Sumoringer mit schreienden Babys beim jährlich stattfindenden Babyschreiwettbewerb in Tokio, Japan © TOSHIFUMI KITAMURA/AFP/Getty Images

Ein warmer Wintertag, der Park, mein Baby und ich. Ich schiebe den Kinderwagen, mein Baby blickt raus. Dreht den Kopf hin und her, kaut auf dem Schnuller. Und weint irgendwann. Sofort bleibt eine Frau stehen. Sie hat einen Hund dabei, er jault, zieht an der Leine und will weiter. Die Frau nicht. Sie betrachtet mein Baby. Ernst. Prüfend. Sorgenvoll. "Och je", sagt sie, "och jemine. Was hat es denn bloß, das arme Kleine?"

Diese Szene hat sich so oder ähnlich viele Male ereignet, seit meine Tochter vor sechs Monaten geboren wurde. Meist erklären die Leute mir auch, warum sie wahrscheinlich weint. Trage ich sie vor dem Bauch, ist es ihr zu eng. Liegt sie im Kinderwagen, fühlt sie sich einsam. Wenn sie eine Mütze aufhat, ist ihr zu heiß, trägt sie keine, friert sie. Wenn ich widerspreche, schauen mich die Leute irritiert an. "Ja, aber warum weint sie denn dann?"

Ganz ehrlich? Oft habe ich – Luft anhalten, jetzt kommt’s – keine Ahnung. So, jetzt ist es raus. Bitte weiteratmen.

Ist das nun meine Bankrotterklärung als Mutter? Muss ich immer wissen, warum meine Tochter weint? Und vor allem: Muss ich stets in der Lage sein, ihr Weinen zu beenden?

Vor sechs Jahren, bei meinem ersten Kind, hätte ich nun schuldbewusst den Kopf gesenkt. Mutterinstinkt – nicht bestanden, hol dir lieber ein Tamagotchi. Mit drei Kindern habe ich genug Selbstvertrauen, um zu sagen: Nein, Quatsch, muss ich nicht. Nehmen Sie Ihren Kopf aus meinem Kinderwagen, und gehen Sie weiter, bittedanke.

Die Bücher, die sich mit dem Schreien von Kindern beschäftigen, bilden inzwischen ein eigenes Genre. Sie tragen Titel wie Wenn mein Baby weint, Wenn mein Baby zu viel weint oder auch Unser Baby schreit so viel! und gehen systematisch zu Werke. Da gibt es die 5-S-Methode und die Sieben-Minuten-Regel; das Internet hat etliche "ultimative Tipps" und "goldene Regeln" mehr. Und klar, auch ich möchte nicht, dass meine Töchter unzufrieden sind. Aber wann haben wir angefangen, das Schreien unserer Kinder so zu fürchten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Als ich auf die Welt kam, habe ich sehr gebrüllt, sagen meine Eltern. Und wenn sie davon erzählen, klingen sie ein bisschen stolz. Weil ich so viel Kraft hatte, weil ich sie wissen ließ: Hey, ich bin jetzt da. Als ich meinen ersten Geburtsvorbereitungskurs besuchte, begriff ich schnell, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Die Hebamme erzählte von der sanften Geburt. Deren Erfinder, ein französischer Arzt namens Frédérick Leboyer, versicherte, dass Kinder, die auf die rechte Weise, im abgedunkelten Raum, mit sofortigem Hautkontakt geboren würden, ganz ruhig und zufrieden auf die Welt kämen. Ich nehme mal an, die Hebamme wollte uns Mut machen. Sie erreichte das Gegenteil. Angst vor der Geburt hatten wir sowieso. Und nun war da eine weitere Leistungsanforderung: bitte kein schreiendes Bündel gebären, sondern ein tiefenentspanntes Baby. "Und was, wenn es doch weint – habe ich dann alles falsch gemacht?", murmelte eine Teilnehmerin.

Das Schreien eines Kindes als Alarm, den man bei richtiger Handhabung abstellen kann – diese Haltung steckt auch hinter einem Produkt, das vor einigen Jahren auf den Markt kam. Das Why Cry, 60 Euro, hat fünf bunte Lämpchen und analysiert Babygeschrei. Weint ein Baby vor Müdigkeit, leuchtet die blaue Lampe, ist es wütend, die gelbe, und so weiter. Im Internet schwärmt ein Vater: Immer wenn er neben seiner brüllenden Tochter mit dem Gerät herumfuhrwerke, verstumme das Kind augenblicklich und starre ihn verblüfft an.