Regisseur Tom Hooper muss mächtig stolz darauf sein, Judith Butler gelesen zu haben. Jeder moderne Geisteswissenschaftsstudent könnte Bingo spielen mit den Trendbegriffen der Gender Studies, die in seinem Film The Danish Girl runtergeleiert werden: Performance, Blick, Identität. Meisterhaft hat Hooper aus der Lebensgeschichte des dänischen Künstlerpaares Einar und Gerda Wegener (Eddie Redmayne und Alicia Vikander) jegliche Dramatik herausseziert und sie ins seichte 21. Jahrhundert überführt. Die Wegeners leben im Kopenhagen der zwanziger Jahre, wo Einar mit einigem Erfolg seine Landschaftsbilder verkauft. Gerdas Karriere hingegen blüht erst auf, als sie das richtige Motiv findet. Als ein Modell verhindert ist, packt sie ihren Mann in Strümpfe und Ballettschuhe, worauf ihre Muse geboren wird: Lili Elbe. Nicht vorgesehen war, dass diese ein Eigenleben annimmt. Einar wird schließlich wirklich zu Lili, voller Liebe unterstützt von Gerda. In Paris lernt das Paar den deutschen Dr. Warnekros (Sebastian Koch) kennen, der in Dresden an Lili die erste Geschlechtsangleichungsoperation der Geschichte ausführen wird.

Man wünschte sich, The Danish Girl wäre ein besserer Film geworden, eine mutige und offene Darstellung des emotionalen Chaos, der Schmerzes, den Lilis Auftauchen ausgelöst haben muss. In Hoopers Version erstickt die Geschichte unter einer dicken Schicht Konventionen, so steif wie die gestärkten Kragen der Smokings auf den vielen Partys. Und erst der Kitsch: The Danish Girl ist zu einem Zuckertörtchen geronnen, das dem liberalen, weltoffenen Publikum ein moralisches Wohlgefühl verleiht: Eine Transfrau, wie süß, wir sind ja so stolz auf ihren Mut. Nur eine Persönlichkeit sollte sie lieber nicht haben. Falls Lili überhaupt die titelgebende Hauptfigur ist.

Nur ein einziges Mal fällt die Bezeichnung "das dänische Mädchen". Einars Freund aus Kindertagen, ein erfolgreicher Kunsthändler in Paris, spricht die Worte ins Telefon – er meint Gerda. Denn es ist Gerdas Geschichte, ihre Art, mit den Veränderungen umzugehen, ihre Entwicklung, die dem Film einen emotionalen Ankerpunkt verleiht. Als The Danish Girl in Toronto auf dem Filmfestival gezeigt wurde, merkte ein Kritiker an, der Film folge dem neuen Trend, vordergründig queere Geschichten zu konstruieren, in deren Mittelpunkt dann heterosexuelle Cismenschen stünden, wobei Cis das Gegenteil von Trans meint.

Einar ist denn auch eine äußerst passive Figur. Er scheint keine eigenen Bedürfnisse zu haben, er wird von Gerda in Pose versetzt, von ihr verkleidet, von ihr nach Paris geschleppt. Eddie Redmaynes Spiel beschränkt sich darauf, matt zu heulen und viel zu zittern. Erst als Lili wirklich erwacht, wagt sie sich, ihre Wünsche zu formulieren – die sich darin erschöpfen, hübsche Kleider zu streicheln und in viele Spiegel zu schauen. Erst als sie eine zweite Operation durchführen lassen will, setzt sie sich gegen Gerda durch. Doch zu diesem Zeitpunkt hat sie schon lange aufgehört zu malen, geht kaum mehr unter Menschen, sie hat ihre Stimme verloren. Will uns dieser Film sagen, das Einzige, woran Transmenschen denken, sei die Form ihrer Genitalien?

Spiel in einem sehr hübschen, aber luftleeren Raum

Im Unterschied zur grandiosen Amazon-Serie Transparent über einen Familienvater, der sich als Transgender outet, die ein dichtes Netz an Beziehungen, Komplikationen und Verletzungen spannt, spielt The Danish Girl im luftleeren, aseptischen Raum. Ein sehr hübscher Raum. Die Ausstattung ist mit großer Sorgfalt dänischen Gemälden um den Ersten Weltkrieg nachempfunden, wunderschön in Szene gesetzt, als würde jede Einstellung gerahmt in einem dänischen Provinzmuseum hängen. Es gibt jedoch Gründe, warum sich der Besuch eines dänischen Provinzmuseums nicht lohnt. Die Ödnis mag hübsch anzusehen sein, öd bleibt sie dennoch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Einar und Gerda scheinen kaum Geschichte zu haben, keine Familie, wenige Freunde. Außer ein paar Psychiatern, die eher als komödiantische Einlage dienen, scheint niemand ein Problem damit zu haben, dass Einar plötzlich als Frau leben will, was für die zwanziger Jahre doch eher erstaunt. Wo bleiben die Konflikte, wo bleiben der Schweiß, das Blut? Warum unterstützt Gerda ihren Mann bedingungslos? Der Liebe wegen?

Untermalt von der erdrückend melodramatischen Filmmusik von Alexandre Desplat hauchen die zwei sich unentwegt ins Ohr, wie verliebt sie seien, doch Funken fliegen zwischen diesen beiden nicht. Papierdünn sind die Charaktere, deren Gefühle oft tränenreich und ansehnlich aus ihren hübschen Gesichtern ausbrechen, doch das Interessanteste an ihnen bleiben ihre Kostüme. Seit Hunderten von Jahren ist das Spiel mit Geschlecht und Sexualität Teil der westlichen Kultur, ein Spiel voller Augenzwinkern und Zweideutigkeiten und, ja, oft mit einem dreckigen Lachen. Vorbei. Bierernst und ungefährlich soll die Genderfluidität werden. Am Ende wird’s wohl gerade dafür einen Oscar geben.

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