Der russische Schriftsteller und Journalist Sergej Lebedew © Jürgen Bauer

Über viele Jahre hatte Großmutter Tanja an ihren Memoiren geschrieben. Sie war eine verschwiegene Person, hatte viel Schreckliches erlebt, zuerst im Bürgerkrieg zwischen Weißen und Roten, dann in Stalins Großem Terror. Es war die Zeit, in der man schweigen musste. Und als der "Maulkorb weg war" in den frühen achtziger Jahren, da hatte man sich an ihn gewöhnt, "er war bereits mit der Persönlichkeit verwachsen". Worüber schrieb eine solche Frau? Ihr Enkel empfindet die Memoiren als ein großes Geschenk. Es ist Spätsommer 1991, der kommunistische Putsch gescheitert, die Statue Felix Dserschinskis, des Gründers der Tscheka, gestürzt, die Zeit der Aufklärung ist gekommen, jedenfalls für die "Menschen im August".

Menschen im August sind die Russen, die jetzt auf Freiheit und Wahrheit hoffen, Menschen im August hat Sergej Lebedew, 1981 in Moskau geboren, seinen neuen Roman betitelt. Der Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, ist einer von ihnen. Die Erinnerungen der Großmutter Tanja erweisen sich als eine milde Enttäuschung, "höchst emotional und dabei doch unpersönlich". Emotional im künstlerischen Ausdruck und gleichzeitig wie von "erfahrenen Bürokraten" verfasst. Das Merkwürdigste: In dem so sorgfältig durchgearbeiteten Werk fehlt der Großvater. Was ist mit ihm? Durch Zufall kommt der Erzähler ihm auf die Spur. Er muss Tschekist gewesen sein, ein Mann, der die Großmutter, aus alter bürgerlicher Familie stammend, beschützen konnte, für eine Zeit. Dann geriet er selbst in Verdacht. Nichts und niemand stand fest unter Stalin. Auch der Großvater stürzte, es tat sich "förmlich eine Klappe nach der anderen auf, und er fiel bis auf den Grund". Jetzt war es seine Frau, die ihn rettete.

Gerade hat sich der Erzähler ins neurussische "Business" eingeschaltet, als Kurier dunkler Geschäfte, da stößt er auf einen älteren Herrn, der nach seinem Vater sucht. Er will nach Amerika zu seinen Kindern, aber "ich kann meinen Vater nicht dort lassen". Das "dort" liegt im Osten, wohin der Vater verbannt worden war. "Wenigstens etwas Erde vom Grab." Und der Erzähler macht sich auf die Spur, erst in diesem Fall, dann im nächsten und im dritten; es entwickelt sich geradezu ein Beruf daraus. Die Vergangenheit meldet sich im ganzen Land. Die vielen, die vom Ende ihrer Väter erfahren wollen, suchen familiär-sehnsüchtig, anderes kehrt plötzlich und mit Ingrimm wieder wie der ukrainische Mythos um Stepan Bandera. Was geschehen ist, ist nicht erledigt, es drängt zutage, die Lebenden müssen sich der Toten erinnern. "Wenn ich dem Vergessen einige Menschen entreißen könnte, wäre das ein großartiges Werk, das auf der Waage des Lebens Gewicht hätte." Das Russland dieser Jahre ist eine Gesellschaft, die wie behext ist von dem verschwiegenen Unrecht, der Gewalt, Lüge und Verwirrung seiner Vergangenheit. In dem Land, das einmal Heimat des wissenschaftlichen Atheismus gewesen war, sprießt der Wahn, erwachsene Menschen empfinden "sehr realistisch (...), dass sie von Geistern, Gespenstern, von paranormalen Zonen umgeben waren".

Und so ganz abwegig, muss der Leser denken, ist das nicht. Die Erfahrungen, die der Erzähler auf seinen Recherchereisen macht, sind wahrhaft gespenstisch. Deutsche Leser können sich an die Fantastik Georg Kleins erinnert fühlen, seine Szenerien von Abbruch und Unheil. Häuser, Maschinen, selbst Landschaften und Tiere sind verwüstet, verwirrt, lebensfeindlich, rätselhaft. Wer hier Geschäfte macht – und dazu gibt es höchst profitable Gelegenheiten –, der baut nicht mehr auf, gründet keine Industrieunternehmen, der schlachtet die Reste der Geschichte aus und die Schätze der Natur selbstverständlich. Es ist eine entsetzliche Welt, denaturiert, enthumanisiert, in der Obdachlose eingefangen werden, um Wolfshybriden als Jagdbeute zu dienen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Sergej Lebedews Buch entwirft ein schockierendes Bild des postsowjetischen Russland. Man ahnt, wie tief die Zerstörung der Gesellschaft und der Individuen gegangen sein muss, durch die Größe des Unrechts, durch die Willkür, mit der es die einen traf und die anderen nicht, durch die jahrzehntelange Unmöglichkeit, das Erlebte zur Sprache zu bringen. Aber so beklemmend-fahl vieles beschrieben ist: Zum großen Roman fehlt Menschen im August etwas. Da ist nicht allein die unsichere Bildsprache: Eine Zeitbombe, vom "pockennarbigen Teufel Stalin" hinterlassen, wird in nicht einmal zwei Zeilen zum Fangeisen; ein Text atmet wie eine "Spieluhr", obwohl doch das Atmen etwas Lebendiges ist, die Spieluhr etwas Mechanisches. Problematischer ist, dass der Autor eine fatale Neigung zur Selbstauslegung hat. Kaum ist etwas beschrieben, folgt wie im Leitartikel der Satz, der das Beschriebene begrifflich einpackt. Lebedew traut seiner eigenen Erzählung nicht recht. Deswegen wirkt vieles überkalkuliert, als habe am Anfang die politische Überlegung gestanden, für die dann eine narrative Einkleidung zu finden war.

Und doch hinterlässt Menschen im August einen Eindruck, der sich einfrisst. Der Roman forscht einem furchtbaren Fehlschlag nach, genauer: zwei Fehlschlägen – dem sowjetischen Experiment und dem Versuch, sich aus dessen Zerstörungswerk zu retten durch Aufklärung des Geschehenen, durch das Festhalten an persönlicher Loyalität, an Familienbeziehungen, an der Liebe. Zuletzt ist alles vergebens, der Erzähler muss entdecken, wie die sowjetische Welt von Verrat und allgegenwärtiger Kontrolle zurückgekehrt ist und er sich ihr anverwandelt hat.

"Die Toten suchen uns", das war das Versprechen auf Heilung gewesen. "Sollen die Toten bei den Toten bleiben", heißt es zuletzt. Das spielt an auf den Matthäus-Vers: "Lasst die Toten die Toten begraben." Der Messias, der das sagen dürfte, der ist nicht in Sicht. Die letzten Seiten gehören einer apokalyptischen Vision, einer Apokalypse ohne Erlösung.

Sergej Lebedew: Menschen im August.
Aus dem Russischen von Franziska Zwerg; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2015; 366 S., 22,99 €, als E-Book 19,99 €