ZEIT: Sie meinen, mit Ihren Unternehmensgrundsätzen?

Höttges: Ja. Das dritte Thema bei uns ist collaboration, Zusammenarbeit. Wenn ich heute etwas verändern will, kann ich das nicht alleine. Ich muss offen sein, aus meinem Einzelbüro herauskommen und andere dazu befragen. Darum machen wir 360-Grad-Feedbacks für jede Führungskraft.

ZEIT: 360 Grad?

Höttges: 360 Grad heißt, bevor wir die Zielerreichung beurteilen, wird jeder Mitarbeiter von seiner Führungskraft, von seinen Kunden, von seinen Mitarbeitern und von seinen Kollegen beurteilt.

ZEIT: Der reinste Psychoterror!

Höttges: Nein, Feedback ist viel Arbeit. Aber nur so kann ich überprüfen, ob mein Selbstbild mit dem Fremdbild übereinstimmt.

ZEIT: Glauben Sie, dass Sie selbst diesem Unternehmensleitbild, das Sie sich vorstellen, entsprechen?

Höttges: Auch da lerne ich noch. Ich wünschte mir eine Entmystifizierung des Vorstandsvorsitzenden, weg vom Bild des Allwissenden. Ich habe schon den Anspruch, fachliche Themen auf Augenhöhe zu diskutieren. Aber ein Techniker hat natürlich auf seinem Gebiet viel mehr Kenntnisse, als ich das jemals haben werde. Ich möchte nicht, dass er sich allein aufgrund meiner Rolle in irgendeiner Weise zurückhält. Sonst kriege ich nicht die Informationen, die ich von ihm brauche.

ZEIT: Ärgert es Sie manchmal, dass es praktisch kein Porträt von Ihnen gibt, in dem nicht darauf hingewiesen wird, dass Sie als sehr streng gelten?

Höttges: Dieser Eindruck kommt aus der Zeit, in der ich als Finanzvorstand sehr stark der Sparkommissar war. Heute muss ich eine andere Rolle wahrnehmen, das ändert das Bild. Aber ich bin jemand, der sehr wettbewerblich denkt.

ZEIT: Was heißt das?

Höttges: Ich kann nicht gut verlieren. Ich treibe mich immer an, etwas besser, neu, anders zu machen, und sehe eigentlich die größte Gefahr im Erfolg. Vielleicht bin ich zu calvinistisch in dieser Beziehung.

ZEIT: Stimmt es denn, dass Sie Bewerber manchmal fragen: "Haben Sie schon mal einen richtigen Bruch in Ihrem Leben erfahren?"

Höttges: Ja.

ZEIT: Glauben Sie, dass große Karrieren auch das Ergebnis eines Defizits sind, das man im Leben kompensiert?

Höttges: Ja, so schlimm das vielleicht erscheinen mag: Ich glaube, dass Menschen, die Brüche in ihrem Leben erfahren haben, sich gegen enorme Widrigkeiten haben durchsetzen müssen, dass Menschen, die etwas an sich kritisieren und versuchen, das zu kompensieren, Kräfte entwickeln, die andere nicht aufbringen.

ZEIT: Oder sie gehen daran zugrunde.

Höttges: Exakt. Die eine Gruppe geht zugrunde, weil sie es nicht verkraftet, die andere lenkt um und wird dadurch noch stärker. Das ist ein auffälliges Muster, das ich über die Jahre in Lebensläufen gesehen habe.

ZEIT: War der Bruch in Ihrem Leben, dass Ihr Vater die Familie verlassen hat?

Höttges: Ja. Ich komme aus einer Familie, die wohlhabend war. Die Trennung der Eltern musste nicht nur emotional verkraftet werden, sondern wurde von mir auch als sozialer Abstieg wahrgenommen. Entsprechend hat er den Ehrgeiz enorm beschleunigt, mein Leben zu gestalten.

ZEIT: Von Ihnen stammt der Satz: "Das menschliche Gehirn ist für exponentielle Schritte nicht gemacht." Wie soll sich unser Hirn dann an die bevorstehende Evolution anpassen?

Höttges: Es passt sich nicht an, es kann nicht exponentiell denken.

ZEIT: Der italienische Regisseur Federico Fellini hat einmal sinngemäß gesagt, dass sich alles ändert, nur der Mensch bleibt immer gleich.

Höttges: Er hat auch gesagt: "Der einzige wahre Realist ist der Visionär." Bald wird der Moment kommen, an dem wir nicht mehr unterscheiden können, ob uns ein Computer oder ein Mensch antwortet, zum Beispiel auf die Frage: Warum fühlst du dich heute nicht wohl?

ZEIT: Aber das kann man doch nicht wollen!

Höttges: Die Frage stellt sich nicht, das kommt einfach. Ich will nur sagen, dass der für uns wahrnehmbare Unterschied zwischen Computer und Mensch bei dem, was wir Denkvermögen nennen, in Kürze aufgehoben sein wird. Das ist der berühmte Turing-Test. Ich bin auch der Meinung, Ihr Fellini-Zitat stimmt nicht. Der Mensch hat sich über die letzten 2.000 Jahre enorm verändert.

ZEIT: Fellini sagt: in seinen emotionalen Grundinstinkten nicht.

Höttges: Ja, okay, so what? Die Frage ist doch: Wenn die Maschine uns im Denken und im Entscheiden ebenbürtig wird, was denkt sie dann eigentlich über uns?

ZEIT: Ja, was denkt sie? Vielleicht: "Wozu gibt’s dich überhaupt noch, Mensch?"

Höttges: "Wozu gibt’s dich überhaupt?" – jetzt wird’s philosophisch.

ZEIT: Sie philosophieren doch ganz gerne. Was würden Sie antworten?

Höttges: (lacht) Das überfordert mich jetzt. Ich bin für exponentielles Denken nicht ausgelegt.

Mitarbeit: Karoline Kuhla