Emmanuel Todd, 1951 geboren. Sein jüngstes Buch: "Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens", Verlag C.H. Beck © Eric Feferberg/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Seit 300 Jahren sind wir Deutschen es gewohnt, im Zweifel nach Frankreich zu blicken. Von Voltaire über die Französische Revolution bis hin zu Jean-Paul Sartre gaben die Franzosen den Deutschen moralische und politische Orientierung. Sind diese Zeiten heute vorbei?

Emmanuel Todd: Wenn es eines gibt, was ich heute den Deutschen zu sagen habe, dann das: Passt auf! Das Frankreich, mit dem ihr es heute als eurem wichtigsten Partner in Europa zu tun habt, ist nicht mehr das gewohnte Frankreich. Ihr glaubt immer noch, es mit einem liberalen, egalitären, universalistischen Frankreich zu tun zu haben. Doch gerade ihr Deutschen, die ihr zwar eine große Demokratie geschaffen habt, aber die ihr entgegen allem, was gesagt wird, immer noch leicht zu verunsichern seid und im Tiefsten an euch zweifelt – macht jetzt bloß nicht den Fehler, euch einzureden, dass, wenn die Franzosen etwas tun, das schon in Ordnung sei.

ZEIT: Warum nicht? Ihr seid doch immer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden.

Todd: Es gab aus historischer Sicht schon immer zwei Frankreichs. Das eine ist, geografisch gesprochen, das zentrale Frankreich rund um Paris, das die Werte der Republik verkörpert hat, die Idee vom universellen Menschen geboren und weltweit zur Demokratie beigetragen hat. Doch daneben gab es immer ein geografisch peripheres Frankreich mit autoritäreren, hierarchischeren Familienstrukturen. Es war katholischer als der Rest, in gewisser Weise deutscher, vergleichbar Bayern oder dem katholischen Teil Baden-Württembergs. Dieses Frankreich war instinktiv nie republikanisch, liberal, egalitär. Es hat sich immer gegen die Revolution gewehrt. Es lieferte zur Zeit der deutschen Besatzung die Basis des mit den Nazis kooperierenden Vichy-Regimes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

ZEIT: Bei Vichy denken wir heute an Mineralwasser.

Todd: Die Franzosen nicht nur. Das politische Konzept von Vichy ist ihnen genauso geläufig wie das der Republik. Wenn ihr Deutschen euch heute mit Frankreich absprecht, müsst ihr wissen: Ihr einigt euch nicht mehr mit dem Land von Jules Ferry, Gambetta und Clemenceau, sondern immer öfter mit dem Land des Vichy-Chefs und Nazikollaborateurs Pétain.