Von perfekten Momenten hat Keiichi Nakagawa eine genaue Vorstellung. "In deinem Blickfeld liegt eine schöne Aussicht, in deinem Arm hast du eine reizende Dame – und in deiner Hand ein schweres Glas", sagt er. Nakagawa entspringt ein Seufzer. Als wolle er sagen: Was wäre ein Leben ohne guten Alkohol?

Einige solche triumphalen Momente hat er selbst erlebt. Den ersten im Herbst 1975, da war er Student und lud seine Angebetete zur Whiskyprobe ein. Die Grundlagen hatte er sich angelesen: über die Farbtöne, die Bedeutung der Schlieren an der Glasinnenseite und die Aromen von fruchtig bis rauchig. Es lief nach Plan: Die Dame ließ sich beeindrucken, die beiden tranken den brennenden Schnaps und wurden ein Paar. Bis heute.

Der letzte perfekte Moment war im vergangenen Frühjahr. Im März entschied die Jury der angesehenen World Whiskies Awards, dass der weltweit beste Tropfen in der Kategorie "Blended Malt" aus dem Hause Nikka komme – der "Taketsuru Pure Malt 17 Years Old". Nachdem er von dem Sieg erfahren hatte, fuhr Firmenchef Nakagawa sofort nach Hause an den westlichen Stadtrand Tokios, holte eine Flasche aus dem Schrank, bat seine Frau zu sich, nahm sie in den Arm und sagte: "Schatz, so schmeckt der Sieg." Erzählt er jedenfalls.

Es ist nicht allzu lange her, da galten Spirituosen aus Japan als Fusel, die Konkurrenz aus Schottland, Irland oder den USA schien übermächtig. Seit einiger Zeit jedoch blicken die großen Whiskynationen neidisch nach Japan: Allein Nikka stellte in diesem Jahr schon zum siebten Mal den besten Blended Malt. Scharf und zugleich ölig schmecke der Tropfen, befanden die Juroren. Den Gaumen treffe er sanft, entfalte sich langsam, werde würzig im Abgang. Einen Preis nach dem anderen holt Nakagawa nach Japan.

Der Chef hat in die Firmenzentrale in Tokio geladen. Sie liegt im edlen Stadtteil Omotesando, nahe den großen Modelabels und teuren Cafés. Im oberen Geschoss des Glasturms schmücken Auszeichnungen das Zimmer, auf einem Sims ruht ein Fass. Die Wände sind in den Brauntönen eines Whiskys gehalten, die Sessel dunkel, fast schwarz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Im größten Sessel sitzt Nakagawa. Beim Gespräch wirkt er einerseits wie ein klassischer Gentleman, zurückhaltend, die Beine übereinandergeschlagen und nicht bereit, jede Frage sofort zu beantworten. Eine Sekunde später ist er wieder locker, ganz domestizierter Lebemann, der gestenreich von früher erzählt. Als blended könnte man ihn beschreiben, als hochwertige Mischung.

Der Firmenchef trank schon als Teenager heimlich Whisky

So richtig erklären kann Nakagawa seinen Erfolg nicht. "Warum wir gewinnen?", murmelt er. "Ja, schwer zu sagen". Ihn verwundere aber eher, dass es so lange gedauert habe. Er mochte Nikka-Spirituosen schon, als er noch ein Teenager und Whisky ein für ihn verbotener Stoff war. In den siebziger Jahren kostete ein Minifläschchen Johnnie Walker mehr, als sich ein Schüler leisten konnte. Also trank Nakagawa heimlich den billigeren japanischen Whisky. "Ich glaube, unsere Zeit war einfach noch nicht gekommen", sagt er heute.