Der Künstler Ai Weiwei auf Lesbos, wo er ein Mahnmal für die Ertrunkenen errichten will. © Stringer/AFP/Getty Images

Beim morgendlichen Scrollen durch meine Facebook-Timeline wirkt die Welt wie ein verrückter Kostümfilm. "Was Stephen Hawking über den Terrorismus sagt, ist furchtbar – aber richtig!", steht unter einem Porträt des spastischen Genies. Dann kommen einige Shaming-Bildchen: Aufnahmen von ungarischen Grenzzäunen und sehr ungünstig gekleideten Pegidisten. Es folgt der Link zu einem Change.org-Aufruf, mit dem Waffenexporte nach Saudi-Arabien gestoppt werden sollen. Und die Tochter einer befreundeten Dramaturgin hat sich vor 30 Minuten vor dem Lageso in Berlin porträtiert ("Deutscher Bürokratie-Terror"). Weit unten taucht schließlich der gute alte Ai Weiwei auf. Er hat, so lese ich, letzte Woche ein paar Selfies auf Lesbos geschossen: Unkonzentriert fuchtelt er an den Gestaden Griechenlands mit einer goldenen Rettungsdecke und einer Schwimmweste.

"Die Waffen sind das Wesen der Kämpfer", schrieb der Philosoph Hegel in der Phänomenologie des Geistes. Die Waffen unseres postheroischen Zeitalters sind ohne Zweifel die Selfie-Stange und der Facebook-Post. Die aktivistische Geste, in historischer Zeit unfairerweise einer kleinen Elite aus Kriegern und Dichtern vorbehalten, ist Teil des kollektiven westeuropäischen Geltungskonsums geworden.

Signalwörter wie "Terror" und "Humanismus" werden auf dem Netz drapiert wie im Wilhelminischen Zeitalter der Handschuh oder die Bibel auf dem Familienporträt. Umso interessanter ist es, was hinter dieser Erregung der Wohlmeinenden liegt, zumeist unsichtbar und unbesprochen.

Seit Jahrzehnten schon wird das Antlitz unseres Planeten von Flüchtlingskatastrophen bestimmt, doch erst im letzten Spätsommer erreichte diese Wirklichkeit die deutschen Medien und Herzen, gleichsam über Nacht, als das Bild des ertrunkenen Jungen Ailan veröffentlicht wurde. Damals schrieb der Philosoph Armen Avanessian in der ZEIT: "Der Kapitalismus war und ist – und wird es bis in seine letzten Züge bleiben – ein auf systematischer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus aufbauendes Wirtschaftssystem, das naturgemäß zu Migrationsbewegungen der Ausgebeuteten führt." Damit war eigentlich alles gesagt: Der humanitäre Schlamassel, den wir aktuell an den europäischen Außengrenzen erleben, ist nur der alleräußerste, der gleichsam zarteste Ausläufer dessen, was für Milliarden Menschen Alltag ist. Nicht mehr und vor allem nicht weniger.

Nun hat sich die Nebelwand aufgelöst, die uns bislang vor dem Anblick der Folgen unserer Wirtschaftspolitik im Nahen Osten und in Zentralafrika schützte. Der Anfang September ertrunkene Ailan ist nicht, wie man oft lesen konnte, das Epochensymbol einer aus den Fugen geratenen Welt. Ailans ikonischer Leichnam bezeichnet, viel banaler, jenen katastrophal späten Moment, in dem Europa sich mit dem eigentlichen Wesen seines Reichtums konfrontiert sieht. Der zutiefst betroffene Blick unserer Leitmedien gleicht der berühmten ungläubigen Reaktion der Weimarer Bürger auf die Leichname in Buchenwald, mit denen sie die amerikanischen Befreier konfrontierten: Wie bitte, das? Bei uns?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Die Sicherheitsorganisationen, NGOs und Aktivistengruppen hatten das Thema schon seit Längerem für sich entdeckt. Die Bürokratie der Aufnahmestaaten reagierte langsam. Als Letzte aber kamen die Künstler: Ai Weiweis hektisches Schwimmwesten-Gefuchtel auf Lesbos wirkt wie das Geknipse eines Familienvaters, der am letzten Ferientag noch ein paar Beweisfotos schießen muss.

Und genau dies ist der Kern dessen, was ich den "zynischen Humanismus" nenne: Globale Katastrophen werden in Medienereignisse überführt, Systemdebatten verkommen zu rein organisatorischen Auseinandersetzungen über Auffanglager und das Für und Wider einer neointerventionistischen Politik. Die strukturelle Grausamkeit eines weltweiten Systems von Kapital- und Humanströmen wird in einer Art Zweitverwertung zu Empörungskapital für virtuelles Feierabend-Engagement. Und wie immer, wenn Europa für kurze Zeit aus seinem Schlaf der Vernunft erwacht, beginnt das altbekannte Betroffenheitsspielchen.

Ganze Weltregionen leben im permanten Ausnahmezustand

"Ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie jetzt" war die Losung aller freiwilligen Helfer, die ich bei den Recherchen zu meinem neuen Theaterstück Mitleid auf Kos, auf Lesbos, an der mazedonischen Grenze, auf der Balkanroute und schließlich in Zentralafrika traf. Humanität als narzisstisches Konsumgut und Biografie-Bonus. Oder wie es die Heldin meines Stücks sagt: "Der Kongo macht sich in jedem Lebenslauf gut."

So markiert die Flüchtlingskatastrophe, in den Medien als Geburtshelferin einer Politik der schönen und großen Gesten gefeiert, in Wahrheit den Beginn der letzten Etappe auf dem Weg in die Postpolitik. Im Tagestakt werden utopische Zukunftsmöglichkeiten in Erinnerungs-, Verwaltungs- und Sicherheitsdebatten überführt. NGOs organisieren Fährdienste und managen Flüchtlingslager. Politikwissenschaftler orakeln über ein neues Zeitalter, in dem der Terror wieder nach Europa kommt – womit sie aber natürlich nur den geografischen Ort selbst, nicht die globalisierte Realität des wirtschaftlichen Konzepts "Europa" meinen.

Eine weitere Ethikdebatte über die Flüchtlinge ist unpolitisch und außerdem antiutopisch

Symbolisch noch bezeichnender ist das, was Ai Weiwei vorhat: Er will für die Ertrunkenen der Mittelmeerroute ein "Mahnmal" errichten. Da das Errichten von Mahnmalen spätestens seit der Romantik eine der Lieblingsbeschäftigungen der bürgerlichen Kunst ist, kommt er zu spät: Es gibt schon mehrere davon, wie für so viele Verbrechen, die sich dummerweise in Europa und nicht anderswo ereignet haben. Aber was wäre hier denn Vergangenheit, der es zu gedenken gälte?

Wie der Belgier David Van Reybrouck in seinem Buch Kongo. Eine Geschichte schrieb, künden staatlich komplett dekonstruierte Gebiete wie der Ostkongo oder Syrien und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme, so archaisch sie wirken, nicht von der Vergangenheit, sondern von unser aller Zukunft. Einer Zukunft, in der ganze Weltregionen im permanenten Ausnahmezustand leben und der Willkür internationaler, rechtlich kaum belangbarer Konzerne ausgeliefert sind.

Sich deshalb künftig des Problems der Flüchtlinge mit einer weiteren Ethikdebatte anzunehmen ist nicht nur unpolitisch. Im Endeffekt ist es auch, so fürchte ich, antiutopisch. Denn was diese Menschen brauchen, ist nicht Charity, es sind Solidarität und Gerechtigkeit. Die Zeit jener akademischen Debatten, wer den besseren Realismus im Angebot hat und ob aktiver Interventionismus im guten alten NGO-Stil bloß verkappter Rassismus sei, ist abgelaufen.

Wir müssen mit einer Poesie des Herzens, des Verstandes und der Tat auf die Krise antworten

Ersetzt wurden diese Luftgefechte längst durch etwas viel Pragmatischeres – eben den zynischen Humanismus. Es ist dies ein Humanismus, der nicht mehr universal, sondern bloß noch für klar definierte imperiale Räume gilt; eine Art aristokratische Seelenzucht, quasi eine moralische Innenpolitik Europas. Mit dem alten deutschen, gern auch mal globalpolitisch übergriffigen Humanismus hat das wenig zu tun. Wie sehr wir tatsächlich dem heroischen Zeitalter entwachsen sind, zeigt die Geschwindigkeit, mit der nach dem Abebben der ersten Empathiewelle in allen politischen Lagern das unverschleierte Nützlichkeitsargument wieder in den Vordergrund getreten ist.

Richard David Precht schrieb vergangene Woche an dieser Stelle: "Wenn wohlmeinende Grüne uns den ungeheuren wirtschaftlichen Nutzen der Flüchtlinge verkaufen wollen, so denken sie in den gleichen verengten ökonomischen Schemata wie ihre Kontrahenten." Und er hat recht: Aus globaler Perspektive handelt es sich beim deutschen Kulturkampf zwischen Pegida und AfD auf der einen und den Anhängern der "christdemokratischen Neoliberalen und ihren sozialdemokratischen Gehilfen" (noch einmal Avanessian) auf der anderen um nicht viel mehr als einen Zickenkrieg zwischen Bürgern der Wohlstandszone, die alle gleichermaßen profitieren von der Zerstörung staatlicher Strukturen in Afrika oder dem Nahen Osten. Für einen Kongolesen oder Iraker ist das im bürgerlichen Feuilleton zum Stilmittel gewordene Pegida-Bashing in etwa so hilfreich, wie es in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Streitigkeiten zwischen Wehrmacht und SS um die moralisch korrekte Besatzungspolitik waren.

Das alte Europa ist untergegangen

Gewiss wird das zurückliegende Jahr als jenes Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das von Deutschland geführte Europa endlich ein freundliches Gesicht aufgesetzt hat. "Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen", forderte der Bundeskanzler Gerhard Schröder vor 15 Jahren, und die neohumanistische Facebook-Generation hat das zweifellos eingelöst. Der offene politische Zynismus, der noch zur Zeit der Griechenlandkrise sein nihilistisches Haupt reckte, ist nun gegen alle Widerstände in die Schmuddelecke von Publikationen wie der Jungen Freiheit oder der Blauen Narzisse verbannt worden. Die Beschreibung der Hilfsindustrie, wie ich sie in Mitleid vornehme, ist deshalb nicht nur ironisch, sondern durchaus auch affirmativ gemeint.

Angesichts des Versagens staatlicher Institutionen, überfordert von der schieren Zahl der Flüchtlinge, gilt es mit einer Poesie des Herzens, des Verstandes und der Tat zu antworten. Warum immer diese selbst auferlegte Zurückhaltung, diese Angst, noch mehr Schaden anzurichten? Warum sollten wir Zöglinge des europäischen Bildungsbürgertums uns nicht für einmal dem magischen Denken hingeben, dass "nur jene Lanze die Wunde schließt, die sie geöffnet hat" – um Wagners Parsifal zu paraphrasieren? Warum sollten wir nicht, wenn auch nur für eine Saison, die alte Schlingensief-Rolle der ironischen Negation aufgeben und, sagen wir es offen: staatstragend arbeiten?

Ja: Das alte Europa ist untergegangen, und wie das Monster in Horrorfilmen bäumt es sich noch ein letztes Mal auf. Was aber fällt, soll gestoßen werden: Nieder mit der Pegida! Nieder mit Le Pen, Orbán, Blocher und all den anderen Retro-Idioten! Dabei sollten wir aber Folgendes nicht vergessen: Die Wahrheit Europas liegt jenseits von Berlin, Paris und Budapest, jenseits des Mittelmeers und jener Politik des Mitleids, mit der wir uns aktuell vom Elend der Welt freikaufen.

Hören wir also auf, ein weiteres Jahr der kapitalistischen Fabel zu glauben, dass es immer so weitergehen kann – nur irgendwie weniger tödlich für die Verlierer des Systems, irgendwie weniger peinlich für die Gewinner, irgendwie sauberer für den Planeten. Entwickeln wir, nachdem wir uns der imperialen Innenpolitik gewidmet haben, einen wahrhaft globalen Realismus. Einen Realismus, der nicht nur die Menschen sichtbar macht, die es bis an die Gestade Griechenlands und Italiens geschafft haben. Sondern auch jene, die außerhalb des Fokus der europäischen Mitleidindustrie leben: jene Rechtlosen und Unsichtbaren, die, um ein schreckliches Wort von Hegel aufzunehmen, "keine Geschichte haben".

Denn wenn die gefühlte Apokalypse des vergangenen Jahres etwas gebracht hat, dann Folgendes: Sie hat auch dem Letzten unter uns die Wahrheit über das System enthüllt, in dem wir leben. Und nichts anderes heißt ja "Katastrophe": Enthüllung.