden durch Teilen wurde die des Wohlstands durch Teilen.

Es wirkte, als produziere dieses Europa ein Feuerwerk, das alle betrachten können. Als regneten die Feuerfunken als Geld vom Himmel und als müsse keiner dafür abgeben, wenn sie nur immer Freude, schöner Götterfunken spielen zu den Treffen der Staatschefs. Es ist bloß so, dass diese Geschichte vom Teilen nicht stimmt, sie tut es schon lange nicht mehr. Das europäische Teilen, von dem alle profitieren, erwies sich spätestens in der Euro-Krise als große Illusion – und es erweist sich noch mehr als Illusion bei der Frage, wie der Kontinent mit den Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak umgehen soll.

In der Euro-Krise zeigte sich, dass manche Staaten die gemeinsame Währung ausgenutzt hatten. Sie verschuldeten sich so hoch, dass sie das Geld nicht zurückzahlen konnten. Teilen bedeutete für sie: Die Verluste sollten die reichen Staaten tragen. Am Ende bezahlten die Steuerzahler. Nun geht es in der nächsten Krise so weiter: All jene Staaten im Osten Europas, die seit Jahren EU-Subventionen kassieren, wollen keine Flüchtlinge aufnehmen.

Das Ergebnis ist dieses: Im Jahr 2015 wurde aus einer europäischen Ordnung des Teilens endgültig eine Trittbrettfahrer-EU. Alle wollen profitieren, und keiner will bezahlen.

Die Illusion des Götterfunken-Europas ließ sich in der Vergangenheit aufrechterhalten durch ein einfaches Spiel. Seit der Nachkriegszeit hatten Staaten und Privatmenschen sich Geld geliehen, wenn nicht genug da war. Das geborgte Geld ließ sich dann später zurückzahlen, wenn es durch Wirtschaftswachstum mehr Wohlstand gab. Schulden und Wirtschaftswachstum waren mächtige soziale Entspannungsinstrumente, weil sich Verteilungskonflikte damit entschärfen und in die Zukunft verschieben ließen. Das war innerhalb vieler Staaten so und auch zwischen den Staaten Europas.

Doch ausgerechnet in einer Zeit, in der die Spannungen innerhalb und zwischen den Staaten so groß sind wie seit dem Ende des Kalten Krieges, vielleicht sogar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht, funktionieren diese Instrumente nicht mehr. Staatsschulden haben in die Krise geführt, und die Wirtschaftsleistung wächst langsamer als früher. Die Verteilmaschine Europa erweist sich als tauglich, um Subventionen zu verteilen, aber als untauglich, um Lasten zu verteilen in dieser neuen Welt der Krisen.

Der Kontinent und seine Politiker müssen das nun lernen. Sie werden im kommenden Jahr nicht immer zu dem Ergebnis kommen, dass mehr Europa die richtige Lösung ist. Es wird auch darum gehen, dass Grenzen, Regeln und Gesetze wieder etwas gelten, dass sie eben nicht teilbar sind. Wo Europa nicht in der Lage ist, das zu gewährleisten, wird es diese Aufgaben den Staaten zurückgeben müssen, um ein Raum der Freiheit und des Rechts zu bleiben, was ja einmal Wesenskern der EU war.

Hatten uns in dieser Zeit des gefühlten politischen Stillstands nicht zumindest die schnellen Unternehmen der Sharing-Economy, der Ökonomie des Teilens, mehr Freiheit und Wohlstand versprochen? Sie wollten doch den Mangel an Parkplätzen und Autos besiegen (Carsharing), an Wohnungen zum Urlaubmachen (Airbnb) und an Bohrmaschinen, die meist nutzlos herumliegen (zumindest war davon immer zu lesen, auch wenn das Bohrmaschinenproblem sicher viele Menschen nicht schlimm belastete). Nun sind selbst diese Unternehmen Teil einer ganz anderen Entwicklung, bei der es nicht um die effizientere Verteilung von Konsumgütern geht, sondern um eine Neuverteilung ökonomischer Macht und Ressourcen: Sehr junge digitale Firmen stellen mit wenigen hochspezialisierten Experten die Geschäftsmodelle sehr alter Branchen und Konzerne infrage. Das trifft nicht nur deren Besitzer, sondern auch die Beschäftigten. Wo früher sehr wenige Investmentbanker sehr reich wurden, werden heute noch weniger Gründer von Finanztechnikfirmen noch reicher. Wo früher nur Arbeiter in Fabriken durch Maschinen ersetzt wurden, trifft es heute auch Sachbearbeiter in den Büros der Verwaltungen. Auch diese Neuverteilung von ökonomischer Macht hat epochalen Charakter, manche Ökonomen sprechen von einer neuen industriellen Revolution.

Das hat politische Konsequenzen, weil es um die Ausbildung von Menschen geht und um die Frage, wie der Staat mit den neuen Arbeitslosen und der Finanzierung des Sozialstaats umgeht. Den beteiligten Unternehmen allein sollte man die aus ihren Geschäftsmodellen erwachsenden Verteilungskonflikte auf jeden Fall nicht überlassen, wenn einem sozialer Ausgleich etwas wert ist: Uber etablierte sich als eine Art Mitfahrzentrale zum Autoteilen und baute schließlich unter der bewussten Inkaufnahme von Gesetzesbrüchen einen Taxidienst zu Dumpinglöhnen auf. Airbnb war gestartet als Portal zum Wohnungsteilen und wurde zum Geschäft, das mancherorts die Wohnungsknappheit vergrößerte und die Mietpreise erhöhte. Auch in dieser schönen neuen Welt stellt sich stets die Frage: Wer zahlt den Preis?

Die Sharing-Economy in ihrer kommerzialisierten und digitalen Ausprägung funktioniert wie Europa und der deutsche Sozialstaat ohne Konflikte, solange genug für alle da ist. Doch das ist ganz offenkundig nicht der Fall, wenn in der Summe alle mehr wollen, als da ist: mehr Geld und mehr Teilhabe, und wenn Schulden und Wirtschaftswachstum zur Entspannung nicht mehr funktionieren. Diese Situation löst keine Sharing-Economy, die ein paar herumliegende Bohrmaschinen verteilt. Es braucht dafür eine Ökonomie der Lastenteilung, die fair verteilt, was keiner haben will: Mangel und Kosten. So eine Ökonomie der Lastenteilung muss inklusiv genug sein, um den Frieden im Land und in Europa zu bewahren. Und sie darf nicht in Umverteilung ausarten, die jene bestraft, die sich anstrengen.

Schaffen wir das?

In Deutschland wird es darum gehen, zumindest die Chancen der Einzelnen so gut zu gestalten wie möglich. Dazu wird die Debatte der Ökonomen und Politiker sich ändern müssen. Statt laufend irgendwelche Konjunkturprogramme und Schulden zu fordern, sollten sie einmal darüber diskutieren, wie eine Politik des Genug aussehen könnte. Nach all den Jahren des niedrigen Wirtschaftswachstums könnte es ja sein, dass das, was es zu verteilen gibt, einfach nicht mehr mehr wird. Zudem ist unübersehbar, dass durch neue Technologien oftmals weniger Menschen als zuvor etwas vom neuen Wohlstand abbekommen. Es muss ja nicht gleich ein Grundeinkommen für alle Bürger die Lösung sein (auch wenn man öffentlich darüber streiten sollte), aber eine Grundausstattung für alle Kinder, die ihnen ähnliche Chancen eröffnet, wäre ein Anfang. Wenn die Kinder von Einwanderern zum Beispiel auf ähnlich gute Schulen gehen können wie die der reicheren Bürger, dann würden sie nicht schon mit einem Nachteil starten, was ja nur im Sinne des Wettbewerbs ist.

Kompromisse, die nur ein laufend frustriertes Europa erhalten, schaffen Unfrieden

In Europa wird zunächst eine große Rolle spielen, wie gute Verhandler dort am Werk sind. Große Verhandler sind ja auch große Experten des produktiven Teilens. Sie tauschen Dinge, die für sie selbst nicht teuer sind, gegen solche, die der anderen Seite wichtig sind – und umgekehrt. So ein Handel wäre zum Beispiel mit Griechenland gut zu machen: mehr Hilfe bei den Finanzen gegen mehr Hilfe bei den Flüchtlingen. Bei allem Ärger, den mancher deutsche Politiker über die Griechen empfinden mag und mancher Grieche über die Deutschen: Gute Verhandler fragen sich nur, was die beste Alternative zu einem Verhandlungsergebnis ist, das auf dem Tisch liegt. Wenn es keine bessere gibt, dann schlagen sie ein.

Zu Silvester könnte man also einfach mal den hässlichen kleinen Bruder des Teilens zur Person des Jahres auszurufen: den Kompromiss. Er ist das Feuerwerk, unter dem sich Politiker und Bürger in Demokratien versammeln, und er ist besser als ein andauernder Konflikt. Im ersten Moment sieht er zwar nicht immer schön aus. Aber im vergangenen Jahr hat er in Deutschland und Europa den Frieden erhalten, nach dem sich so viele Menschen auf der Welt sehnen. Er hat Interessen, Geld und Macht geteilt. Die Menschen, die fliehen, kommen aus Staaten, in denen Eliten all das nicht teilen.

Im Sinne dieses Friedens sollte aber auch ein kollektiver neuer Vorsatz am Beginn des neuen Jahres stehen: Die Regeln zwischen Europas Staaten müssen wieder gelten, sie müssen sie durchsetzen an den Grenzen und bei ihren Haushalten. Falls Europa das nicht bald gelingt, sollten die Staaten sich wieder selbst um jene Aufgaben kümmern, die die EU ganz offensichtlich überfordern. Das wäre besser als gemeinsame europäische Regeln, die alle missachten. Denn ein Kompromiss mit dem Zweck, ein alle Beteiligten laufend frustrierendes Europa zu erhalten, schaffte mehr Schaden als Nutzen und mehr Unfrieden als Frieden. Darüber kann man natürlich streiten. Vielleicht ja auf Basis dieses Artikels. Er lässt sich einfach herausreißen. Sie können ihn dann teilen.

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