Wieder ein Bahnhof, aber vier Monate später. Erst München, jetzt Köln. Im September das deutsche Willkommensfest, als Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof mit Applaus begrüßt wurden. Und nun, nach der Silvesternacht in Köln, das Entsetzen über massenhafte sexuelle Übergriffe, begangen von Horden junger Männer, über die wir noch nicht viel mehr wissen, als dass sie wohl nordafrikanischer oder arabischer Herkunft waren.

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen München und Köln, keinen kausalen Zusammenhang. Die Polizei konnte bis Redaktionsschluss keinen einzigen Tatverdächtigen ermitteln.* Deshalb ist es einstweilen unmöglich, zu sagen, ob die Kriminellen seit zwei Wochen, seit zwei Monaten oder zwei Jahren unter uns leben, ob sie Flüchtlinge sind, lange schon hier wohnende Migranten oder deutsche Staatsbürger.

Durchaus möglich, dass die Täter nicht ermittelt werden können

Und doch kann man über das eine, die Frauenjagd in Köln, nicht ohne das andere, die Flüchtlingskrise, nachdenken. Denn Angst macht Politik. Und zu genau, albtraumhaft genau scheint die Silvesternacht die Sorgen zu bestätigen, die seit Beginn der Zuwanderungswelle im Umlauf sind: dass Gruppen von jungen Männern bei uns einfielen, antisemitisch, homophob und frauenverachtend. Dass sie sexuell übergriffig werden könnten, dass sie das deutsche Recht ignorieren und Gefahr bringen würden. Nichts davon ist erwiesen, nicht durch Köln, auch nicht durch andere Vorfälle, und doch ist die Verunsicherung offenkundig, bei der Polizei, bei der Politik, bei den Medien. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt fordert fast im CSU-Sound, es dürfe "keinen Bonus für Nationalität oder Aufenthaltsstatus" geben – als ob das in Deutschland bislang anders gewesen wäre. Die Redaktion von heute plus twitterte: "Wie sollte @heuteplus über die Übergriffe ... in Köln berichten?" – als ob es dafür nicht journalistische Standards gäbe: recherchieren, berichten, keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Kollegen der heute-Sendung am Montag verzichteten gleich ganz auf eine Berichterstattung, was aber am Dienstag als "klarer Fehler" eingestanden wurde.

Es wäre falsch, sich über diese Verunsicherung, diese schlingernde Suche nach einer angemessenen Sprache lustig zu machen. Oder darin sofort den Ausdruck dunkler Machenschaften zu sehen. Die Gesellschaft ist mit etwas verstörend Neuem konfrontiert. Das massenhafte Einkreisen, Begrapschen und Beklauen von Frauen ist eine Form des Straßenterrors, die wir nicht kennen. Aus Indien ist Ähnliches bekannt, auch aus Kairo, vom Tahrir-Platz, wo ein Exzess sexueller Gewalt den Anfang vom Ende des Arabischen Frühlings bedeutete. In Deutschland aber hat es derlei noch nicht gegeben, und darauf die richtige politische Antwort zu finden ist unerhört schwer, zumal in einer Stimmung, die permanent von AfD, Pegida und dem Netz-Pöbel aufgeheizt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Es hilft aber, sich klarzumachen, was bei aller Konfusion feststeht. Fest steht, wie jetzt überall bekräftigt wird, dass die Täter rasch ermittelt, hart bestraft und, wenn möglich, ausgewiesen werden müssen. Klar ist aber auch, dass das nicht leicht sein wird. Nicht weil die Polizei unwillig wäre oder politisch überkorrekt. Erfahrene Polizisten weisen vielmehr darauf hin, dass es extrem schwer ist, Straftaten aufzuklären, die aus einer anonymen Menschenmenge heraus begangen werden. Durchaus möglich also, dass nie ermittelt wird, was genau in Köln geschehen ist.

Fest steht auch, dass es in manchen Migranten-Communitys ein hohes Maß an Aggressivität und Machismo gibt, worunter vor allem die Töchter, Schwestern und Mütter zu leiden haben. Die Polizistin Tania Kambouri, selbst Kind von Einwanderern, hat in ihrem Buch Deutschland im Blaulicht geschildert, wie oft sie bei Einsätzen in migrantischen Milieus mit Gewalt und Frauenverachtung konfrontiert wird.

Dagegen hilft nur konsequente Strafverfolgung durch eine gut ausgestattete Polizei. Wir brauchen einen starken Staat. In Köln, auch das steht leider fest, war der Staat in dieser Nacht nicht stark genug.

Und schließlich steht fest, dass die grauenhafte Silvesternacht 2015 nicht so leicht aus den Köpfen verschwinden wird. Köln ist ein Kipppunkt. Die Flüchtlingspolitik muss nicht wegen der Übergriffe neu erfunden werden. Aber sie wird nur zu vermitteln sein, wenn das Recht mit aller Entschiedenheit durchgesetzt wird.

*Aktualisierung: Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft drei Tatverdächtige ermittelt.

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