Soll das weg? Die Hamburger Reeperbahn (ca. 1955) ©  Vecchio/Three Lions/Getty Images

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) ist eine Liste erschienen mit all den Dingen, die laut Redaktion entsorgt werden können und das Jahr 2016 nicht mehr erleben sollten. Dazu gehören "Rhabarber-Schorle" und "Haargummis, die aussehen wie Telefonschnüre" ebenso wie die "E-Zigarette" und der "Zölibat".

Nun würde uns so eine Liste nicht weiter stören, aber in der 108 Punkte umfassenden Aufzählung findet sich auch das "Vornamensiezen" beziehungsweise das "hamburgische Du".

Diese sprachliche Form hat sich in zivilisierten Kreisen bewährt, Helmut Schmidt hat sie benutzt – entsprechend bedeutet das Hamburger Sie zu entsorgen auch ein bisschen, Helmut Schmidt abzuschaffen, und das geht einfach gar nicht. Claudius Seidl, der Feuilletonchef der FAS, wird dies einsehen.

Was uns ebenfalls befremdet, lieber Claudius, das ist Punkt 103 Ihrer Liste: "Hamburg".

Hamburg kann weg, einfach so, ohne Angabe von Gründen. Na gut, dachten wir, es ist wohl eine dieser in popjournalistischen Kreisen üblichen Arten des Neckens, so wie man früher sagte, Bielefeld, das existiert ja gar nicht, hihi.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Vielleicht, dachten wir weiter, ist es auch eine Art Kompensation dafür, dass ein kultivierter, vielfach versierter Autor wie Sie, Claudius, von Bayern ins preußische Exil musste, um nun zwischen "Hipster-Bärten" (Punkt 57) und "Authentizitätsdebatten" (Punkt 69) dem Rest der Republik die Leviten zu lesen.

Dies würde auch Nummer 42 erklären: "da nich für", eine Wendung, die Sie und Ihre Kollegen abschaffen wollen; wir mutmaßen, stellvertretend für alle norddeutschen Dialekte. Hoffen wir bloß, dass Olli Dittrich und Heinz Strunk das nicht hören. Harry Rowohlt muss es nicht hören, der ist schon tot, so wie Heino Jaeger, ein weiterer Autor, der aus dem hiesigen Dialekt große Humorkunst geschaffen hat, aber das konnten Sie nicht unbedingt wissen, lieber Claudius. Gern geschehen, da nich für.

Dann aber haben wir uns weiter vertieft in diese aus dem Geist des Stammtischs kreierte Sammlung – ein Stammtisch, wie ihn Hipster einrichten würden, eine ironische, ihre eigenen Haltungen und Diagnosen nicht wirklich ernst nehmende Runde des Geschmäcklertums –, wir haben alle "Obergrenzen" (Punkt 73) der intellektuellen Schmerzempfindlichkeit noch einmal ein gehöriges Stück nach oben verschoben und weiter studiert und fanden an Stelle 7: "Wenn das so weitergeht: Dresden".