Immer wieder widerlegen die Ereignisse den Clash of Civilizations, das Werk des Samuel Huntington von 1996, das in dreißig Sprachen übersetzt worden ist. Der These Kern: Im 21. Jahrhundert werden nicht mehr Staaten das Weltgeschehen bestimmen, sondern Kulturen – vorweg der Konflikt zwischen Morgen- und Abendland.

"Der Islam hat blutige Grenzen" ist der berühmteste Satz. In Wahrheit zeigt der jüngste Clash der Saudis und Iraner, dass die blutigen Grenzen hauptsächlich innerhalb des Islams verlaufen. Ein "Kampf der Kulturen"? Richtig ist: Der heutige Islam ist eine "Kultur des Kampfes", die sich selber zerfleischt. Im Namen Allahs sind tausendmal mehr Muslime umgebracht worden als "Ungläubige". Der grausamste Krieg entbrannte nicht zwischen Israel und den Arabern, sondern von 1980 bis 1988 zwischen Irak und Iran. Aus Israel sind 1948/49 Araber zu Hunderttausenden geflohen; auf das Konto des syrischen Binnenkrieges gehen derweil Millionen von Flüchtlingen.

In dieser Woche erreichte der innerislamische Hass einen neuen Höhepunkt. Nach der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Al-Nimr griff Teheran zum bewährten Mittel des "Volkszorns". Ein Mob brannte die saudische Botschaft nieder. Im Gegenzug kappte Riad die diplomatischen Beziehungen. Die kleineren Golfstaaten froren sie ein. Der Hauptkonflikt tobt zwischen Sunniten und Schiiten, vor allem innerhalb der Staaten – siehe Syrien, Irak und Jemen. Nur: Selbst die Terrortrupps, die es gemeinsam auf die "Juden und Kreuzfahrer" abgesehen haben, sind einander in Todfeindschaft zugetan. In Syrien bekriegen sich Al-Nusra und IS, beide sunnitischen Glaubens. Die Türken bombardieren die Kurden. Assad dezimiert das eigene Volk. In Ägypten hat das Militär die Muslimbrüder weggeputscht. In Tunesien wollen die Reaktionäre die Modernisierer unterwerfen. In Libyen schlagen die Stämme aufeinander ein.

Den "Islamismus" gibt es nicht, nur Varianten. Die Mullahs sind kaum weniger fundamentalistisch als die saudischen Wahhabiten. Den Terror haben sie beide gezüchtet. Berlin droht den Saudis nach der Hinrichtungswelle laut Vizekanzler Sigmar Gabriel mit "Konsequenzen", ignoriert aber, dass die Iraner dreimal mehr Menschen exekutieren als die Saudis – mit der gleichen Verachtung rechtsstaatlicher Regeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Der Westen hat es freundlicherweise nicht mit einem Monolithen zu tun. Allerdings ordnet er seine Prioritäten nicht. Die Europäer neigen sich Teheran zu; Washington versagt dem saudischen Verbündeten die Solidarität. Die kaltäugige Realpolitik aber räsoniert, dass manche Schurken gefährlicher sind als andere. Riad bastelt nicht an Atomwaffen, testet auch keine weitreichenden Raketen wie jüngst der Iran, und zwar wider das Atomabkommen. Obama und die EU setzen auf "Wandel durch Annäherung".

Doch lässt sich der Wandel des Irans allenfalls unter dem Mikroskop erkennen. Inzwischen signalisieren die Saudis mit ihren Eskalationsgebärden, dass der Westen in Riad an Einfluss verliert. Keine Hebel nirgendwo zeugen nicht von strategischem Scharfsinn. Es sei denn, es gilt das zynische Prinzip, das Kissinger im Irak-Iran-Krieg formuliert hat: Es sei im Interesse des Westens, dass beide Seiten verlieren. Obama und Gabriel sind freilich keine Zyniker.