Lieber Serge,

zehn Jahre war ich alt oder elf, als ich Dich das erste Mal sah. Es war einer dieser Samstagabende, an denen man mit den Erwachsenen irgendeine langweilige Fernsehsendung gucken musste. Dann kamst Du.

Du hattest einen Auftritt mit Deinem neuen Song La Décadanse, und wahrscheinlich war es die Art, wie der Moderator Dich ankündigte, oder vielleicht lag es daran, wie Deine Tänzer ihre Popos aneinanderrieben. Jedenfalls spürte ich in meiner kindlichen Unschuld schon damals, dass da etwas Verruchtes, Verbotenes im Fernsehen lief.

Trotzdem vergaß ich Dich für lange Zeit. Wie die meisten Deutschen. La Décadanse war ein ziemlicher Flop. Du verschwandest von der Bildfläche, nur in Frankreich bliebst Du berühmt. Noch nicht einmal Deine großen Skandale kriegten wir hier mit, wie Du zum Beispiel die Marseillaise veralbert oder öffentlich Geld verbrannt oder Whitney Houston live im Fernsehen gesagt hast, Du wolltest mit ihr vögeln.

Dieses erste Mal, Serge, fiel mir erst wieder ein, als Du schon tot warst. Ich spielte Bass, oder war es Gitarre, in einer Band, in der eine französische Freundin sang. Wir coverten ein paar Deiner Lieder. Das war in den Neunzigern, in Hamburg, und aus der Band wurden dann "Die Sterne". Wegen dieser Coversongs begann ich mich für Dich zu interessieren.

Die Skandale überschatteten Deine großartigen Werke. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird klarer, wie weit Du deiner Zeit voraus warst: Histoire de Melody Nelson, Du ahnst ja nicht, wie vielen Musikern diese Platte inzwischen wichtig geworden ist. Beck zum Beispiel, den alle so feiern. Oder Bonnie and Clyde – das war im Grunde schon Hip-Hop, bevor es Hip-Hop gab. Deine Kritik am Kolonialismus, die hätte Schlingensief nicht besser inszeniert. Du hattest ja ursprünglich ein "ernsthafter" Chansonnier werden wollen, aber dann wurden Deine Popsongs viel erfolgreicher. Die Ironie und das Gift, die Deine Songs so toll machten: Waren sie eine Reaktion auf die Karriere im falschen Genre? Du hast alles angegriffen, was dem Bourgeois heilig war; den Fleiß, die Ordnung, sogar die Liebe.

Serge, heute weiß ich, ich bin damals vor fast vierzig Jahren einem Gesamtkunstwerk begegnet. Zum Glück habe ich Dich wiederentdeckt. Du bist bis heute ein Vorbild.

Frank Spilker, 49, ist Schriftsteller und Sänger der Band "Die Sterne". Er lebt in Hamburg