Der Mann lässt nicht locker. Trotz seiner 88 Jahre. Aber wenn Christian Menn, den Schweizer Bauingenieur, etwas ärgert, dann will er es ändern. Dann setzt er sich hin und versucht es besser zu machen. Vor allem schöner. Gerade, wenn es dabei um ein Drei-Milliarden-Franken-Projekt geht. Wie bei der zweiten Straßentunnelröhre durch den Gotthard.

Menn hält nichts von einem neuen Loch, parallel zum alten Tunnel durch den Berg getrieben. Er will stattdessen eine neue Straße über den Alpenpass bauen. Mit einem kurzen Scheiteltunnel. Sein Vorbild ist die San-Bernardino-Strecke, für die er selber in den 1950er und -60er Jahren zahlreiche Brücken plante.

"Variante zur Zweiten Röhre", heißt das Konzept, welches der ZEIT vorliegt. Der Ingenieur erklärt darin detailliert, wie er sich seine kühne Gotthard-Alternative vorstellt:

Die neue Straße beginnt an der Ausfahrt der Autobahn 2 östlich von Göschenen. In einem niedrigen Hangviadukt umfährt sie das Dorf im Süden und führt 3,6 Kilometer tief ins Göscheneralptal.

In einer Linkskurve schwenkt sie in den Spitztunnel, der kurz vor Andermatt endet. Genau bei der Teufelsbrücke. Womit der Luxus-Ferienort einen eigenen, wintersicheren Anschluss ans Autobahnnetz erhält. Und auch das Bündner Oberland von einer besseren Erschließung profitiert.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Von Andermatt aus führt die neue Schnellstrecke, zweispurig mit Gegenverkehr, am linken Talfuß entlang in Richtung Hospental. Sie umfährt das Dorf im Westen und windet sich schließlich auf den flachen Gamsboden: wo sie auf 1.650 Meter über Meer in den 6,7 Kilometer langen Gotthard-Scheiteltunnel sticht – und auf der Südseite nach ein paar Hundert Metern in die alte auszubauende Passstraße mündet.

Sein Projekt, rechnet Menn, koste viel weniger als die geplante zweite Parallelröhre. 700 bis 800 Millionen Franken könne der Steuerzahler sparen. Und der Bau sei erst noch viel unproblematischer: Die neue Straße könne nämlich völlig losgelöst vom bestehenden Tunnel gebaut werden. Sie würde "eine einwandfreie Alternative bieten", wenn im alten Gotthard-Loch die Baumaschinen auffahren und der Tunnel für zwei Jahre gesperrt ist. Die Fahrt über die neue Passstraße würde lediglich 17 Minuten länger dauern als durch den bestehenden Tunnel.

Allein ums Geld und den flüssig rollenden Verkehr geht es dem Baukünstler aber nicht. Ebenso wichtig ist ihm die Schönheit der neuen Straße. "Ziel ist im Zentrum der Schweiz eine Passstraße mit der Unesco-Auszeichnung Weltkulturerbe." Er denkt an die Albulabahn oder die Sustenspassstraße auf der Berner Seite. Landschaft und Bauwerk miteinander im Einklang. Die Fahrt durch die Alpen als erhabenes Erlebnis.

Entwerfen und realisieren soll das Gotthard-Projekt nicht Menn selber, sondern "ein international hoch angesehener Tessiner Architekt". Der Ingenieur denkt an Mario Botta, dem er seine Pläne bereits gezeigt hat – und der, so heißt es, davon sehr angetan gewesen sein soll.

Was aber treibt einen alten Mann dazu, sich nochmals an ein solches Großprojekt zu wagen? Sich in die Materie reinzuknien, obschon er weiß: Eigentlich ist am Gotthard nichts mehr zu holen. Bereits in ein paar Wochen, am 28. Februar, befindet das Volk über die Milliarden, mit denen ein neuer Tunnel gebohrt werden soll.

Die Menn-Variante existiert erst auf sechs locker beschriebenen Word-Seiten und mit einem selbstgezeichneten Kärtchen. Und der Bündner hat keine Lobby hinter sich. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Lediglich ein Stararchitekt und ein paar Ingenieure unterstützen seine Idee.

Es geht ihm ums Prinzip. Darum, dass für jedes Schulhaus, jedes Heizwerk in der Schweiz ein öffentlicher Wettbewerb veranstaltet wird. Nicht aber, wenn drei Milliarden Franken für einen neuen Tunnel verbohrt werden sollen. Dass die zuständigen Bundesämter das Megaprojekt lediglich "intern abklärten", anstatt die klügsten Ingenieurköpfe im Ideenstreit gegeneinander antreten zu lassen. Und dass selbst die Fachleute in den Fachvereinen kaum je über Alternativen nachdachten.

Die Ingenieur-Sehnsucht nach der guten Lösung, sie lässt einen wie Menn nie mehr los.