Wer Probleme hat, ruft am besten Sandra an. Die Sandra, sagen sie, hat immer ein offenes Ohr. Sie setzt sich sofort ins Auto und kommt vorbei. Was tut sie nicht alles für Tiere in Not! Futterspende, Arztbesuche, Mahnwachen. Alles ehrenamtlich. Toll. Ihre beiden Hunde behandelt sie wie Kinder. Am 15. September 2014, früh um 7.46 Uhr, tippt Sandra S. in ihr Mobiltelefon: "Was eine Nacht. Die Ratte in der Falle hat sich doch noch gewehrt. Boh und ich als Tierschützer musste dem Vieh den Rest geben. War echt ne krasse Überwindung, wusste gar nicht das Ratten sooo zäh sind."

Dieses Mal ging es Sandra nicht ums Tier. Die "Ratte" war ein Mensch. Er hieß Marc und war 31 Jahre alt, als Sandra S. ihrem Liebhaber Sven und dem gemeinsamen Freund Mario dabei zusah, wie die beiden ihm mit einem Baseballschläger das Leben herausprügelten. "Die Falle", in der er saß, bestand aus Staubsaugerkabeln, mit denen sie ihn gefesselt hatten. Die Falle war Sandras Haus.

Der erste Schlag trifft den wehrlosen Marc am Kopf, beim zweiten reißt er noch instinktiv den linken Arm nach oben, Elle und Speiche brechen zweifach. Parierfrakturen nennen die Rechtsmediziner das später. Mindestens vier Schläge krachen gegen den Kopf, bis auf das Nasenbein bricht jeder einzelne Knochen in Marcs Schädel. "Stell dich nicht so an, und stirb wie ein Mann!", brüllt Sven den Wimmernden an. Beim letzten Hieb zerbricht der Schläger. "Mir geht’s richtig gut, besser als je zuvor", schreibt Sandra später.

Nachts, als sie aus dem Zimmer, in dem Marc stirbt, ein leises Röcheln vernimmt, greift Sandra erneut zum Handy: "Das war wohl nix – Das Vieh lebt noch." Sie zieht sich, wie sie später einer Freundin erzählt, ihre Stahlkappenschuhe an, geht die Treppe hoch, wo Marc in einer Blutlache liegt, und gibt "dem Vieh den Rest". Sie tritt dem Schwerverletzten immer wieder gegen Brustkorb und Kopf. Ein Leben weniger.

Woher kommt so viel Hass? Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Kleve hat hier eine Frau versucht, Ordnung in ihrem Leben zu schaffen. "Da der Marc M. der neuen Beziehung mit dem Sven G. im Wege war, beschloss die Angeschuldigte S. (...), dass der M. 'weg müsste'." Ist es tatsächlich so einfach?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Landgericht Kleve, Raum 105, ein Gerichtssaal wie aus dem Film: Eichentische, wollweiße Gardinen, goldene Lüster an der Kassettendecke. In Handschellen werden zunächst die beiden männlichen Angeklagten hereingeführt. Mario A., 47 Jahre alt, traurige Augen, ungelernt, arbeitslos, 20 Eintragungen im Strafregister. Er nennt sich selbst den "Weltmeister im Pech". Bei allem wurde er sofort erwischt. Diebstahl, Fischwilderei, Raub, Drogenhandel. Und nun: Mord.

Dahinter läuft ein kleiner, kantiger Mann. Sven G., 37 Jahre alt, hat sich den ganzen Körper tätowieren lassen, als ertrage er seine eigene Haut nicht. Als sein Vater stirbt, ist Sven zwölf und haut wenig später von zu Hause ab, lebt auf der Straße, die ersten Drogen, mit 15 das erste Mal vor Gericht. Er wird ein Dutzend Mal verurteilt. Rein in den Knast, raus aus dem Knast und so weiter. Eine Drehtürbiografie.

Zuletzt betritt Sandra S. den Saal. Eine mollige Frau in Jeans, die Haare zum Zopf gebunden. Sie ist 37, ihre Haut ist glatt, und doch sieht sie älter aus. Sie setzt sich zwischen ihre beiden Verteidiger, winkelt ihre Beine an, legt die Hände in den Schoß, hält den Kopf gerade. Sie sitzt da wie gefaltet. Ihre Augen huschen umher wie die eines Kaninchens, das einen Fuchs gerochen hat. Mit dem Gesetz ist sie noch nie in Konflikt gekommen, sie ist die menschgewordene Unauffälligkeit. Und doch: Sie ist der Kopf dieses Kapitalverbrechens.

Sandra S. wächst als Einzelkind in geordneten Verhältnissen auf, der Vater ist Raumausstatter, die Mutter Hausfrau. Nach dem Hauptschulabschluss beginnt sie eine Lehre zur Bäckereifachverkäuferin, die sie abbricht. Sie bricht auch alles andere wieder ab, was sie anfängt. Acht Wochen arbeitet sie bei Siemens, ein Jahr lang an einer Tankstelle, für ein paar Monate als Paketbotin. Sie sei ein Mensch ohne beruflichen Ehrgeiz, sagt Sandra S. von sich selbst. Mit 23 lernt sie einen Mann, einen Servicetechniker, kennen, die beiden heiraten. Sie kümmert sich um die Tiere und den Haushalt, er reist beruflich durch die Welt, Ghana, Angola, USA.

2005 tritt Marc M. in Sandras Leben, 21 Jahre alt, ein Freund ihres Neffen. Ein drogensüchtiger, perspektivloser junger Mann ohne Wohnung. Er braucht Hilfe. Sie nimmt den Obdachlosen auf und päppelt ihn hoch wie eines ihrer in Not geratenen Tiere. Sie kocht für ihn, begleitet ihn zum Arzt, später, als er einen Job gefunden hat, fährt sie ihn morgens zur Arbeit und holt ihn am Nachmittag wieder ab. "Sandra, Marc, das war für mich immer eins, die gehörten zusammen", sagt ein Zeuge bei der Polizei. Sie hätten sogar Ringe getragen. Der Mann, ständig auf Montage, habe davon nichts mitbekommen. Eine Liebesbeziehung?