Dass Kunst, wie manche sagen, nur eine Währung für Spekulanten ist, stimmt nicht ganz. Denn Kunst ist unser aller Währung, oder richtiger: Kunst ist auf der Währung. Kein Bildträger auf der Welt hat mehr Verbreitung gefunden, keine Werkgattung wird von so vielen Menschen so sehr geschätzt und so eifrig gesammelt wie der Geldschein. Banknoten beziehen ihren Wert nicht aus dem Material, aus dem sie gemacht sind, sondern aus sich selbst: Allein die Kraft des Bildes, auf reiß- und wasserfestes Hightech-Papier gedruckt, überzeugt den Kassierer bei Karstadt, dem Kunden für eine kleine, mit einer 50 beschriftete rötliche Grafik zweier Fensteröffnungen mit Dreiecksgiebel so nützliche Dinge wie ein Paar Handschuhe oder zehn druckfrische Ausgaben der ZEIT zu überlassen.

Der symbolische, durch nichts Solides gedeckte Wert kann allerdings – wie in den letzten Jahren zu beobachten war – die Architekturminiaturen auf den Euro-Scheinen ebenso unattraktiv machen wie alle andere Bilderkunst auch, deren Kurs in den Keller rauscht. Denn so sind die Moden, mal Renminbi, mal Rembrandt. Wie die Kunst ist auch das Geld eine Abstraktion der Wirklichkeit; an ihren Wert muss man glauben. Dass Banknoten keine Unikate sind, mindert ihren Wert nicht. Schon Warhol hat seine Jackies und Maos zigfach durch die Druckerpresse laufen lassen, ohne dass sich die Begeisterung verloren hätte.

Mit Helm oder Spitzenkragen

Wie lohnend es sein kann, sich die Bilder auf den Geldscheinen einmal etwas genauer anzusehen, ohne auf den Warenwert zu achten, demonstrieren jetzt die Grafikdesigner Tania Prill, Alberto Vieceli und Sebastian Cremers. Elf Jahre lang haben sie Banknoten aus der ganzen Welt gesammelt und abfotografiert. Nicht die kompletten Scheine allerdings. Beschriftungen sowie Zahlen ließen sie weg, bis nur noch, in stark vergrößerten Detailaufnahmen, das reine Bild, das Motiv, die Ikonografie des Geldes übrig blieb. Versammelt haben sie ihre Entdeckungen in einem Buch, das selbst wie ein Kunstwerk wirkt, wie ein Künstlerbuch ohne Seitenzahlen und Angaben zur Herkunft der Bilder (Money in der Edition Patrick Frey, 224 Seiten). So vergisst man rasch das Geld und konzentriert sich allein darauf, wie und womit die Scheine bedruckt wurden.

Das sind: vor allem Tiere, Köpfe und Gebäude. Man sieht Industrielandschaften, geschwungene Autobahnkreuze, Flughafenterminals, Computer, sogar ein iPad. Also einerseits Dinge, die mit den Scheinen bezahlt werden. Eine weitere Kategorie bildet das historische Personal, oft mit Helm, Haube, Schwert oder Spitzenkragen. Die Porträts der ernsten Männer und wenigen Frauen zeigen Zahlern wie Empfängern, wer ihr Land gegründet, erobert, befreit oder bereichert hat: George Washington, Clara Schumann oder Muammar al-Gaddafi. Die Hand an die Wange gelegt und mit einem breiten spöttischen Grinsen blickte er zu Leb- und Amtszeiten von den libyschen Noten herab, als würde er sich gerade darüber amüsieren, wie wenig man sich von ihnen kaufen konnte.

Schließlich Idyllen, die den gegenwärtigen paradiesischen Zustand eines Landes illustrieren. Traktoren ziehen ihre Runden über sorgsam bestellte Felder, Kühe grasen, Berge ragen, und ein erschrockener Waschbär blickt kulleräugig hinter einem Ast hervor.

Die Wildgänse mussten Pippi Langstrumpf weichen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Banknoten sind ja neben Briefmarken die letzten Überreste von Staatskunst, für die zumindest in westlichen Ländern jede künstlerische Einflussnahme seitens der Obrigkeit verpönt ist. Oft zu Recht, wie man an vielen der Propagandabildchen sieht. Doch selbst in diesen lässt sich so etwas wie Subversion entdecken: Den braven asiatischen Studenten etwa, die stumm ihrem Lehrer lauschen, stehen die Haare wie bei Punks zu Berge. Manche Noten erzählen in drastischen Szenen von der kolonialen Ausbeutung in den Minen und auf den Feldern, hinter einem Palmstrauch vergewaltigt ein Konquistador eine junge Frau.

Eine gewisse Härte haben fast alle Zeichnungen, was aber auch am Material liegt. Um haltbarer zu sein, wird die Vorlage in aller Regel in Stahlplatten geritzt, die anders als das weichere Kupfer kaum malerische Linien und Nuancen der Strichbreite zulassen. Anmut findet sich trotzdem. Eine gelbe Gondel mit zwei stehenden Personen darauf gleitet so malerisch durch einen von grünen Hügeln umstandenen See, dass es jedem Geldscheinbesitzer schwerfallen muss, sich davon zu trennen. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Schönheit der Banknoten und der Kaufzurückhaltung ihrer Benutzer, sollte dringend untersucht werden.

Nils Holgersson, der auf dem schwedischen 20-Kronen-Schein auf dem Rücken einer Wildgans über bunte Felder segelt, gehört zu den wunderbarsten Grafiken des Buches. Er ist allerdings, wie viele andere der abgebildeten Noten, schon nicht mehr in Umlauf. Die Wildgänse mussten inzwischen Pippi Langstrumpf weichen, denn rund alle zwanzig Jahre tauschen die Notenbanken die Geldscheine aus, um Fälschern ihr Handwerk zu erschweren.

Vielleicht war es in diesem Fall das letzte Mal, denn Schweden, das als eines der ersten Länder überhaupt im 17. Jahrhundert das Papiergeld eingeführt hat, wird auch zu den ersten gehören, die es zugunsten des elektronischen Bezahlens wieder abschaffen werden. Geld wird dann wie Konzeptkunst: Das eigentliche Werk kann man sich nicht ansehen, sondern nur noch denken. Sammler dürften sich dennoch genügend finden.