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So geht es also zu in der Staatengemeinschaft, die man bis vor Kurzem noch für die zivilisierteste der Weltgeschichte halten durfte: Die EU-Kommission wedelt mit dem erhobenen Zeigefinger nach Warschau. Und Warschau streckt den Mittelfinger zurück. Sucht man nach dem einen Moment, an dem die Zerlegung der Europäischen Union auf höchster Ebene begann, dem Moment, an dem Europa durch Krisen aufhörte zu wachsen, sondern sich stattdessen die Frage vorlegte, welchen Mehrwert ein Staatenverbund gegenüber einem starken Nationalstaat denn tatsächlich hat – dieser Wortwechsel könnte es gewesen sein.

"Die Rechtsstaatlichkeit gehört zu den gemeinsamen Werten, auf denen die Europäische Union gegründet ist", schrieb der EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans kurz vor Weihnachten an den Außenminister und den Justizminister Polens. Der Niederländer warnte die neue nationalkonservative Regierung in nur halb diplomatischen Worten davor, die Unabhängigkeit des polnischen Verfassungsgerichts zu "unterminieren".

Was die beiden Minister zurückgaben, war mehr als eine Antwort auf eine staatshygienische Mahnung. Es war eine Zurückweisung des Europagedankens schlechthin. Polen sei ein souveränes Land, so Justizminister Zbigniew Ziobro, und das bedeute: "Ich glaube nicht, dass eine externe Körperschaft uns irgendetwas aufzwingen kann, denn das wäre mit unserem Nationalstolz nicht zu vereinbaren." Außenminister Witold Waszczykowski ergänzte, irgendein EU-Beamter, der durch Beziehungen ins Amt gekommen sei, sei für ihn "kein legitimer Partner".

Es sind Sätze, die eine Wende markieren. Bisher lautete der funktionale Konsens der EU, dass die Mitgliedsstaaten Teile ihrer Souveränität abgeben, sie in Brüssel "poolen" und durch vervielfältige Staatenmacht umso mehr Souveränität zurückgewinnen. Der neuen polnischen Regierung erscheint nun also genau dies – Bindung zur Ermächtigung – als Stolzverletzung und Brüssel als Hinterzimmerwelt, in der wenige Ungewählte anstelle vieler Gewählter entscheiden. Bis jetzt haben so nur zornige Bürger geredet, wenn sie sich durch den Energiesparlampenzwang oder Freihandelsverträge ihrer Selbstbestimmung beraubt sahen. Jetzt reden Regierungen so.

Genauso feindlich schaut Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán auf Brüssel, Tschechiens Präsident Miloš Zeman ("Dieses Land ist unser Land") sowie ein Drittel der Franzosen, die unlängst für den Front National stimmten. In Finnland ist eine Anti-EU-Partei an der Regierung beteiligt, und im Nachbarland führen die nicht weniger integrationsfeindlichen "Schwedendemokraten" die Meinungsumfragen an. In den Niederlanden liegt der mephistophelische Geert Wilders mittlerweile gleichauf mit den beiden großen Volksparteien, ebenso wie in Italien die clowneske Anti-Establishment-Bewegung "Fünf Sterne".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Was ist rechte, was ist linke Kritik an der EU? Schwer zu sagen, wenn es letztlich beiden um dasselbe geht: den Volkswillen über eine lästig gewordene internationale Architektur zu erheben. Der Hass auf ein EU-Kartell, das mal ökonomische, mal kulturelle Regeln oktroyiert, verbindet Nationalisten und Sozialisten in Europa, lässt sie mitunter sogar in eins fallen, wie in Griechenland, wo die linksradikale Syriza eine Koalition mit der nationalchauvinistischen Anel-Partei einging.

Links und Rechts sind zweitklassige Kategorien geworden

In Großbritannien lassen sich die Reformwünsche des Tory-Premiers David Cameron grob in zwei Forderungen zusammenfassen. Lasst uns in Ruhe mit eurem Fanatismus einer "immer engeren Union". Und: Haltet uns aus dem Brei eurer Einheitswährung raus.