DIE ZEIT: Herr Ndikung, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Humboldt-Forum sehen?

Bonaventure Ndikung: Da tauchen viele Fragen auf. Was bedeutet es, mitten in Berlin ein Schloss zu bauen? Welches Signal geht davon aus, wenn man es nach Humboldt benennt? Bei allem Respekt vor Humboldt – er war doch unmittelbarer Teil des kolonialen Systems. Alexander von Humboldt hat als Geograf, Philosoph, Botaniker und vor allem als "Entdecker" und "Erforscher" eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung westlicher Denkweisen in der ganzen Welt gespielt – vor allem in Lateinamerika – und dabei die dortigen Denkweisen fast völlig zerstört. Was passiert soziologisch, geschichtlich und psychologisch mit Menschen, wenn deren Flüsse, Berge, Tiere, Pflanzen nach Humboldt benannt und damit gleichsam enteignet werden? Und was mir auch durch den Kopf geht: was es eigentlich bedeutet, Objekte aus vielen nicht westlichen Kulturen ins Humboldt- Forum zu holen, Objekte, von denen man oft nicht weiß, wie sie eigentlich dort hingelangt sind.

ZEIT: Bedeutet der Umzug der Sammlung ins Berliner Schloss nicht vor allem Wertschätzung?

Ndikung: Eigentlich ist so etwas eher eine Unterwerfung. Die Deutschen bauen sich ein Museum, um darin Objekte aus dem "Nichtwesten" zu zeigen. Dieses Museum liegt am Schlossplatz, nicht fern von der Alten Nationalgalerie, die ausschließlich Objekte des "Westens" beherbergt. Da inszeniert man wieder den alten Gegensatz von "wir" und "die". Solange wir das tun, werden wir nie in der Lage sein, Ereignisse wie etwa in Beirut, Paris oder Bamako zu verstehen. Es gibt kein "wir" und kein "die", weder politisch noch kulturell.

ZEIT: In den ethnologischen Sammlungen findet sich ein Thron des Königs von Kamerun, angeblich ein Geschenk für den deutschen Kaiser ...

Ndikung: Es ist sehr zweifelhaft, dass das wirklich ein Geschenk für den deutschen Kaiser sein sollte, und es gibt einige Nachfahren dieses kamerunischen Königs, die jetzt alles tun, um diesen Thron nach Foumban zurückzuholen. Kamerun war damals eine Kolonie Deutschlands, und die Deutschen vor Ort waren für ihre Brutalität und Härte bekannt. Es ging nicht um ein Freundschaftsverhältnis. Daher wäre es einfach naiv – um hier das Wort dumm zu vermeiden –, wenn man von einem Geschenk reden würde. Der Thron gehört dem Volk, er ist nicht nur ein Stuhl, sondern ein rituelles und spirituelles Objekt. Können Sie sich vorstellen, welche psychischen Auswirkungen es auf das Volk hat, wenn der König zukünftiger Generationen keinen Thron mehr hat? Das ist wie ein Volk ohne seine Seele. Ob die ethnologischen Museen dieser Welt so etwas verstehen oder verstehen wollen, weiß ich nicht. Ich glaube, eher nicht.

ZEIT: Sind die Menschen in Kamerun verärgert?

Ndikung: Natürlich gibt es Kameruner, die darüber verärgert sind. Übrigens sind auch Deutsche und Afrikaner, die in Deutschland leben, darüber verärgert. Sie verstehen, dass solche Objekte, die vor allem während der Kolonialzeit gekauft, geklaut, verschenkt wurden, radikal geprüft und wenn möglich zurückgeschickt werden müssen.

ZEIT: Der Gründungsintendant des Forums, Neil MacGregor, hat sicherlich darüber nachgedacht ...

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Ndikung: Ich weiß nicht, was seine Pläne sind. Ich weiß noch nicht einmal, was das Humboldt-Forum überhaupt soll. Es ist für mich ein intransparenter Raum. Was ich nur sagen will: Wir sollten darüber nachdenken, wie hier Hegemonien fortgesetzt werden. Zum Beispiel würde mich Folgendes interessieren: Es geht ja zum größten Teil um Objekte aus dem Nichtwesten. Die Frage ist, wie viele Afrikaner, Araber, Lateinamerikaner, Asiaten im kuratorischen Team des Humboldt-Forums sitzen, wie viele von denen haben leitende Positionen?

ZEIT: Bisher sind es nur weiße, westliche Männer.

Ndikung: Wenn es tatsächlich darum geht, neue Wissensräume zu schaffen, dann braucht man Experten aus aller Welt, die die Geschichten und rituellen Bedeutungen dieser Objekte verstehen.

ZEIT: Da bekommen Sie Rückendeckung von Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts. Er betont, dass man etwa afrikanische Kulturvorstellungen keineswegs "weißen Vordenkern" unterordnen dürfe. Er behauptet: "Wenn das Humboldt-Forum die Gegenwart und die zeitgenössischen afrikanischen Künstler nicht zur Kenntnis nimmt, was es bisher nicht tut, dann wird man sehr schnell verstaubt sein."

Ndikung: Es stimmt, man kann heute nicht mehr in Kategorien von Zentrum versus Peripherie reden, das ist absurd. Ich war gerade in Johannesburg beim African Futures Festival, das Niveau der Diskurse, Musikdarbietungen, Performances war unglaublich hoch. Wer solche Ansätze aus Afrika nicht integriert, der macht sich selbst obsolet.