Elf Uhr morgens in einem Hotel im Städtchen Merseburg in Sachsen-Anhalt. Wir sitzen an einem absurden Beistelltischchen im Treppenhaus (im Restaurant wird gestaubsaugt). Hier gibt es keine Eier, aber ein Kaffeechen. Warum treffen wir uns in dieser Kleinstadt? Einige Tage nach dem Interview wird eine Zeitungsnotiz melden, er habe seine vierte Ehefrau verlassen, seine neue Liebe lebe in Halle an der Saale. Maffay, 66, er ist ja längst drüber, jenseits aller Kritik – also einer von zwei, drei wirklich großen Popstars in Deutschland (sechzehn Nummer-eins-Alben), von denen der elitäre Berlin-Mitte-Bewohner kaum Notiz nimmt. Man hat diesen Reflex, Rockstars, die Gutes tun, ein bisschen doof zu finden – dabei sollte man vor den guten Taten des Charity-Königs Peter Maffay (seine Stiftung unterstützt traumatisierte Kinder) vielleicht einfach Achtung haben.

Seine schwarze Maffay-Lederjacke trägt die Aufschrift "Zombies Elite Nürnberg". Die merkwürdige hart akzentuierte Maffay-Sprechweise. Anstrengenderweise gehört er zu jenen Stars, die sich von der Presse oft falsch wiedergegeben und unfair behandelt fühlen, und das zu Recht (gerade zuletzt gab es Missverständnisse, da er sich sorgenvoll hinsichtlich der Flüchtlingszahlen in Deutschland geäußert hatte, verkürzt zitiert wurde und so Pegida und AfD Argumente lieferte, mit denen ein alter Gegen-Rechts-Kämpfer wie Maffay natürlich nicht in Verbindung gebracht werden möchte). Mit einem Satz, wie nimmt er den Deutschen die Angst vor den Flüchtlingen?

Sein irritierter, nein, sein jetzt schon gut genervter Gesichtsausdruck. Er verschränkt die Lederjacken-Arme: "Wenn ich mich dazu versteigen würde, der merkwürdigen Aufforderung Ihrer Frage zu folgen: Die Mehrheit der Deutschen hat keine Angst." Ist das so? "Nur eine Minderheit ist nicht imstande, die Chancen und die Belastungen, die der Flüchtlingszuzug mit sich bringt, zu begreifen. Sie müssen wir aufklären." Und wir machen gleich weiter mit der denkbar heikelsten Frage: Kann er verstehen, wenn Leute über Rockstars wie ihn und Bono, die Gutes tun, ein bisschen lächeln? Er atmet tief ein und wieder aus: "Das ist ein Zeichen von absoluter Dummheit. Wir sind jetzt im 15. Jahr der Stiftung: Wer es amüsant oder lächerlich findet, anderen Menschen zu helfen, dem kann ich nicht helfen."

Bisschen dicke Luft, natürlich. Ein leichtes Thema wäre jetzt hilfreich. Musikfrage: Ist das langweilig, wenn man sicher weiß, dass jedes Peter-Maffay-Album an die Spitze der Charts steigt? Huhu, die Frage findet er wieder nur mittellustig: "Erstens: Langweilig auf gar keinen Fall. Zweitens: Es gibt keine Garantie für diese Positionierung. Sie können ein wunderbares Album haben und schaffen die Eins nicht, weil es rechts und links Alben gibt, die dieselbe Qualität aufweisen." Wir lenken ab, versuchen, ein wenig Poesie ins Gespräch zu bringen. Sein zwölfjähriger Sohn soll nach dem Gitarrespielen gesagt haben: "Papa, die Finger tun weh." Was hat der Vater seinem Sohn geantwortet? Er bringt wieder, Maffay-artig, die denkbar lakonische, die trockene Antwort: "Üben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Noch zwei Kaffeechen. Wir sprechen (über die Lust, im Alter knallharte Musik zu spielen). Und sprechen (über sein wunderschönes Haus am Starnberger See). Was ist ehrliche Musik? "Das ist Schwachsinn." Das berühmte Maffay-Lächeln, das mit den winzigen, lächelnden Äuglein. Und so langsam löst sich das Misstrauen des Rockstars auf. Peter Maffay: ein ernster, sperriger Mann und, ja klar, ein guter Typ. Wann hat er zuletzt etwas Wildes, Düsteres, Verbotenes getan? "Ich brauche nichts Aufregendes zu tun, weil mein Leben an sich schon aufregend genug ist." Schau an. Das glauben wir ihm.

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