Timotheus Höttges ist gerade von einer Dienstreise nach China zurück, als wir uns in der Telekom-Zentrale in Bonn treffen. Er hat sich für das Gespräch ein bescheidenes Konferenzzimmer ausgesucht, in dem Collagen von Persönlichkeiten aus der Post- und Telefongeschichte hängen. Er macht sich über den Interviewer lustig: "Seitdem Vorstandsvorsitzende nicht mehr Krawatten tragen, bindet ihr euch welche um." Und er reicht über den Tisch einen Plastikbeutel mit frittierten Maden herüber, die er von seiner Reise mitgebracht hat: "Probieren Sie mal. Ist von einem Start-up, das ich besucht habe. Die befassen sich mit der Frage, wie möglichst viele Menschen an proteinreiche Kost kommen!" Natürlich greift nur er selbst zu.

DIE ZEIT: Wenn Sie Ihrer Fantasie freien Lauf lassen und an die Zukunft denken, worauf freuen Sie sich?

Timotheus Höttges: Ich freue mich, dass wir mehr Zeit für Dinge haben werden, die uns wichtig sind, weil wir uns entlasten können von Dingen, die uns lästig sind.

ZEIT: Das höre ich seit dem Beginn der digitalen Revolution und habe doch den Eindruck: Die Leute sind immer gestresster.

Höttges: Ich habe das Gefühl, dass mein Leben reicher geworden ist durch die Möglichkeit, Wissen über alles, was mich beschäftigt, sofort zu bekommen. Und auch durch die Möglichkeiten des Teilens. Ob das Bilder sind, die wir über die Cloud mit Freunden teilen, oder Dinge wie Autos, oder Erfahrungen und Emotionen. Kinder teilen Emotionen! Wir kritisieren Kinder oftmals dafür, dass sie nur noch am Computer hängen. Aber ist denn die Intensität, die sie erleben, nicht größer geworden, weil sie permanent mit ihren Freunden zusammen sind? Sie können jeden Moment teilen, über Snapchat oder Instagram, ganz egal, wo sie sind. Es ist nicht wie bei uns früher, als man sich für nachmittags um drei in der Stadt verabredete und dann nur zwei Stunden gemeinsam hatte.

ZEIT: Wer Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre geboren wurde, so wie Sie, verabredete sich noch ganz spontan, ging raus in den Wald, ins Abenteuer. Da gab es einen direkten Austausch von Emotionen, von guten und schlechten!

Höttges: Den haben die Kinder heute auch noch. Sicher hat die Natur bei uns noch eine größere Rolle gespielt, das ist vielleicht ein Verlust in der jetzigen Generation. Aber diese Intensität, alles zu teilen, alles auszutauschen – selbst wenn wir es manchmal als banal erachten –, ist in der Summe doch mehr, als wir damals von unseren Freunden mitgekriegt haben.

ZEIT: Mag sein, aber die Menschen freuen sich nicht über die ständige Erreichbarkeit, den Stress durch Innovationsdruck, den Weiterbildungszwang.

Höttges: Für Stress ist man ein Stück weit auch selbst verantwortlich. Ich suche mir Momente des absoluten Rückzugs, in denen ich weder erreichbar bin noch mich durch die Möglichkeiten des Internets ablenken lasse. Ich glaube schon, dass sich unsere Gesellschaft durch das Netz noch beschleunigt hat und der Mensch da mit seiner Adaptionsfähigkeit hinterherhinkt. Insbesondere für ältere Menschen ist das ein echtes Problem: Meine Mutter ist 86 Jahre alt und kämpft mit ihrem iPad.

ZEIT: Haben Sie ihr eins geschenkt?

Höttges: Ja, um eben meine Erlebnisse mit ihr zu teilen. Wir haben eine Art Familien-Cloud, in die wir alle unsere Bilder einstellen. Ich bin ja in der glücklichen Lage, dass ich wirklich die gesamte Welt bereise und ein digitales Tagebuch führe. Überall fotografiere ich tolle Dinge. Im Oktober war ich in Japan, in Südkorea, in China. Das findet meine Mutter spannend, aber sie hat manchmal Probleme bei der Bedienung. Und das ist für Menschen wie sie echter Stress, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr dazuzugehören.

ZEIT: Woher wird denn der Zugewinn an Zeit kommen, den Sie voraussagen?

Höttges: Die klassischen physischen Arbeiten werden auf lange Sicht komplett durch Maschinen erledigt werden, davon bin ich zutiefst überzeugt. Darüber hinaus werden auch Routinetätigkeiten, die Denkleistung erfordern, durch Software und Computer wahrgenommen. Das wird uns unheimlich viel Zeit schenken, für soziale Interaktion und dafür, unsere persönlichen Interessen zu verwirklichen. Wir werden nicht mehr in so festen Arbeitszeitmodellen arbeiten wie heute. Übrigens haben wir das jetzt schon: Vergleichen Sie mal unsere Generation mit denen davor. Für die war die Wochenendarbeit am Samstag die völlige Normalität!

ZEIT: Sie glauben also, dass die Menschen mit ihrer freien Zeit automatisch etwas anfangen können, was sie glücklich und zufrieden macht?

Höttges: Wir müssen das lernen. Kreativität wird in Schulen viel zu wenig unterrichtet. Sie wird im Job genauso wie im Privaten eine enorme Rolle spielen. Wir verlieren sie ein bisschen dadurch, dass wir uns ...