Seefahrten gehören zum literarischen Stoff, aus dem die Träume sind. Sie handeln von Eroberung und Flucht, Handel und Hybris, von kühnen Abenteuern und spurlosem Verschwinden. Und sie bilden seit Homers Zeiten einen exquisiten Metaphernpool. Heute, im Zeitalter ihrer kommerziellen Banalisierung, sind sie meist nur mehr schrecklich amüsante Gegenstände für Sozialstudien auf engem Raum oder für Fantasien erlesener Einsamkeit in der Masse. Und dann sind da in jüngerer Zeit die vielen Alten an Bord, die sich nicht mehr gut bewegen können und deshalb im großen Stil bewegt werden wollen. Ein deutscher Schauspieler, eingeladen auf dem realen deutschen, inzwischen insolventen Traumschiff, hat dieses barbarischerweise "Mumienschlepper" getauft.

Das alles macht das Sujet der Seereise schwierig. Aber nun schafft es ausgerechnet der oft als Übertreiber getadelte und gern mit futuristischem Tamtam auftrumpfende Erzähler Alban Nikolai Herbst, genau diese wunde Stelle, an der sich das endende Leben mit der endlosen Reise auf dem Schiff verbindet, zu einem bitterzarten Endspiel zu gestalten. Er verzichtet dabei weder auf die Großparabel, die das Meer als stehende Zeit und das Schiff als das sie durchpflügende Leben fasst, noch auf die kleinsten Kuriositäten, die sich gebildete Europäer bei Zigarillo und Zigarre abends nach dem Borddinner leisten. Sie pflegen Amouren und Intrigen und behandeln sich alle mit Nachsicht.

Unter ihnen der Ich-Erzähler Gregor Lanmeister, lange schon auf dem Traumschiff unterwegs. Ihm schwant, dass es seine letzte Reise sein wird. Und er begreift, dass ein gutes Viertel der Mitreisenden das Schiff nicht mehr lebend verlassen wird. Er kann diese Todgeweihten inzwischen erkennen. 144 sind es, so viele wie das Mah-Jongg-Spiel, das ihm ein Freund an Bord hinterlassen hat, Steine hat. Diese chinesischen Spielsteine heißen übersetzt Sperlinge, und – jetzt berühren wir schon ein wesentliches Erzählverfahren von Herbst – von den Sperlingen geht der Blick hinauf zu den in der Luft tanzenden Schwalben. Sie sind die Sehnsuchtsvögel des Reisenden, seit er sie im Paarflug bei der Insel St. Helena beobachtet hat, eine endemische Schwalbenart mit dem poetischen Namen Feenseeschwalbe. Und Schwalbe heißt auf Russisch lastivka, als Kosename Lastotschka. Und genau so nennt der Reisende seine angehimmelte Klavierspielerin an Bord, eine junge Ukrainerin, die davon nichts ahnt. Ihr gelten die Aufzeichnungen Lanmeisters in mehreren schwarzen Kladden, die er eifersüchtig vor jedem versteckt, nur nicht vor uns, die wir sie lesen in Gestalt dieses Romans. Dessen Konstruktion ist also durch und durch manieriert, ebenso wie die Sprache, weil Herbst versucht, den Bewusstseinszustand eines hinfälligen und schrumpfenden Menschen zu spiegeln.

Dieser Mensch, dies die große, nicht unproblematische Pointe des Ganzen, spricht nicht mehr. Er ist verstummt, nicht in seiner Qual, sondern im narzisstischen Begehren, sein Inneres, die großartige Kathedrale, zu schützen vor der invasiv lärmenden Gesellschaft. Er bekommt gleichwohl alles mit und wir Leser, dank der Aufzeichnungen des Stummen, eben auch. Die kleinen sprachlichen Aussetzer dabei, die grammatischen Verdrehungen, später die immer größeren Gedächtnislücken, selbst Personen betreffend, die wir Leser vorher kennen gelernt haben, sind ein gutes Mittel, den Gedächtnisverfall darzustellen, ja sogar das Vergessen selbst zu inszenieren. Man wird hineingezogen in das beschädigte Bewusstsein und teilt zugleich seine stille, zufriedene und trotz aller Infarkte, Stürze, Übelkeiten fast schon glückliche Existenz im Hier und Jetzt.

Herbst besingt das Leben als ein verschwindendes, er schreibt eine Utopie des Sterbens, die ganz und gar ungewöhnlich ist: innerhalb der Literatur unserer Zeit, aber auch innerhalb der Diskussionen unserer Gesellschaft über Palliativmedizin und Sterbehilfe. Das Abschiednehmen vom tätigen Leben, vom Meinen und Sprechhandeln überhaupt, verwandelt sich in die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren: der schönen Frau, den tanzenden Schwalben, der Musik, die sich wie das Meer und das All ausdehnt und zusammenzieht. Lanmeister ist an nichts Konkretem mehr interessiert, aber zum großen Ganzen hingezogen. Wireless LAN sei ein technoider Ausdruck für den Einzelnen, unterwegs ohne feste Bindung an die Welt. Aber trotz dieser ozeanischen Lebensvorstellung wirkt der Roman nie jugendstilig verkitscht oder metaphysisch verquast.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Na ja, fast nie. Denn es gibt neben ein paar Redundanzen und kleinen Unbeholfenheiten zwischendurch auch ein größeres erzähltechnisches Problem. Das abnehmende Bewusstsein, in das wir lesend einbezogen sind, ist eben doch nicht, wie suggeriert wird, identisch mit dem Bewusstsein des Erzählers. Wäre es das, hätten wir es am Ende wahrscheinlich mit einem Beckettmonolog der Tautologien und Redundanzen zu tun. Der Erzähler des Traumschiffs allerdings ist bei aller Erschöpfung und leicht vergoldeter Trauer doch ziemlich fit und auf dem Quivive bis zuletzt, bis in den letzten Satz hinein, den er tatsächlich auch wieder spricht: "schaut doch". Das zielt auf das Jetzt, die Erscheinung, in der die Zeiten zusammenfallen und der Tod aufgehoben ist. Also: Ein wenig mehr vom Wenigerwerden wäre viel mehr gewesen. Oder anders: Der Erzähler gibt zu viel vom eigenen Wissen in die erzählte Geschichte vom Verschwinden dieses Wissens. Und trotzdem ist das Traumschiff ein staunenswert schöner Roman über das Sterben.

Videolesung - Alban Nikolai Herbst liest aus "Traumschiff"

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff.
Roman; mare Verlag, Hamburg 2015; 320 S., 22,– €