Eine Bankangestellte in Shanghai bedient am Schalter einen Kunden (Archivbild). © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Als Xu Wansheng Geld brauchte, ging er nicht zu einer Bank. Xu ist Kameramann in Peking. Zwei Tage in der Woche arbeitet er als Lehrer in einer Berufsschule, ansonsten als freier Kameramann. Er filmt Hochzeiten, Fernsehdokus und Clips fürs Internet. Um seinen Kunden noch mehr zu bieten, wollte er seine Ausstattung um einen Zoom erweitern: 24–70mm für umgerechnet 1.400 Euro. Eine womöglich lohnende Investition – aber mehr, als er auf dem Konto hatte, und etwa so viel, wie er im Monat verdient.

Also machte sich Xu Wansheng auf die Suche nach einem Kredit – und zwar auf einer der zahlreichen Plattformen im Internet, die chinesische Sparer und Kreditnehmer zusammenbringen und Darlehen zwischen ihnen vermitteln – Peer-to-Peer Lending nennt sich das, Leihen unter Gleichen. Bei einer Bank wurde Xu erst gar nicht vorstellig. "Keine Bank", sagt er, "gibt einem freien Kameramann wie mir in China einen Kredit."

Xus Frust über die Banken ist in China weitverbreitet. Er hat mit einem Schwachpunkt in Chinas Finanzsystem zu tun. In modernen Volkswirtschaften haben Banken die Funktion, Geld umzuverteilen – von Sparern zu Investoren. Dadurch kann das Kapital produktiv eingesetzt werden und die Volkswirtschaft sich schneller entwickeln. In China aber sind alle Geschäftsbanken in staatlicher Hand. Immer wieder müssen sie Aufträge erfüllen, die ihnen die Politik vorgibt. "Die Kredite der Banken gehen fast ausschließlich an Staatsunternehmen", sagt Sheng Hong, Forscher am liberalen Unirule-Institut in Peking. "Nur was nach den Staatsbetrieben noch übrig bleibt, können die Banken der Privatwirtschaft leihen. Die meisten privaten Unternehmen gehen dabei leer aus."

Anstatt auf Staat und Banken zu hoffen, helfen sich die Menschen gegenseitig

Forscher kritisieren die fehlenden Finanzierungsmodelle für die Privatwirtschaft. Der Wirtschaftsprofessor Sheng sieht darin eine der Hauptursachen für die derzeitige Wirtschaftsschwäche in China: Während wenig produktive Staatsunternehmen gepäppelt werden, müssen Privatfirmen Investitionen jahrelang zurückstellen. Zu Beginn dieser Woche ließen Nachrichten über die stockende Industrieproduktion die Shanghaier Börse um sieben Prozent einbrechen. Trotz aller Warnsignale bleiben Reformen im Bankensektor bisher jedoch aus. Das ist der Grund dafür, dass das Peer-to-Peer Lending in China so erfolgreich ist. Anstatt auf den Staat zu hoffen, helfen sich die Menschen gegenseitig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Privatkredite übers Internet kommen nicht nur Unternehmern wie Xu wie gerufen – sondern auch chinesischen Sparern, die ihr Geld nicht mehr in den Turbulenzen an der Börse verlieren oder in überbewertete Immobilien stecken wollen und denen die Zinsen auf Sparkonten zu gering sind, weil sie kaum noch die Inflation ausgleichen. Peer-to-Peer Lending in China könnte also gleich zwei Lücken schließen, die Chinas Unternehmern und Sparern Kopfzerbrechen bereiten.

Was wie für China gemacht klingt, ist eine europäische Erfindung. Im Jahr 2005 ging in Großbritannien die Website zopa.com online. Es war die Zeit, als das Wort vom Web 2.0 die Runde machte. Die Möglichkeit, sich über das Internet direkt mit Menschen auf der ganzen Welt auszutauschen, schuf neue Formen der Kooperation. Die Erfinder von zopa.com dehnten dieses Prinzip auf die Finanzwelt aus. Statt als Sparer sein Geld zur Bank zu tragen, die es dann in ihr Geschäftsmodell einspeist, sollten Anleger ihre Ersparnisse direkt an Kreditkunden vergeben können. Die Idee des Peer-to-Peer Lending war geboren. Sie breitete sich zunächst auf die USA aus. Dort eröffnete mit Lending Club die heute bekannteste Plattform für P2P-Kredite. Auch in die Entwicklungszusammenarbeit zog das Modell ein. Auf Kiva.org können Sparer Mikrokredite an Empfänger in Entwicklungsländern vergeben.