Sie sind noch nicht da. Aber sie kündigen sich an, bald werden sie wirklich eintreffen, nach und nach, und sie werden in hellen Scharen kommen, in Massen, im Schwarm: die Neuen, die Bücher des Frühjahrs.

Noch bieten sie, schemenhaft, in den Vorschauen der Verlage das Bild eines unabsehbaren Gewimmels von Wettbewerbern um die Aufmerksamkeit, jedes Buch muss irgendwie einzigartige Neuheit versprechen. Umso auffallender, wenn gleich mehrere der intellektuell bemerkenswerten Autoren ganz Ähnliches ankündigen: Die Wirklichkeit kommt zurück. Sie meinen damit jene Welt außerhalb unserer Köpfe, die sich einfach durch verkörpertes Dasein auszeichnet, zum Greifen nah. Nicht Avatare, nicht Cyborgs, nicht Zombies, sondern leibseelische Menschen, analog, die tatsächlich auf Füßen gehen, atmen, tasten und basteln, die – ob eher freiwillig oder nur notgedrungen, verzweifelt – doch beweglich und tätig sind.

Nun hätte das Wirkliche keinen Neuigkeitswert, wenn es sich platterdings auf eine ausrechenbare So-ist-das-also-Faktizität festschrauben ließe. Aber hier kommt das Reale in dreifach verschiedener Fassung zurück, zugleich als Lebensgefühl, und es wirkt dabei viel ansprechender als die aseptischen Konstrukte des Virtuellen. Drei Bücher, drei Wirklichkeitssphären, es sind die politisch-soziale, die handwerklich-haptische, die epistemologische, in jedem Fall aber widmen sich die Autoren gedanklich lauter Tatsächlichkeiten, die nicht bloß außerhalb der Wahrnehmung liegen, sondern durch die wir uns spürbar vergewissern, weil wir mit ihnen verbunden sind.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Der Beck-Verlag kündigt für den Januar das neue Buch des Friedenspreisträgers Navid Kermani unter dem Titel Einbruch der Wirklichkeit an. Kermani begleitet Flüchtlingstrecks durch Europa, und er scheint nur mitzuschreiben, am Strand von Lesbos, in Budapester Straßen, im Gespräch mit dem kroatischen Innenminister, wie die Wirklichkeit der Wanderungen in unseren Sinneswahrnehmungen, Worten und Gedanken eintrifft und sie von Grund auf erschüttert. Bei Ullstein sodann wird im Mai der politische Philosoph, Physiker und Motorradmechaniker Matthew B. Crawford mit seinem Buch Die Wiedergewinnung des Wirklichen zu lesen sein, er setzt der Zerstreuung des überreizten Ich die Erfahrung der leibseelischen Fokussierung durch Tätigkeit entgegen. Und der Suhrkamp Verlag legt Anfang Juni Die Wiedergewinnung des Realismus vor, das jüngste Werk der Philosophen Charles Taylor und Hubert Dreyfus. Es will das moderne Denken gründlich aus der frühneuzeitlichen cartesianischen Tradition befreien und es wieder in den Sinnen verankern: im tätigen Kontakt des Menschen mit der Welt, die ihn umgibt.

Als Europa vor über 200 Jahren nach der Französischen Revolution an einer Epochenwende stand, notierte der Romantiker August Wilhelm Schlegel in den Athenäums-Fragmenten einen ungeduldigen Satz an sein Publikum: "Ihr verlangt immer neue Gedanken? Tut etwas Neues, so läßt sich etwas Neues darüber sagen." Die Bücher des Frühjahrs 2016 scheinen dieser Empfehlung folgen zu wollen, Tätigkeit bringt auf Gedanken. Und die Wirklichkeit tritt offenbar, zwischen Buchdeckeln, als Neuerscheinung auf.