Keine karge Kost, dieses Video: Ein Religionsstifter mit den Zügen eines bekannten Popstars schwört eine Gemeinde auf ein schwarzes Evangelium ein. Der Veitstanz infiziert gekreuzigte Vogelscheuchen. Ein Himmelskörper, verwandt mit dem Planeten Melancholia aus Lars von Triers gleichnamigem Film, schiebt sich vor eine fahle Sonne. Und ein frisch geblendeter Seher (wieder diese vertrauten Gesichtszüge) missioniert. Dazu wird der verdienten alten These Dan Grahams Nahrung nachgereicht, der zufolge der Rock ’n’ Roll aus den religiösen Ekstasen der Sekte der Shaker hervorgegangen sei. Auch wenn das hyperenergische Zittern zum virtuosen Getrommel Mark Guilianis eher humoristisch-mediensatirisch rüberkommt.

Blackstar heißt diese knapp zehnminütige Art-Rock-Spitzenleistung, zu der ein Videoclip bereits vorab verfügbar war und mit der David Bowie sein neues, gleichnamiges Album eröffnet. Musikalisch folgen in dem Song einander zwei zunächst unterschiedene und antagonistische Teile. Der polytoxikomanen Unruhe des ersten Teils mit seinen mechanisch zitternden Knien steht die heiter wirkende Entspannung der nihilistischen Versöhnung mit Apokalypse und Mittelaltermuff im zweiten gegenüber – gerade so, wie sich schon vor mehr als dreißig Jahren die Songs Suffragette City und Rock ’n’ Roll Suicide gegenüberstanden. Oder die verschiedenen Stationen des überlangen Dramas Station To Station von 1976: zwischen bitterem Triumphzug des Thin White Duke, Kokaineffekten, die man mit Liebe verwechselt, und, nun ja, echter Liebe. Gerade an diesen Zehnminüter muss man bei Blackstar häufiger denken. Das Album beginnt mit einem überladenen, aber großartig überladenen Programm, das man eigentlich gar nicht mehr einholen kann auf dem Rest des Albums.

Jedoch: War zuletzt bei The Next Day, Bowies Album aus dem Jahr 2013, das erste Signal an die Welt, eine private Hymne an Fragilität und seelische Glasknochen namens Where Are We Now?, so großartig, dass die viel zu rockigen, um männlich-druckvolle Vocals und kochende Körperlichkeit bemühten anderen Songs nur abfallen konnten, wird diesmal erstaunlicherweise das Niveau fast durchgängig gehalten. Der in all den Jahren keineswegs unfehlbare, aber nie gedankenlose Produzent und alte Vertraute Tony Visconti hatte die Arbeitsweise an Blackstar als unbedingtes Vermeiden von Rock beschrieben. Das ist gelungen. Leute aus Bowies Generation denken bei solchen Ausweichmanövern erst mal an Jazz, Leute wie Bowie denken aber erst mal an zeitgenössische Elektronik, nicht so sehr als Genre, sondern vielmehr als Ursprung einer bestimmten düster-hedonistischen Stimmung.

Hier, bei einem Album, das die rundum zu begrüßende Devise seiner Eröffnungsoper, "Mehr ist mehr", bis zum Schluss beherzigt, hat man beides versucht: Jazz-Virtuosität und die dunkle Ekstase heutiger Dance- und Gothic-Kulturen. Der einigermaßen etablierte Saxofonist Danny McCaslin, vor allem aber der eher unbeschriebene Mark Guiliani mit seinem Übertreibungsdrumming treten als Zeugen der alten Wahrheit auf, dass Popmusik noch immer besser damit gefahren ist, die musikalische Überlegenheit von Jazzern zu missbrauchen und als Effekt auszustellen, als ernsthaft mitmachen zu wollen. Wenn Bowie am Ende von Dollar Days angenehm unmotiviert einige freigestellte Sequencer-Beats anklebt, zeigt er, welche Rolle die dampfende Virtuosität, das kraftvolle Können der beiden Musiker hat: Sie verfremden und verdichten eine Platte, die ihr Heil in einem Dick-Auftragen und Übertreiben sucht, das nicht so tut, als könne es von einem zentralen Ort wie der druckvoll charismatischen Stimme aus beherrscht werden. (Stattdessen gibt es eine eher stimmungsbezogene, situationsorientierte Steuerung, die nicht damit langweilt, sich allzu sehr als Prinzip preiszugeben.)

Am Anfang weiß man nicht, ob man schmunzeln soll oder sich fremdschämen

Bowie singt also meistens ganz anders als noch auf The Next Day: nicht unbedingt schwach statt stark, aber doch eher androgyn als macho, vor allem aber klagend, weich, auch weinerlich, tragisch. Die Bandbreite reicht von den dramatischen Schroffheiten des seit Langem bewunderten Scott Walker zu den Falsett-Übertreibungen aus dem Repertoire des früh verstorbenen und leider vergessenen Billy MacKenzie, der seinerseits in den 1980er Jahren einst als Bowie-Fan mit The Associates begann. Bowie schwelgt eher, als zu behaupten. Da das meiste von alten Zeiten oder aktuellen Apokalypsen handelt, badet man die ganze Zeit in einem paradoxen Genuss am sich Entziehenden, Untergehenden, Unerreichbaren – ein Gefühl, das natürlich nicht nur mit den individuellen Alterssymptomen des 69-Jährigen zu tun hat, sondern mit der unsicheren Lage der ganzen Kunst und ihrer Rahmenbedingungen, für die er steht: Popmusik mit theatralen, enthemmten, aufgeblasenen Erfindungen und Setzungen, die jedes Mal das Risiko eingehen, lächerlich, ausgedacht und erzwungen in sich zusammenzusacken. Aber wenn sie durchkommen, verwandeln sie dieses Risiko in historischen Rückenwind.

Am Anfang des Blackstar-Videos, wenn der gut aussehend Gealterte die frisch ausgestochenen schwarzen Löcher in seiner Augenbinde in die Kamera hält, weiß man nicht, ob schmunzeln oder fremdschämen. Das Zitterdrumming, die Dichte der mit Gewalt herbeigeprügelten Einfälle versöhnen einen schnell, nach einer knappen Minute war ich gewonnen. Nur hat diese audiovisuelle Kunst eben tatsächlich das Problem, dass diverse Rahmenbedingungen sich gerade als ausgesprochen fragil, flexibel und flüssig erweisen: Das ist auch ein Vorteil, aber nicht besonders hilfreich für Leute, die gültige Alterswerke formulieren wollen. So hat Bowie zwar auch schroffes Drumming zugelassen, wirr-windschiefe und kühne Songarchitekturen und solche Stimmungen, die von großer dystopischer Gegenwartspopmusik wie Arca oder Pharmakon inspiriert scheinen, aber auf der anderen Seite ist Blackstar mehr als alles, was ich in letzter Zeit gehört habe, ein Album mit einem großen A. Es gibt hier zwei Seiten mit je gut zwanzig Minuten Spielzeit, die sich tatsächlich derart perfekt an die Hördramaturgien der alten LP-Generation anschmiegen, dass auch ein skeptischer, überforderter Hörer allein über diesen Trick einer traditionellen Verteilung mit drei – wenn auch sehr unterschiedlichen – Herausforderungen auf der einen und vier eher reflexiven Nummern auf der anderen mit einem Gerüst versehen wird.

Neben der Verflüssigung der Formen, Genres und Medien gibt es aber für Künstler wie Bowie noch ein anderes Problem. Die spezifische Verschränkung von Bildern und Tönen, von illusionistischen Videos und realistisch aufgezeichneter und individuell aufbereiteter Stimme in der Popmusik hat sich verschoben in einer Zeit, wo eigentlich alle, gerade die relevanten Musiker, mit ambitionierten Bildern arbeiten. Bowie war hier früher einer von wenigen. Heute muss er damit anders umgehen. Beim letzten Album und eigentlich überhaupt, seit er mit Leuten wie dem US-Künstler Tony Oursler zusammenarbeitet, tendierten die Videos zur Verselbstständigung. Ihr spezifischer Surrealismus war ganz von heute und rannte gerade beim letzten Album der Musik davon.

Bowie lächelt mal authentisch, mal als sarkastisches Selbstzitat

Ein Lichtblick waren da schon Bowies eigene Auftritte: Das mal authentisch, mal als sarkastisches Selbstzitat rüberkommende Lächeln, das Freilegen der Zahnreihen, die Choreografie der kleidsamen Falten trugen entscheidend dazu bei, schrille Erfindungen exakt auf dem Grat zwischen unfreiwillig komischem Quatsch und großer Übertreibung zu stabilisieren. Dies ist in dem Video zu Blackstar noch um einiges weitergetrieben worden. Wie es hier zwischen Schauspielern, Musikern, Kostümen, Bühnenbild, Tänzern, Requisiten und Beleuchtungseffekten immer noch eine weitere Produktionskategorie gibt, die einfach nicht anders zu nennen ist als "Bowie", macht schon viel Spaß. Es ist der sehr souveräne Kommentar dazu, dass die Deregulierung der Unterhaltungsindustrie, das Verschwinden von Formen, Genres und Produkttypen auf eines nicht verzichten kann, die Vermarktung von Stars. Und als solcher nimmt er sich dann die Freiheit, diesen Umstand und sich als Beispiel davon schwarzzumalen. Mehr kann er eh nicht machen.