Der Schriftsteller Martin Walser © Karin Rocholl

Vor acht Jahren schrieb Martin Walser einen Roman über die Liebe des 74-jährigen Goethe zur 19-jährigen Ulrike von Levetzow. Der Roman endete entsagungsvoll. Der Dichter, der das Unmögliche erzwingen will und der jungen Dame einen Heiratsantrag macht, trollt sich zurück in den Käfig des gesellschaftlich Erwünschten und Schicklichen. Das Buch hieß Ein liebender Mann und verriet in jeder Zeile die Sympathie des damals 80-jährigen Autors mit dem so hemmungs- wie aussichtslos verliebten Goethe.

Jetzt folgt Ein sterbender Mann. Der Held, Schriftsteller, 72 Jahre alt, in einer "zur Unauflösbarkeit gediehenen Ehe" lebend, trifft Sina Baldauf, eine Tangotänzerin in den besten Jahren. Getroffen vom Liebesblitz, wie sonst nur die Helden zweifelhafter Schmonzetten, sieht er: "nur noch Licht. Grellste Helle". Damit hebt ein einerseits stark übertrieben münchnerisch-fernsehspielhafter, andererseits bewundernswert verrückter und verwilderter Liebesroman an.

Nacherzählen lässt sich diese ungezähmte Promenadenmischung kaum. Versucht man es trotzdem, ergibt sich leider Folgendes: Der Erzähler, Theo Schadt, ist zwar im Bestsellergeschäft äußerst erfolgreich (Auflagen von 800.000 Exemplaren sind für ihn eine Kleinigkeit), wird jedoch im Zweitberuf als Verkäufer medizinischer Patente von seinem Freund und Geschäftspartner, dem feinsinnigen Lyriker Carlos Kroll, hintergangen. Der Verrat des feinsinnigen Dichters, der – kleiner schlüsselromanhafter Hinweis für den Literaturbetrieb – mit einer Ärztin in einer Villa am Starnberger See logiert, macht aus dem Bestsellerautor einen Selbstmordkandidaten. Der Todeswunsch wird jedoch gemildert durch den anregenden E-Mail-Verkehr mit einer Leidensgenossin, die er in einem anonymen Suizidforum kennenlernt. Weitere Besserung seiner durch den feinsinnigen Dichter vom Starnberger See herbeigeführten Lage ergibt sich durch den coup de foudre, der dem Erniedrigten im Tangoladen seiner Gattin Iris widerfährt, als die schöne Sina Baldauf dort einkauft. Dann die hässliche Nachricht: Dickdarmkrebs, dem Erzähler bleibt nur noch eine kurze Lebensfrist. Dennoch ist Zeit für eine ausführliche Rückblende: Preisverleihung an den feinsinnigen Starnberger-See-Dichter im Münchner Lyrik-Kabinett, Auftritt der Lyrik-Kabinett-Chefin im Silberkleid, seitenlanges Zitieren der schlechten Gedichte des feinsinnigen Widersachers zum Beweis für dessen larmoyante Nichtswürdigkeit ("Sprachgewänder weben / gegen die Kälte der Welt" und so weiter).

Außerdem: Briefe des Erzählers an Sina Baldauf und umgekehrt, Briefe an die Gattin Iris, Botschaften an die Selbstmordfreundin vom Suizidforum und umgekehrt, Briefe des Erzählers an sich selbst. Dazwischen ein Traumtagebuch. Dazwischen eine Messmer-artige Sentenzensammlung zum Thema Altwerden und Sterbenmüssen. Plötzlich ein Anruf von Sina Baldauf, die – Überraschung – nebenbei auch mit dem feinsinnigen Widersacher Kroll liiert ist: Der Widersacher Kroll sei tot, vergiftet in ihrer Wohnung. Der Münchner Kriminalhauptkommissar Steinfeld verhaftet zunächst den Erzähler. Doch dann bekennt sich die Doktorin vom Starnberger See zur mörderischen Tat. Am Ende überschlagen sich die Todesfälle. Gattin Iris nimmt sich das Leben, gefolgt von der Suizidforumsfreundin, die – Überraschung – niemand anderes ist als die Briefgeliebte Sina Baldauf. So weit die karnevalesk unübersichtliche Faktenlage.

Am Ende ist der sterbende Mann umgeben von lauter toten Frauen. Aber was soll’s: Die Frauen haben ohnehin alle so geschrieben wie der maliziöse Theo Schadt, so stakkatohaft drängend, so kontrolliert unkontrolliert, so enthemmt pointensicher, so wunderbar walserhaft, dass an eine Eigenexistenz der Damen nicht ernsthaft zu denken war. Ihr Massensterben ist ein schöner Beweis für die These, dass der Weg, auf dem der männliche Romanheld vorankommt, mit weiblichen Leichen gepflastert sein sollte. Und siehe da: Der Tumor des Erzählers ist am Romanende tatsächlich zurückgegangen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Das alles ist unsortiert durch- und nebeneinander: eine grob zusammengezimmerte Posse, kapriziösestes Ego-Theater, eine krachlederne Literaturbetriebskomödie, eine herrliche Persiflage der Gelassenheits- und Memento-Mori-Ratgeber, ein großartiges shakespearehaftes Lebensschauspiel und ein energisches und in dieser Energie beeindruckendes Nichtsterbenwollen-Buch eines Achtundachtzigjährigen, der im Vorspann einer gewissen Thekla Chabbi, wohnhaft in München, für ihre nicht näher bestimmte "schöpferische Mitarbeit" an dem Buch dankt.

Alle großen Themen Walsers werden in diesem unmöglichen Buch noch einmal aufgerufen und in einem dionysischen Tischfeuerwerk verbrannt – Liebe, Ehe, Sehnsucht nach Lebenssteigerung, Befreiung aus dem Korsett sozialer Verbindlichkeiten, Verrat, demütige Rückkehr ins Asyl der Verlässlichkeit und zur vergötterten Gattin, Leben ohne Hoffnung auf Hoffnung und so weiter. Theo Schadt ist in der langen Reihe der reizbaren Walser-Helden, die mehr vom Leben wollten, als es zu geben bereit ist, einer der reizbarsten und radikalsten. Sich selbst, aber auch dem Roman gegenüber, der unter den wechselhaften Launen und Allüren dieses Erzählers zu zerbrechen droht.