Die Hamburgerin Melanie Seiß* hat die Diagnose Borderline, eine psychische Erkrankung. Mit 34 Jahren wird sie schwanger. Kann eine wie sie eine gute Mutter sein? Diese Frage quält sie selbst am meisten. Das Protokoll eines Kampfes.

Frühling 2015

Sie schreibt einen Brief an ihren Sohn in ihr Tagebuch:

Liebster Eric,

gestern Abend hatten wir eine gute Zeit. Das machen wir jetzt immer so, wenn Papa nicht da ist. Ich habe für dich gesungen und nicht geweint. Nicht schlecht für eine Mutter, die aus der Klinik kommt.

Zwischendurch bist du noch mal in meinen Arm gerobbt, und wir haben "richtig" gekuschelt!

Ich hab dir gesagt, dass ich froh bin, dass du da bist. Ich muss noch lernen, aber ich will nichts anders haben. Du hast gestrahlt.

Ich liebe dich, kleiner Hase.

Deine Mama

Es gab eine Zeit in ihrem Leben, als dieses Wort wie eine Drohung klang: Mama. Sie wollte kein Kind bekommen. Als sie es doch bekam, verzweifelte sie. Aus Angst, ihrem Kind etwas anzutun.

Herbst 2013: Noch neun Monate

Auf dem Weg nach Hause wird ihr übel. Komisch, denkt sie. Schon wieder. Sie rechnet.

In der Apotheke kauft sie einen Schwangerschaftstest. Nur so. Sie kann doch gar keine Kinder bekommen. Zysten am Eierstock, ein Jahr ist das her. Normale Frauen können schwanger werden. Normale Frauen können normale Beziehungen führen. Sie ist keine normale Frau. Wenn sie etwas weiß, dann das.

Viele Therapien hat sie hinter sich. Die Diagnosen änderten sich, wie die Therapeuten. Übrig blieb ein Wort: Borderline. Eine Persönlichkeitsstörung. Es bedeutet, dass sie ihren extremen Gefühlen ausgeliefert ist wie einem unsichtbaren Feind, dass die Grenzen zwischen Fantasie und Realität manchmal verschwimmen. Es gab Zeiten, da schnitt sie sich mit Rasierklingen die Arme auf und hasste sich später dafür. In Beziehungen ist sie unberechenbar. Für sich selbst. Und andere.

Sie schaut auf den Schwangerschaftstest. Der Punkt wird blau. Blau? Sie liest die Verpackungsbeilage. Einmal. Zweimal. Immer noch blau. Sie muss sich hinsetzen. Ihr Herz hämmert.

Sie wählt die Nummer ihres Freundes Jan. Seit knapp einem Jahr sind sie zusammen. Er, 43 Jahre, geschieden, zwei Kinder, lebt in Nordrhein-Westfalen, sie in Hamburg. Abstand ist wichtig.

"Ich bin schwanger", hört sie sich sagen.

"Wow."

"Wie wow?"

"Ich liebe dich. Ich meine, wie fühlst du dich?"

Sie denkt nach. Aber da ist nichts. Sie fühlt nichts.

Die Gefühle kommen erst am nächsten Tag. Krasse Euphorie. Das kennt sie von sich. Sie würde ein Kind bekommen. Wie eine richtige Frau. Verrückt, oder?

Ein paar Tage später kommt ihr Freund. Sie zieht sich ihr Blumenkleid an und küsst ihn zur Begrüßung. Danach fahren sie zum Italiener. Feiern. Es fühlt sich gut an. Oder doch nicht?

Plötzlich kommt ihr ein Satz ihrer Mutter wieder in den Sinn: "Bei einer Frau wie dir landen die Kinder früher oder später in der Mülltonne." Wieso war sie nur so dumm, fragt sich Melanie. Niemals kann sie eine gute Mutter sein. Sie! Ihr Kind wird sie hassen. Bestimmt.

Am Abend tippt sie bei Google "Abtreibung" ins Suchfenster.

Winter 2013: Noch sieben Monate

"Lassen Sie sich bitte Zeit mit der Entscheidung", sagt die Frau von Pro-Familia. Das Zimmer ist weiß. Sie fasst sich an den Bauch. So groß wie ein Gummibärchen ist das Kind jetzt.

Heute Morgen stand sie noch nackt vor dem Spiegel und ekelte sich vor sich selbst. Warum kann ich es nicht einfach verlieren, dachte sie. Schluss! So etwas darf man nicht denken!

Sie ruft Jan an. Sie haben sich bei einer Firmenfeier kennengelernt, sie hat geredet und er zugehört. Er weiß von ihren Problemen. X-mal hatte sie sich von ihm getrennt. Aber er ist immer geblieben.

Lass es uns bekommen, sagt er. Zwei Tage später zerknüllt sie den Schein von der Beratungsstelle.