Die Uffizien in Florenz © dpa

Als das Telefon ihn weckte und er schlaftrunken abnahm, als ihm freudig entgegenklang, dass er es geworden sei und künftig die Uffizien in Florenz leiten dürfe, dieses älteste und stolzeste aller Kunstmuseen, da spürte Eike Schmidt, der sonst doch ganz in sich ruht, wie ihm die Hände zitterten. Vier Jahrhunderte lang schien es undenkbar, das stolze Erbe Italiens in die Hände eines Ausländers zu legen. Und nun ist er es, ausgerechnet ein Deutscher, dem sie Leonardo und Botticelli, Giotto und Caravaggio anvertrauen. Eine Demütigung in den Augen vieler Italiener. Unterschriften wurden gesammelt, um den alten Direktor zu halten.

Heute kann Schmidt über die Proteste vom Sommer milde lächeln. In den wenigen Wochen, die er nun im Amt ist, habe man sich rasch aneinander gewöhnt. "Wenn ich den Mund aufmache, verfliegen die Vorurteile." Der neue Sammlungsleiter, gut beleibt und groß gewachsen, spricht mit Sarastrobass und vor allem: Er spricht Italienisch und hört sich die italienischen Sorgen an, höflich und mit Geduld. Damit hat er seine ersten Tage verbracht, von morgens um sieben bis nachts um elf. Gerade eben waren vier Gewerkschafterinnen bei ihm im Direktorenzimmer, haben sich auf den zitronengelb bezogenen Stühlen niedergelassen, und aus den vereinbarten 25 Minuten wurden 75. "So ist es immer", sagt Schmidt. "Anfangs versichern alle, es laufe doch wunderbar. Dann aber gibt es jede Menge zu erzählen, denn viele spüren, dass es einfach nicht weitergehen kann wie bisher."

Die Uffizien ersticken am eigenen Erfolg. Bis zu 7.000 Besucher stellen sich tagtäglich in die ewigen Warteschlangen, nur um sich anschließend durch die Galerien zu schieben, wo sie vor lauter Hinterköpfen die Gemälde kaum sehen können. Voll war es hier immer, vor allem im Botticelli-Saal. Doch binnen weniger Jahre haben sich die Zahlen fast verdoppelt, auf rund zwei Millionen im Jahr. Schmidt hat ein Luxusproblem, seiner Kunst droht der Untergang – in übermäßiger Begeisterung.

"Natürlich könnte ich auch ein paar Pusher engagieren, so wie in der japanischen U-Bahn, wo die Passagiere von außen in die Waggons gedrückt werden." Damit aber würden sich die Uffizien endgültig ad absurdum führen, sagt er. Irgendwie müsse es doch gelingen, dass sich die Besucher auch im schweren Getöse noch von der Kunst ergreifen lassen können. Wie einst Rilke ergriffen wurde, der den Torso Apollos erblickte und beschloss: Du musst dein Leben ändern!

Nein, Schmidt ist kein Schwärmer, auch wenn sich das so anhört. Eher schon ein idealistischer Pragmatiker, der einst in Florenz seine Dissertation schrieb – über das Elfenbein der Medici –, um dann an wichtigen Museen in den USA zu arbeiten, an der National Gallery in Washington, dem Getty in Los Angeles, am Minneapolis Institute of Arts. Wenn er in diesen Jahren eines gelernt hat, dann Achtung vor den Besuchern. "Bislang waren sie hier im Museum eher zufälliges Accessoire", sagt er. Das müsse sich ändern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Was aber soll das heißen? Die Uffizien waren als private Sammlung der Medici-Familie entstanden, später öffneten sie ihr Haus dem Publikum, das im Angesicht der Kunst begreifen sollte, wie mächtig Florenz, wie grundstürzend die Renaissance einst war. Bis heute sind die Säle dicht mit Bildern und Skulpturen gefüllt, so wie es sich die Connaisseure und Kunsthistoriker wünschen. "Doch das funktioniert nicht mehr", sagt Schmidt. 90 Prozent der Besucher kämen nur ein einziges Mal, und mit der Überfülle an Bildern seien die meisten überfordert.

Also ab ins Depot damit? Tatsächlich will Schmidt die Uffizien kräftig umkrempeln: will weniger zeigen, um dem einzelnen Kunstwerk einen größeren Echoraum zu bieten. Will die Sammlung digitalisieren, damit sie sich den Fachleuten in ihrer ganzen Fülle aufschließt. Will zudem die Uffizien als einen Ort der Bildung neu beleben, denn künftig soll sich jeder Besucher per Handy eigene aufwendig gestaltete Führungen abrufen können. In den letzten Wochen haben schon viele Spezialisten aus dem Silicon Valley auf den zitronengelben Stühlen des Direktors gesessen.

Vor allem aber will Schmidt neue Wege durch die Uffizien erschließen, über alle Treppenhäuser und bislang ungenutzte Nebensäle. Bisher müssen alle Besucher den großen Rundgang absolvieren, zum Ende wird das Lauftempo immer höher. "Die meisten hetzen an Caravaggio vorbei, und das liegt nicht nur an der miserablen Ausleuchtung."

Wie genau die entschleunigten, die neu erschlossenen, anders arrangierten Uffizien am Ende aussehen werden, das weiß Schmidt selbst noch nicht so genau. Erst einmal muss er sich durch den Irrgarten der Neben-, Unter- und Extraabteilungen kämpfen, muss herausfinden, wie viele Mitarbeiter er eigentlich hat (500? Oder doch 650? Gar 800?) oder wie hoch sein Budget ist. Verbindlich konnte ihm das noch niemand sagen, dabei werden die Uffizien zum 1. Januar in die Selbstständigkeit entlassen. Dann muss, dann darf er selbst entscheiden, was an-, was abgeschafft wird: mehr von den Topfpflanzen, die überall herumstehen? Mehr Computer? Mehr Wissenschaftler?

Das Museum soll sich erneuern, das ist Schmidts Auftrag aus Rom. Und zumindest in seinem Arbeitszimmer hat er damit begonnen. Vorher stand dort ein Direktorenthron, die Besucher mussten auf bescheidenen Schemeln hocken. Nun sitzen alle auf den gelben Sesseln, nicht unbedingt bequem, dafür egalitär. Sie waren schon da, Schmidt hatte sie im Bestand gefunden.