Ein Küchentisch in Berlin-Neukölln, darauf Kaffee und belegte Brötchen. Um ihn herum sitzen drei Reinigungskräfte der Vermittlungsplattform Book a Tiger. Die vierte kommt nach ein paar Minuten hereingestürmt: Angelika. Sie ist die Dienstälteste am Tisch und hat nach der Wende große Putzkolonnen beaufsichtigt. Ihr gegenüber sitzt Hanife, eine junge Frau, die von Krankenschwester auf Reinigungskraft umgesattelt hat, weil sie so besser verdient. Außerdem mit dabei: die 26-jährige Alexandra aus Ungarn und Christoph aus Polen, eigentlich Künstler – und der einzige Mann in der Runde. Ihre Kunden duzen sie. Völlig okay, sagen die vier. Auch in der Zeitung möchten sie ihre Nachnamen lieber nicht lesen. Was sie eint: Sie machen ihren Job gerne. Jeder von ihnen wird auf der Internetplattform mit Bestnote bewertet.

DIE ZEIT: Wir müssen das Gespräch mit einem Geständnis beginnen: Wir sind unseren Reinigungskräften gegenüber ein wenig befangen, wie vermutlich die meisten Deutschen. Wenn wir Sie sehen, haben wir ein schlechtes Gewissen.

Alexandra: Weil es schmutzig bei Ihnen ist? Da machen Sie sich mal keine Gedanken: Sie haben uns doch zum Saubermachen bestellt.

ZEIT: Vielleicht ist es uns peinlich, dass wir es selbst nicht hinbekommen.

Hanife: Sie sind ja süß. Sie schämen sich, dass Sie uns den Dreck wegmachen lassen. Aber da sind Sie nicht allein: Ich habe Kunden, die putzen sogar vor.

Angelika: Ich bewerte meine Kunden doch nicht, so nach dem Motto: Wie das schon wieder hinterm Bett aussieht!

Christoph: Wir putzen Leuten die Wohnung, die das alleine nicht hinkriegen. Dafür bekommen wir unser Geld. Wo ist da das Problem?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Hanife: Ich merke schon, dass wir die Leute stressen. Aber es gibt ja auch andere. Eine Zeit lang habe ich bei einem Kerl saubergemacht, der nicht einmal die Klospülung gedrückt hat, bevor ich kam. Das sollte ich dann machen.

ZEIT: Wenn Sie zum ersten Mal eine Wohnung betreten – worauf achten Sie?

Alexandra: Wie viele Quadratmeter die Wohnung hat.

Hanife: Wie viele Bäder es gibt. Wenn es mehr als drei sind, kommt man selten mit der veranschlagten Zeit zurecht.

Christoph: Ich frage mich, was das für Menschen sind, die da leben. In so einer Wohnung spiegelt sich ganz viel, nicht nur, ob einer reinlich ist oder nachlässig.

ZEIT: Sie schätzen also nicht nur, wie viel Arbeit Sie erwartet, Sie versuchen auch, uns zu durchschauen?

Christoph: Es gibt Leute, die leben in superriesigen Räumen, in denen fast nichts steht, die brauchen offenbar viel Platz. Andere haben überall Kram rumstehen, da weiß man nicht, wie die sich darin bewegen. Das sind die Sammler. Wieder andere haben eine innere Hemmung, die Dinge dorthin zu stellen, wo sie hingehören. Das zu beobachten ist interessant.

Hanife: Stimmt. Ich guck mir zum Beispiel auch an, wie einer die Zahnpastatube ausdrückt. Da sieht man gleich, ob das eher ein systematischer oder ein chaotischer Mensch ist. Die Supergestressten machen nicht einmal die Tube zu. Aber man liegt mit seinen Mutmaßungen auch schon mal daneben. Die gepflegtesten Männer – Fusselbürste, gebügelte Hemden, polierte Schuhe – wohnen in den schlimmsten Messie-Buden. Wenn ich die morgens auf der Türschwelle sehe, frage ich mich oft: Wie bist du da so proper rausgekommen? Wohnen interessiert die offenbar nicht, deren Leben findet woanders statt.

ZEIT: Klingt, als kommen Sie der deutschen Seele ziemlich nah.

Christoph: Stimmt. Aber da fühle ich mich wie ein Psychologe dem Schweigen verpflichtet. Ich bin bei Leuten zu Hause, die mich um Hilfe gebeten haben. Die seelische Verfassung meiner Kunden geht niemanden was an.

Alexandra: Bei den meisten Leuten bekommt man aber schon mit, was ihnen wichtig ist. Gibt es Bücher? Frische Blumen? Ist der Balkon bepflanzt, oder stehen dort die leeren Flaschen? Bei einer meiner Kundinnen wusste ich nach dem ersten Blick ins Regal: Die ist Mathelehrerin.

Angelika: Auch euch Journalisten erkennt man sofort – an dem vielen Papier, das in der Wohnung rumfliegt. Das ist wirklich bemerkenswert. Im Arbeitszimmer steht ein großer Schreibtisch voller Blätter, daneben oft noch ein kleinerer Tisch, der genauso aussieht. Und das geht dann in jedem Raum so weiter. Überall Zeitungen und Papier, das nach dem Reinemachen genauso daliegen soll.

ZEIT: Ist es eigentlich grundsätzlich schwierig, die Ordnungssysteme anderer Menschen zu verstehen?

Angelika: Wenn ich neu bei einer Familie bin, räume ich nie die Spülmaschine aus. Das hat keinen Zweck, solange du nicht weißt, wohin die Sachen gehören. Aber in den meisten Haushalten bekommt man schnell ein Gespür für die Systematik. Das hat was mit Intuition zu tun.

Christoph: Schwierig wird’s, wenn ein Ordnungssystem gar nicht als solches zu erkennen ist. Bei einer Kundin hätte ich geschworen, dass sie ihre Kosmetikartikel einfach irgendwie im Bad verstreut, weshalb ich mich beim Saubermachen nicht weiter darum gekümmert habe, was wo steht. Dann hat die Kundin mich aber darum gebeten, bitte alles wieder genau dorthin zu räumen, wo es stand. Das kostet mich wahnsinnig viel Zeit, aber ihr ist das wichtig.

Angelika: Bei solchen Leuten mach ich Fotos, dann kann ich hinterher abgleichen. Ich habe eine Zeit lang die Wohnung eines bekannten Politikers geputzt. Dessen Frau war eine sehr anspruchsvolle Kundin: In den ersten Wochen hab ich immer die Türen zur Diele geschlossen, wie ich das bei mir zu Hause auch mache. Das war aber falsch. Die Türen mussten in einem Winkel von 45 Grad offen stehen. Da musst du erst mal drauf kommen!

Hanife: Ich habe mal in einem Esoteriker-Haushalt die Asche von den Räucherstäbchen weggewischt. Woher sollte ich wissen, dass die gesegnet ist? Als Raumkosmetikerin denkt man ja nur: Das ist Dreck, das muss weg.