Auch wenn schon die ersten Fenster in die Barockfassade geschraubt werden, geht deswegen nicht alles gut voran im Berliner Stadtschloss. Zum Jahreswechsel hatten sich die Verantwortlichen noch einmal um ein gutes Informationswetter bemüht: Man sei im Plan. Das Bauwerk aus Beton wächst auch, es hat nun sogar eine Kuppel, und niemand muss sich um die künftigen Andenkenläden im Parterre sorgen. Alles andere liegt jedoch im Argen. Was das Humboldt-Forum sein wird, dieses wagemutige, mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattete Kabinettstück der Bundeskulturpolitik, steht immer noch in den Sternen.

Es gab keine substanzielle Debatte über die Frage, was der Geist des Hauses genau sein solle und wie er sich in Ausstellungen und Veranstaltungen ausdrücken werde. Die Staatsminister für Kultur – nicht nur die Amtsinhaberin, sondern auch ihr Vorgänger – haben diese Debatte nicht geführt. Sie fällten infolgedessen wichtige Entscheidungen nicht, planten unzureichend, hatten es generell nicht besonders eilig, während der Schlossbau munter in die Höhe wuchs. Auch wenn es immer wieder behauptet wird, keineswegs ist sicher, dass die Museen wie angekündigt im Herbst 2019 eröffnen. Das ist sogar eher unwahrscheinlich.

Der Stand ist folgender: Das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, die kulturellen Herzstücke des Schlosses, sind in ihren Umzugsvorbereitungen sehr weit. Sie warten darauf, dass es losgeht. Es geht aber nicht los. Neben den gut 500 Millionen Euro für den Bau waren 32 Millionen für seine Innenausstattung in den Bundeshaushalt eingestellt worden. Schon vor zwei Jahren machten die Museen darauf aufmerksam, dass auch Mittel für die Säuberung und Aufbereitung der Exponate fällig würden, für Großtransporte, vor allem für die Entwicklung einer zeitgemäßen Präsentation, also für Software, Apps, Lichttechnik, den gesamten Bereich einer zeitgemäßen musealen Vermittlung. Ein entspechender Etatposten taucht in der Haushaltsplanung der Kulturbehörde nicht auf. Realistisch wären etwa 20 Millionen Euro zusätzlich. So stockt der Umzug, weil nun mühsam Extragelder aus dem Haushalt beschafft werden müssen.

Vor wenigen Wochen bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestages zwei Millionen Euro als Soforthilfe. Das kann den Umzug nur in Gang setzen, und in wenigen Monaten droht die nächste Lücke. Mit einer gewissen Irritation wird im Bundestag und in den beteiligten Ministerien darauf verwiesen, dass eigentlich alle benötigten Gelder in einer Regierungsvorlage beantragt werden müssten. Das waren sie aber nicht. Und das ist ein Versäumnis der Behörde von Staatsministerin Monika Grütters. Deren Verhältnis zu den Haushältern gilt als gestört, schlecht angesichts der Verantwortung für ein Vorhaben dieser Dimension.

Was draußen bleibt, sind die Gesellschaft, das Leben, der Blick des Fremden

Formal ist Frau Grütters keineswegs die Hausherrin im Schloss. Man meint, dies sei kein gravierendes Problem, denn alle sind sich ja darin einig, dass der Bau am Ende der Kultur dienen soll. Außerdem gebe es ja eine dreiköpfige Gründungsintendanz für das Humboldt-Forum. Aber die Formalität hat sich sehr wohl zu einem Problem ausgewachsen: Eine vom Bundesbauministerium alimentierte Stiftung errichtet das Gehäuse, Manfred Rettig ist ihr Geschäftsführer und damit der Bauherr. Und ihm ist im Laufe der Zeit beträchtliche Autorität zugewachsen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Rettigs Vorstellungen vom Schloss und von dessen Funktionen richten sich allerdings eher auf einen staatlichen Repräsentationsbau, der bei Gelegenheit lukrativ zu vermieten wäre. Und weil man seiner "Stiftung Berliner Schloss" aufgrund ihres Gemeinnützigkeitsstatus die Lizenz einräumen musste, auch Kulturveranstaltungen abzuhalten, wird Rettig bei der Konzeption des Humboldt-Forums mitreden wollen. Vor dem Hintergrund des Ideenmangels ist das sogar verständlich. Der Wunsch nach Mitsprache wird sich auch dann erhalten, wenn in diesen Wochen eine "Betriebs-GmbH" gegründet wird, welche die kulturellen Geschäfte führen soll, jedoch nur die Geschäfte, konzeptionell soll sie nicht tätig werden. Die Schlossstiftung bleibt ebenfalls im Boot, als Gesellschafterin oder als Aufsichtsratsmitglied. Der Kampf der Kulturen ist also eingebaut.

In dieser Betriebs-GmbH werden vielmehr alle mitreden wollen: die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (für die Museen), das Land Berlin (für seine stadtgeschichtliche Ausstellung), die Humboldt-Universität (mit eigenen Räumen), natürlich auch Rettigs Stiftung, vor allem wird aber der Bund bestimmen, der über die GmbH das gesamte Veranstaltungsprogramm finanziert und auch noch über die inhaltliche Ausrichtung des Hauses wacht. Was draußen bleibt, sind die Gesellschaft, das Leben, der Blick des Fremden.