Containerwohngruppen für Flüchtlinge © dpa

DIE ZEIT: Herr Sprandel, Sie haben bei Ihrem Antritt vor knapp 100 Tagen gesagt: Mit Ihnen werde es "keine Kultur des Teppichhandels" über Flüchtlingsunterkünfte geben. Heißt das: Keine Kompromisse – komme, was wolle?

Anselm Sprandel: Das heißt es nicht. Natürlich muss man schauen, wie sich die öffentliche Meinung entwickelt, und aus Gerichtsurteilen lernen, selbst wenn die einem nicht gefallen. Sich vorne starr hinzustellen wäre falsch.

ZEIT: Was meinen Sie dann mit Teppichhandel?

Sprandel: Teppichhandel meint, dass man signalisiert, man ist immer irgendwie rumzukriegen. Wie auf dem Basar, wo man nur um des Handelns willen Zug um Zug nachgibt. Wir als Verwaltung können unsere Position auch anpassen. Aber wenn wir von unserer Sache überzeugt sind und die besseren Argumente haben, geben wir nicht einfach nach.

ZEIT: Da passt es, dass Andreas Dressel, der SPD-Fraktionschef, gesagt hat, man könne über das "Wo" oder die Größe von Flüchtlingsunterkünften nicht diskutieren. Auch ziemlich starr.

Sprandel: Das ist keine Starrheit um der Starrheit willen. Der Druck kommt von außen, durch die hohe Zahl von Asylsuchenden. Wir sind verpflichtet, diese Menschen unterzubringen. Sollten sich Möglichkeiten ergeben, dieses Ziel mit anderen Mitteln als den von uns angestrebten zu erreichen: Dann kann man auch andere Wege gehen.

ZEIT: Oft geht der Senat aber gar nicht erst darauf ein, wenn Bürger andere Wege vorschlagen. Lokalmedien werfen der Politik bereits "Selbstherrlichkeit" vor.

Sprandel: Ich habe immer Sorge, dass wir in eine Lage kommen, in der die Menschen nicht mehr bereit sind mitzugehen. Ich bin viel auf Informationsveranstaltungen. Da höre ich diesen Vorwurf auch oft.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Wie erklären Sie sich diesen Eindruck?

Sprandel: Es gibt einfach Interessenunterschiede. Anwohner fühlen sich bedrängt durch eine neue und fremde Einrichtung – der Staat kann die Menschen aber nicht dauerhaft in Zelten wohnen lassen. Da werden bessere und schlechtere Argumente ausgetauscht. Manchmal eben auch: Der Staat sei selbstherrlich.

ZEIT: Oder: "Mit uns redet niemand."

Sprandel: Genau. Aber das Gegenteil ist der Fall. "Mit uns redet niemand" meint oft in Wirklichkeit: "Wir wollen diese Einrichtung nicht." Ich will das nicht abqualifizieren, es gibt gute Gründe, Neubauten infrage zu stellen. Aber nach meiner Überzeugung spielt da immer mit hinein, dass man Argumente sucht, mit denen man das eigene Interesse vor sich selbst und vor den anderen vertreten kann.

ZEIT: Das gilt natürlich für beide Seiten. Sie haben aktuell 18.000 Flüchtlinge in der Erstaufnahme und müssen mit Anwohnern um 150 Plätze streiten. Wie bleibt man da sachlich?

Sprandel: Jeder ist ein Mensch. Ich kann nicht ausschließen, dass es einem auch manchmal passiert, dass man kurz angebunden ist oder falsch reagiert.