In den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft ist die Frauenquote ungefähr so beliebt, wie es der Mindestlohn einmal war. Beide Veränderungen in der Arbeitswelt, ganz oben und ganz unten, hält ein guter Teil der Manager und mittelständischen Unternehmer für leistungshemmend. Arbeitsplatzvernichtend. Sie denken: Lief doch auch so. Und sehen in den neuen Regeln einen staatlichen Irrsinn und eine Belohnung für Menschen, die es nicht draufhaben, die einfach nicht genug leisten. Denn, so der Gedankengang, wenn sie es täten, würden sie längst mehr verdienen oder wären längst an der Spitze der Unternehmen angekommen – so wie sie selbst.

Beim Mindestlohn ist das Gegenteil bereits bewiesen, er hat praktisch niemanden ruiniert und ist, allen Problemen in der Praxis zum Trotz, akzeptiert. Das behauptet nicht nur die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), sondern das bestätigt auch ein hartnäckiger Gegner des Mindestlohns, der Sprecher des Wirtschaftsflügels in der CDU, Michael Fuchs.

Auch bei der Frauenquote überholt die Wirklichkeit nun die Ewiggestrigen. Seit dem 1. Januar gilt die Quote für Aufsichtsräte in immerhin rund hundert Unternehmen: Der Gesetzgeber verpflichtet jede börsennotierte Gesellschaft, die mehr als 2.000 Mitarbeiter beschäftigt und damit der vollen Mitbestimmung unterliegt. Das heißt, im dortigen Aufsichtsrat sitzen je zur Hälfte Vertreter der Arbeitnehmer und der Anteilseigner. So ändert sich die Welt der Großkonzerne im Dax und teilweise auch im MDax.

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Wird von nun an ein Aufsichtsratsposten frei, muss eine Frau berufen werden, bis eine Quote von 30 Prozent erreicht ist. Wird keine gefunden, bleibt der Stuhl leer. Derzeit sind rund 22 Prozent der Aufsichtsräte in den betroffenen Unternehmen weiblich, das ist deutlich mehr als vor fünf Jahren, es hat sich also einiges getan, beim Konsumgüterkonzern Henkel und beim Pharmaunternehmen Merck, beim Chiphersteller Infineon und beim Versicherer Munich Re, schon bevor das Gesetz in Kraft getreten ist. Aber es gibt eben auch Unternehmen, die, um es vorsichtig zu sagen, recht langsam sind. Zu ihnen zählen der Medizintechnik-Konzern Fresenius, der Salzförderer K+S und der Energiekonzern RWE. Diese haben bisher keine oder nur sehr wenige Frauen im Aufsichtsrat. Sie brauchen offenbar die juristische Gerte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Im Zusammenhang mit der Quote wurde viel und oft über Gerechtigkeit gesprochen. Familienministerin Manuela Schwesig sagte beispielsweise, sie wolle "die Arbeitswelt für Frauen verbessern". Das ist ein gutes Ziel, die Bedingungen für Männer und Frauen sollten in der Tat gleich sein, und noch gibt es genug Unternehmen und Strukturen, in denen Männer die Frauen ausschließen.

Aber das Gleichheitsargument reicht eben nicht, um eine Frauenquote zu begründen, denn der Zweck eines Unternehmens ist es, "einen Kunden zu erobern und zu halten". Dieser Satz stammt von Peter Drucker, dem verstorbenen Vordenker des modernen Managements. Wie kein Zweiter hat Drucker die Welt der Konzerne beobachtet, analysiert und geformt.