DIE ZEIT: Herr Sutter, wann wollen Menschen abgeben und wann nicht?

Matthias Sutter: Wir wissen aus der verhaltensökonomischen Forschung, dass Menschen bei Verteilungsfragen nicht nur sich selbst im Blick haben. Sie schauen auch darauf, wie sie im Vergleich zu anderen dastehen. Dabei ist ihnen nicht nur wichtig, dass sie selbst nicht schlecht dastehen. Die Leute sagen auch: Andere sollen nicht zu weit hinter mich zurückfallen. Am wohlsten fühlen sie sich häufig, wenn alle gleich viel haben.

ZEIT: Es wollen doch nicht alle Menschen, dass alle gleich sind, oder?

Sutter: Gleichheit wollen sie, solange sie das Geld einfach so bekommen. Wenn sich Menschen anstrengen müssen, damit sie überhaupt Geld zu verteilen haben, wird die Bereitschaft zu teilen kleiner.

ZEIT: Beschreiben Sie mal die Experimente, mit denen Sie diese Fragen erforschen.

Sutter: Das berühmteste Experiment der experimentellen Wirtschaftsforschung ist sicher das Ultimatum-Spiel mit zwei Probanden: Dabei gibt der Leiter des Experiments einem Probanden Geld. Der kann dann entscheiden, wie viel davon er dem anderen abgibt. Dann kommt der springende Punkt: Derjenige, der das Geld bekommt, darf bestimmen, ob beide das Geld behalten dürfen oder es zurückgeben müssen. Meistens entscheidet er, dass beide das Geld zurückgeben müssen, wenn er das Angebot als unfair empfindet, obwohl er sonst mehr hätte als zuvor.

ZEIT: Welche Angebote empfinden die Leute denn als fair?

Sutter: Wenn zehn Euro zu verteilen sind, und der erste Proband gibt nur einen Euro ab, dann sagen die meisten Leute: Wir geben beide alles zurück. In den Experimenten kommt es meistens zu einer 50 : 50-Aufteilung. Jeder bekommt etwa die Hälfte des Kuchens. Wer das Geld verteilen darf, antizipiert schon, dass der andere sonst ablehnt.

ZEIT: Geben die Leute also nur ab, weil sie befürchten, sonst leer auszugehen?

Sutter: Das ist interessanterweise nicht so. Wenn man das Experiment verändert und dem zweiten Spieler kein Vetorecht gibt, wird trotzdem noch abgegeben. Allerdings etwas weniger, im Durchschnitt etwa 30 Prozent. Wir nennen dieses Spiel Diktator-Spiel, weil derjenige, der Geld bekommt, allein bestimmen kann. Es zeigt: Auch Reiche wollen nicht, dass andere viel ärmer sind als sie.

ZEIT: Und woher wissen Sie, dass Menschen weniger abgeben, wenn sie für Geld gearbeitet haben?

Sutter: Wir lassen Probanden zum Beispiel Zahlenrätsel lösen. Im Diktator-Spiel sieht man dann, dass sie im Durchschnitt mehr für sich behalten als ohne Arbeit. Das ist auch so, wenn der andere ebenso arbeitet. Menschen sind also bereit, Unterschiede in der Verteilung zu akzeptieren, wenn Einkommen durch Anstrengung entsteht.

ZEIT: Warum behalten Menschen im Diktator-Spiel nicht einfach alles für sich?

Sutter: Sie tun das meistens aus Fairnessüberlegungen, weil sie zu große Ungleichheit nicht in Ordnung finden. Nach den Experimenten sagen sie oft: Ich hätte ja auch die andere Rolle zugewiesen bekommen können. Menschen ist wichtig, dass der Prozess, nach dem verteilt wird, nachvollziehbar und fair ist. Da kann man auch etwas zum Umgang mit den Flüchtlingen lernen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Sutter: Viele Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten. Wenn sie das dürften und zum Wohlstand beitragen könnten, würde das auch die Akzeptanz erhöhen, ihnen als Gesellschaft und Staat zu helfen.