DIE ZEIT: Wann ist Ihnen klar geworden, dass Kinder im Politikeralltag nicht vorgesehen sind?

Kristina Schröder: Mein Name stand einmal ziemlich weit oben auf einer Liste der angeblich faulsten Abgeordneten des Bundestags. Da ging es um die Fehlzeiten im Parlament. Ich war im Sommer 2014 im Mutterschutz und hatte deswegen einige Sitzungswochen und Abstimmungen verpasst. Das tauchte in den offiziellen Statistiken aber nicht als Begründung auf. Wer ein Kind bekommt, ist doch nicht faul!

Katja Kipping: Als Ursula von der Leyen Familienministerin war, wurde sie in Interviews oft gefragt, ob sie genügend Zeit für ihre Kinder habe. Wenn sie dann von der Familie erzählte, hieß es sofort: Aha, sie vernachlässigt ihre Arbeit als Ministerin! Sie konnte nur zwischen zwei Fehlern entscheiden: Rabenmutter oder faul im Job. In dieser Zeit habe ich erstmals einen politikfreien Sonntag gefordert.

Robert Habeck: Als meine Kinder klein waren, war ich Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein. Das ist ein Ehrenamt. Die Vereinbarkeit von Politik und Familie war theoretisch möglich, ich konnte viel von zu Hause aus arbeiten. Tatsächlich war die Situation fürchterlich. Ich habe dauernd mit dem Handy am Ohr die Kinder gefüttert. Heute würde ich sagen, dass Kinder und Politik in einer bestimmten Lebensphase nicht ohne viel Schmerz und Stress vereinbar sind und irgendwas immer auf der Strecke bleibt.

Christine Finke: Ich bin alleinerziehend mit drei Kindern und glaube, dass Menschen wie ich in der Politik mitreden müssen, auch wenn es schwierig ist. Sonst überlassen wir die Entscheidungen alten Männern, die der Ansicht sind, Mütter von kleinen Kindern sollten lieber zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten.

ZEIT: Haben Sie das erlebt?

Finke: Ich habe Sitzungen im Stadtrat erlebt, in denen es wenig Verständnis für längere Öffnungszeiten von Kitas gab. Dabei brauchen wir diese längeren Öffnungszeiten unbedingt. Als Alleinerziehende bekommt man es doch anders gar nicht hin!

Schröder: Erstattet Ihnen jemand die Kosten für den Babysitter, wenn Sie im Stadtrat sitzen?

Finke: Ja, allerdings dauert es manchmal zwei, drei Monate, bis das Geld auf meinem Konto ist. Ich habe finanziell schwierige Zeiten hinter mir, in denen ich dachte, Mensch, 600 Euro, die brauchst du jetzt aber. Das in der Kommunalpolitik mal auszusprechen war gut, denn auf diesen Gedanken wären viele Stadträte nie gekommen. Ich habe zu wenig Zeit und zu wenig Geld, mache trotzdem Politik und bekomme deswegen immer wieder Vorwürfe. Wenn mein Name in der Zeitung steht, schreiben mir Menschen, ich solle mich lieber um meine Kinder kümmern.

Kipping: Eigentlich müsste es umgekehrt sein: Nicht diejenigen sollten sich entschuldigen, die alles unter einen Hut bekommen müssen, sondern diejenigen, die ihre ganze Zeit nur der Politik oder der Erwerbsarbeit widmen. Wir müssen weg von dem Leitbild, dass Spitzenpositionen nur mit einer 60- bis 80-Stunden-Woche möglich sind.

ZEIT: Frau Schröder, Frau Kipping, Sie fordern gemeinsam mit Vertretern anderer Parteien bessere Bedingungen für Eltern in der Politik. Sind Sie als Abgeordnete im Vergleich zu vielen Arbeitnehmern nicht unglaublich privilegiert?

Schröder: Finanziell gesehen ist das so. Aber das hilft auch nicht viel, wenn man morgens vor 8 Uhr das Haus verlässt, um 23 Uhr heimkommt und sein Kind keine Minute wach erlebt. Außerdem sind wir die einzige Berufsgruppe ohne Recht auf Elternzeit. Wir müssen acht Wochen nach der Geburt wieder voll einsteigen. Ich habe das als Ministerin erlebt. Wenn man nachts drei-, viermal rausmuss und am nächsten Tag in der Bundespressekonferenz mehr als fünfzig Journalisten gegenübersitzen soll – das ist krass.

Habeck: Mein prägendes Erlebnis waren die Koalitionsverhandlungen im Jahr 2005. Damals haben wir nachmittags begonnen und bis in die Puppen getagt. Alle waren übermüdet, die Nerven lagen blank, Tränen sind geflossen. Ich bin zu Hause losgefahren, wenn die Kita vorbei war und die Kinder nach Hause kamen. Damals habe ich mir geschworen, das nie wieder zu machen.

ZEIT: Und, hat es funktioniert?

Habeck: Ja, beim nächsten Mal, 2011, haben wir uns morgens um 9 Uhr getroffen und waren um 15 Uhr fertig. Das war auch ein Segen für die Mitarbeiter, die ja viel nachbereiten und auch oft mit dem Handy auf dem Nachttisch schlafen. Nach meiner Erfahrung lassen sich Zeitpläne am ehesten ändern. Das schwierigste Thema kommt bei der Initiative von Katja Kipping und Kristina Schröder gar nicht vor.

ZEIT: Und das wäre?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Habeck: Der politische Zirkus suggeriert, dass physische Präsenz wichtig ist und man bei Gremien und informellen Treffen immer dabei sein muss. Das ist natürlich oft auch so. Andererseits hat das alles auch viel mit uns selbst zu tun, mit unserer Eitelkeit, dem Gefühl, unentbehrlich zu sein, und dem Misstrauen, dass wir Entscheidendes verpassen. Dieses System ändert sich nicht, wenn alle es immer weiter füttern. Als Mann habe ich es sogar vergleichsweise leicht gehabt. Ich konnte früher zu Parteifreunden sagen, heute habt ihr kein Anrecht auf mich, ich bringe meine Kinder ins Bett. Ich war der tolle, moderne Vater. Bei Frauen wird mehr mit den Augen gerollt.

Schröder: Mein Mann ist Parlamentarischer Staatssekretär, und wir machen eigentlich sehr ähnliche Erfahrungen. Wenn man vor der Geburt eines Kindes sagt, bestimmte Termine seien in Zukunft nicht mehr möglich, ist die Aufgeschlossenheit groß. Während der Schwangerschaft überschlagen sich viele vor Rücksichtnahme. Aber sobald es später konkret wird und man mal eine Landesvorstandssitzung absagen muss, kommen auch gehässige Bemerkungen.

"Dass ich Zeit mit meiner Tochter verbringe, tut meiner politischen Arbeit gut"

ZEIT: Wäre es einfacher, wenn Sie Ihre Kinder öfter mal zu Veranstaltungen mitnehmen könnten?

Schröder: Ach, das ist eigentlich nie ein Problem. Eher freuen sich alle, dass was los ist, und kloppen sich darum, wer die Kleinen auf den Schoß nehmen darf. Aber entscheidend ist am Ende, ob eine Partei bereit ist, Abwesenheit nicht negativ zu sanktionieren, und ob jemand Macht und Einfluss haben kann, obwohl er sich manchmal zu einer Sitzung nur per SMS oder Mail äußert. Da habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Kipping: Ich bin gut damit gefahren, gar nicht erst mit Rechtfertigungen anzufangen. Als ich zur Parteivorsitzenden gewählt wurde, hatte ich einen Stillrhythmus von fünf Stunden. Die Partei lag in den Umfragen unter fünf Prozent, der Druck war groß. Einige konnten sich nicht vorstellen, wie ich das alles schaffen wollte. Ich wurde tatsächlich gefragt, ob das Kindeswohl gefährdet sei. Damals habe ich ganz klar gesagt, dass ich, von Ausnahmen abgesehen, jeden Tag drei, vier Stunden mit meiner Tochter verbringen will.

ZEIT: Schaffen Sie das?

Kipping: Im Großen und Ganzen schon. Und meine Partei schneidet inzwischen in Umfragen viel besser ab! Ich finde, bei allen, die jeden Abend Politik machen und keine Kungelrunde auslassen, sollte man mitdenken, wo sie in dieser Zeit nicht sind. Sie verbringen keine Zeit mit der Familie, Freunden oder Nachbarn. Sie nehmen sich keine Zeit für ein Buch.

Habeck: Die Frage ist doch, wie wir Politik machen können, ohne dass sich das gesamte System immer weiter von der Wirklichkeit entfernt. Ich bin Agrarminister und werde dauernd gefragt, ob ich bei Aldi einkaufe. Die Wahrheit ist, dass ich überhaupt nicht mehr selbst einkaufe, vermutlich aber ein besserer Politiker wäre, wenn ich häufiger mal im Supermarkt in der Schlange stünde und auch sonst den normalen Alltag der meisten Leute teilen würde. Meine Hoffnung ist, dass immer mehr Wähler sagen: Wir wollen nicht nur Politiker, die vom Plenarsaal zum Dienstwagen rennen, sondern Menschen, die geerdet sind, die auch mal Babykacke an den Fingern hatten.

Finke: Vielleicht. Aber ich habe Zweifel, ob Sie mit Ihrer Initiative beispielsweise meinen Nachbarn erreichen würden. Der wohnt in einer Sozialwohnung und würde wahrscheinlich sagen: Ich hätte auch gern sonntags frei, muss aber in der Gastronomie arbeiten, und zwar für weniger Geld, als Politiker bekommen. Was sagen Sie dem?

Kipping: Dem Mann würde ich sagen, dass Politiker mit einem Familienleben sehr wichtig sind. Ich glaube ja, dass wir in Deutschland lange so wenig Geld in Kinderbetreuung gesteckt haben, weil nur ganz wenige Politiker die Suche nach einem Kitaplatz selbst erlebt haben.

Schröder: Stimmt.

Kipping: Außerdem haben fast alle Abgeordneten zwei Wohnsitze, in Berlin und im Wahlkreis, wo oft auch die Familie lebt. Während der Sitzungswochen sehen sie ihre Kinder meistens gar nicht. Wenn dann auch noch das ganze Wochenende für die Politik verbucht wird, findet überhaupt kein Familienleben statt.

ZEIT: Sind die Politiker nicht auch selbst schuld daran, dass es mit der Vereinbarkeit für sie so schwierig ist? Lange war es üblich, mit Bildern von der glücklichen Familie am Esstisch oder im Garten zu werben. So entstand der Eindruck, es gebe kein Problem.

Schröder: Wobei das ja eigentlich nur für die Männer galt. Gucken Sie mal in meiner Partei, der CDU: In der Generation vor mir ist die große Mehrheit der Politikerinnen in führenden Positionen kinderlos. Für sie war es wirklich noch eine knallharte Entscheidung – Politik oder Kinder. Wer später einstieg, mit 50, hat in der Regel nicht mehr die ganz große Karriere gemacht.

ZEIT: Wenn Eltern in der Politik benachteiligt sind – brauchen wir dann ein Elternwahlrecht, das Menschen mit Kindern mehr Stimmen gibt, oder auch eine Elternquote im Parlament?

Finke: Ich will so eine Quote, für Alleinerziehende, und das nicht nur in der Politik, sondern auch im Arbeitsleben. Ich bekomme zu oft mit, dass Eltern, meist Frauen, vor der Geburt diskriminiert oder später rausgeekelt werden.

Habeck: Ich war lange für das Elternwahlrecht. Früher dachte ich, die Alterung der Bevölkerung würde irgendwann dazu führen, dass 70 Prozent der Bevölkerung sich für eine Rentenerhöhung entscheiden und keiner mehr für bessere Schulen. Aber mein Gesellschaftsbild ist in meiner Ministerzeit positiver geworden. In schwierigen Konflikten wie beim Stromnetzausbau sind Menschen sehr wohl bereit, nicht nur das eigene Interesse zu verfolgen. Ich glaube heute nicht mehr, dass nur Eltern gute Politik für Kinder machen.

Kipping: Ich bin gegen das Elternwahlrecht, weil Kinder ja immer früher eigenständige Persönlichkeiten sind und selbst entscheiden wollen. Deshalb sollten wir lieber das Wahlalter senken. Ich würde aber auch nie sagen, dass Eltern generell benachteiligt sind. Dass ich Zeit mit meiner Tochter verbringe, tut meiner politischen Arbeit oft gut. Kinder zwingen einen zum Beispiel dazu, alles verständlich zu erklären. Einen Coach müsste man für so ein Training teuer bezahlen.

ZEIT: Was halten Sie davon, dass Familienministerin Manuela Schwesig nach der Geburt ihres zweiten Kindes nur zwei Monate aussetzen will? Danach soll sich vor allem der Vater um das Baby kümmern.

Finke: Ich finde es vorbildlich. Sie hat Glück, dass ihr Mann das machen kann.

Habeck: Ich wünsche Frau Schwesig alles Gute. Aber für mich hätte das damals nicht funktioniert. Wenn meine Kinder nicht zur Welt gekommen wären, bevor ich Vollzeit-Politiker wurde, hätte ich sie vermutlich nicht.

Schröder: Das ist jetzt aber ein sehr resignatives Schlusswort.

Habeck: Ich bin nicht resigniert. Ich habe intensive Zeiten mit meinen Kindern erlebt. Aber inzwischen komme ich meistens zwischen zehn und elf Uhr abends nach Hause und fahre morgens um sieben wieder los. In dieser Lebenssituation würden weder meine Frau noch ich auf die Idee kommen, vier Kinder in die Welt zu setzen.