Manchmal, wenn Michal Štěrba an seinem Schreibtisch im Büro sitzt und die Arbeit für den Tag erledigt ist, legt er eine Platte auf. U2, Lana Del Rey, so etwas. Die Nadel des weißen Plattenspielers tastet dann Töne ab. Vorder- und Rückseite, A und B.

Michal Štěrba ist 37 Jahre alt, er gehört zu einer Generation, die gern in Großstädten zu Hause ist. New York, London, Berlin. Eine Generation, die Plattenspieler auf eBay kauft oder gleich ein ganz neues Modell; das Gerät wird dann liebevoll zwischen skandinavischen String-Regalen und Retro-Rennrädern platziert. Vinyl gibt es inzwischen wieder bei Ketten wie Media Markt zu kaufen und bei Läden wie Urban Outfitters. In Plattenläden und Onlineshops sowieso. Vinyl ist der einzige Tonträger, dessen Absatz jedes Jahr im zweistelligen Bereich steigt.

Seit zwei Jahren ist Michal Štěrba Chef von GZ Media, einem tschechischen Unternehmen. Kein anderes Werk weltweit produziert so viele Vinyl-Schallplatten, der Tagesrekord in diesem Jahr lag bei 75.000 Scheiben. Im Jahr schafft GZ Media bis zu 20 Millionen Platten. Es könnten viel mehr sein, GZ Media könnte im Jahr bis zu 50 Prozent wachsen, sagt der Chef. Das Problem: Der Trend, der nach der Jahrtausendwende aufkam, muss mit Maschinen aus den achtziger Jahren bedient werden.

Diesen Gegensatz sieht jeder, der nach Loděnice fährt, einem Dorf, rund 30 Kilometer von Prag entfernt. Nicht mal 2.000 Menschen leben hier. Über den Häusern, von denen kaum eines höher als ein Stockwerk ist, scheint ein grauer Schleier zu hängen, es gibt zwei Tante-Emma-Läden und eine Bushaltestelle. Die eine Brücke, die GZ Media mit der Autobahn nach Prag verbindet, wird gerade neu gebaut, weil sie den vielen Lkw, die Štěrbas Produkt in alle Welt transportieren, nicht mehr standgehalten hat. Loděnice ist ein Ort, an dem Musik noch Gewicht hat.

Wer hierher kommt, um sich von Michal Štěrba den Erfolg seines Unternehmens erzählen zu lassen, hört auch die Geschichte über den Niedergang und die Auferstehung des Vinyls. Seit 1952 produziert GZ Media Vinylschallplatten, es waren gute Jahrzehnte, bis Anfang der achtziger Jahre die CD kam, die Compact Disc. Ein Leben ohne Umdrehen, ohne knackende Geräusche auf der Scheibe, mit längeren Laufzeiten, auch wegen der Bonustracks. Praktisch für die Plattenfirmen, die die Musik, die sie auf Vinyl verkauft hatten, auf CD ein zweites Mal verkaufen konnten.

In den folgenden Jahren schlossen viele Presswerke, auch bei GZ Media führte der CD-Boom zu einem drastischen Rückgang der Produktion: In den Neunzigern produzierte das Unternehmen gerade einmal bis zu 400.000 Schallplatten – im Jahr. Als Štěrba 2003 zu GZ Media kam, waren es jährlich 2,5 Millionen. Heutzutage fahren die Lastwagen im Minutentakt vom Werksgelände.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Wenn Michal Štěrba im Konferenzraum über sein Unternehmen spricht, wenn er über das Werksgelände läuft, um die einzelnen Produktionsschritte zu erläutern, merkt man schnell, dass er kein Musik-Mensch ist. Keiner von denen, die den Unterschied zwischen einer Original- und einer Neupressung hören. Aber vielleicht muss das auch nicht sein, vielleicht genügt es, dass Štěrba nach seinem Wirtschaftsstudium in Prag unbedingt für ein tschechisches Unternehmen arbeiten und nicht ins Ausland gehen wollte.

GZ Media verdient sein Geld zur Hälfte mit Musik, zur anderen Hälfte mit Papierverpackungen aller Art, das Unternehmen stellt zum Beispiel die Pappboxen für Ikea her – um sich nicht allein auf das Vinylgeschäft verlassen zu müssen. Štěrba kommt aus einer Buchmacherfamilie, sein Vater, der Großvater, alle haben mit Papier gearbeitet. Und mit Tinte. Štěrba sagt, dass das der Geruch seiner Kindheit sei.