Auch ohne Zeugnisse dürfen sich Flüchtlinge an der Universität des Saarlandes bewerben. Mohammad Al Saqqa über das Forscherdasein in Saarbrücken und Damaskus

Nach der Flucht fühlt man sich erst mal in Sicherheit und frei. Doch schnell weicht die Erleichterung einer großen Leere. Viele von uns waren ja etwas in Syrien und haben nun alles verloren: die Heimat und den Besitz, aber auch unsere Sprache und unsere Ausbildung, die plötzlich nichts mehr zählen. Wir fühlen uns wie ein Nichts.

Durch glückliche Zufälle bin ich als Doktorand an der Universität des Saarlandes gelandet. Hier dürfen sich Flüchtlinge auch ohne Zeugnisse für ein naturwissenschaftliches Studium bewerben. Nur eine Aufenthaltsgenehmigung und den Ausweis müssen sie zum Eingangstest mitbringen. Ich habe die Informationen über den Test ins Arabische übersetzt.

Der Test prüft das, was ein deutscher Gymnasiast im Mathe-Abitur wissen muss. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Bewerber für ein Studium in Physik, Informatik oder Ingenieurwissenschaften eignen. Wer den Test gut besteht, lernt ein Jahr lang Deutsch und darf sich dann einschreiben. Die Uni schaut also nicht nach den Papieren, sondern nach dem, was wir Flüchtlinge im Kopf haben.

Ich selbst bin aber Geisteswissenschaftler. Seit fünf Monaten promoviere ich in Amerikanistik über die Darstellung der USA in den Medien des Nahen Ostens, mit einer kleinen Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft. Knapp ein Jahr zuvor bin ich aus Syrien geflüchtet. Wir sind zu dritt aus Damaskus aufgebrochen, meine beiden ältesten Brüder und ich. Unsere Flucht ging über die Türkei, Italien und Österreich nach Deutschland ins Saarland. Als ich hier ankam und zu Hause anrief, dachte meine Mutter wohl, sie spreche mit einem Geist. Es hieß nämlich, wir wären alle auf der Flucht ertrunken. Wenn ich in Syrien geblieben wäre, wäre ich auf jeden Fall gestorben. Sie wollten mich zum Militär einziehen und in den Krieg schicken. Erst konnte ich das vermeiden, weil ich Staatsangestellter war. Ich habe an der Universität Englisch unterrichtet, Konzepte für das Bildungsministerium entwickelt und Lehrer ausgebildet. Doch dann gingen dem Regime die Soldaten aus.

An der Uni in Damaskus geht der Betrieb offiziell weiter, aber das ist Fassade. Immer mehr Akademiker verlassen das Land. Das Leben in Damaskus ist die Hölle. Früher roch es überall nach Jasmin in dieser wunderschönen Stadt, heute riecht es nach Tod. Selbst einfache Lebensmittel sind fast unerschwinglich. Als es nicht mehr auszuhalten war, beschloss meine Familie, die Ersparnisse zusammenzulegen und uns Brüder nach Deutschland zu schicken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Deutschland hatte schon immer einen guten Ruf in Syrien, gerade unter Akademikern. Vor dem Bürgerkrieg gab es ein Goethe-Institut in Damaskus und viele deutsche Arabischstudenten. Die Uni hatte viele Partnerschaften mit Hochschulen in Halle, Marburg oder Münster. Und dann kennt natürlich jeder die Produkte der deutschen Ingenieurskunst. Ich hatte immer den Eindruck: Deutschland ist für Menschen mit Verstand ein fruchtbarer Boden.

Doch was sollte ich in diesem fremden Land machen? Als syrischer Dozent für Englisch mit einem Masterabschluss einer Universität, die kaum einer kennt? Ich ging zur Handelskammer, zur Caritas, zur Flüchtlingsberatung: Überall hieß es, leider haben wir nichts für Sie. Mit 32 Jahren fühlte ich mich wie tot, hirntot. Und dann starb auch noch mein Vater. An einem Herzinfarkt, an Kummer. Ich überlegte ernsthaft, aufzugeben und nach Syrien zurückzukehren.

Da schickte Gott, ja, es muss Gott gewesen sein, eine junge Frau in unser Flüchtlingsheim. Sie brachte Schokolade, wir kamen ins Gespräch. Über die englische Sprache, über englische Romane, über die Kunst des Übersetzens. Sie hieß Ilka Hofmann, promovierte in Amerikanistik und fragte mich, ob ich das Gespräch an der Uni fortsetzen wolle. Ein paar Tage später saß ich mit ihr im Doktorandenkolloquium. Das war der Moment, in dem sich mein Schicksal wendete. Die Professorin, Astrid Fellner, bot mir an, meine Masterarbeit zu lesen. Ich hatte sie auf einer Festplatte gespeichert, zusammen mit meinen Zeugnissen, vielen Notizen und rund 500 Büchern, mein gesamtes akademisches Leben also. Die Masterarbeit gefiel Professorin Fellner und sie bot mir an, bei ihr zu promovieren. Es war, als wäre ich neugeboren. Heute habe ich einen eigenen Schreibtisch in der Uni, einen Laptop und Zugang zu einer riesigen Bibliothek. Manchmal sitze ich von morgens um acht bis abends in meinem Büro und lese und lese.

Die meisten Deutschen wissen nur wenig über Syrien. Man fragt mich manchmal, ob wir in der Wüste mit Kamelen leben. Oder ob wir so einen – wie heißt das? – Turban tragen. Und nur wenige können sich vorstellen, dass wir in Damaskus eine Uni mit einer renommierten Medizinerausbildung haben. Vor Ausbruch des Bürgerkriegs wurden viele Studiengänge reformiert, neue Gebäude errichtet. Mein Arbeitszimmer dort war besser ausgestattet als das Büro an der Uni in Saarbrücken. Die Lobby des Gebäudes sah aus wie ein Fünfsternehotel und es gab superschnelles Internet.

Das wissenschaftliche Leben in beiden Ländern unterscheidet sich nicht groß voneinander. In der Anglistik lasen wir in Syrien dieselben Autoren und beschäftigten uns mit denselben literarischen Theorien. Das akademische Niveau in Damaskus war in den Jahren vor dem Krieg immer besser geworden.

Was mir an der Uni des Saarlandes jedoch sofort auffiel: wie multikulturell sie ist. Fast jeder fünfte Student stammt hier aus dem Ausland; die Doktoranden im Seminar kommen aus Russland, Großbritannien, Ungarn, dem Iran, Luxemburg, Österreich und Deutschland. Auf dem Campus werden sogar Halal-Speisen angeboten; man hat Muslime als Konsumenten wahrgenommen. Von den Flüchtlingen verspricht die Uni sich Vorteile. Sie sollen Studienplätze füllen, für die es bisher aus dem In- und Ausland zu wenig Bewerber gibt. Später, so hofft man, werden sie als Ingenieure oder Informatiker im Saarland bleiben. Immerhin 170 Bewerber haben sich schon nach kurzer Zeit für den Eingangstest angemeldet; die meisten stammen aus Syrien.

Ich mache jetzt erst einmal meinen Doktor, ob ich dann in der Wissenschaft bleibe, weiß ich nicht. Wichtiger für mich ist, dass ich endlich eine offizielle Heimat bekomme. Darauf hoffe ich seit einer Ewigkeit. Vielleicht ist mein Lieblingsbuch deshalb auch Warten auf Godot von Samuel Beckett. Denn eigentlich bin ich gar kein Syrer, sondern Palästinenser. Meine Familie ist schon einmal geflüchtet, 1948 aus dem heutigen Israel. In meinem Pass steht bei Nationalität "ungeklärt". Irgendwann soll da ein Land stehen. Vielleicht wird es "Deutschland" sein.

Protokoll: Martin Spiewak