Es gibt Politiker, die auf dem Papier wenig Macht haben und trotzdem enormen Schaden anrichten können. Milorad Dodik ist einer von ihnen. Dodik ist Präsident der Republika Srpska (RS), einem autonomen Teil von Bosnien-Herzegowina. Die RS hat 900.000 Einwohner, das Durchschnittseinkommen liegt bei 400 Euro im Monat, die Arbeitslosigkeit bei 50 Prozent. Die RS ist darüber hinaus abhängig von Krediten aus dem Ausland und Zahlungen aus der EU. Ohne sie könnte die Regierung den Beamten keine Gehälter mehr auszahlen. Dodik ist also der Präsident eines Armenhauses. Trotzdem benimmt er sich anmaßend, als sei er König eines bedeutenden Reiches.

Seit geraumer Zeit schon untergräbt er die verfassungsmäßige Ordnung Bosnien-Herzegowinas, die 1995 im Friedensvertrag von Dayton geschaffen wurde: Immer wieder droht er damit, in der RS ein Referendum über eine Sezession abzuhalten. Dazu hat er laut Daytoner Vertrag zwar kein Recht, aber er schert sich nicht darum.

Eine Sezession der RS wäre potenziell verheerend. Wenn sie käme, stürzte das bosnische Gebäude, das in Dayton mühsam geschaffen wurde, in sich zusammen. Die Folgen wären nicht absehbar, denn auch zwanzig Jahre nach Ende des Krieges bleibt der Balkan eine instabile Region. Europa hätte ein neues Problem am Hals – und es wäre ein selbst geschaffenes.

Niemand weiß, ob Dodik es mit der Sezession ernst meint, wahrscheinlich weiß er es nicht einmal selbst. Er präsentiert sich heute zwar als Beschützer der bosnischen Serben, aber ein überzeugter Nationalist scheint er nicht zu sein. Eher ein Machiavellist: Es geht ihm ausschließlich um den eigenen Machterhalt. Noch vor zehn Jahren hatte der heute 56-Jährige den Ruf, ein Reformer zu sein. Damals war er der Liebling der EU und der USA, um nicht zu sagen, ihr Geschöpf. Händeringend suchte man Politiker, denen man Bosnien übergeben konnte. Dodik traute man zu, mit dem verbrecherischen Erbe Radovan Karadžić’ aufzuräumen. Karadžić ist der Hauptverantwortliche für den Krieg, der Bosnien zerriss und zwischen 1992 und 1995 rund hunderttausend Menschen das Leben kostete. Dodik stand für eine bessere Zukunft.

Er brachte sie nicht. Er machte die Republika Srpska zu einem Landgut, auf dem er schalten und walten kann, wie er will. Die Presse ist geknebelt oder völlig bedeutungslos. Die Region leidet heute unter grassierender Korruption.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Dodiks Aufstieg ist dem Umstand geschuldet, dass der Westen nicht mehr den allmächtigen Protektor spielen wollte, eine Rolle, die ihm nach dem Daytoner Friedensvertrag in der Gestalt des "Höchsten Repräsentanten" zusteht. Es gibt immer noch einen "High-Rep" in Bosnien, wie er im Jargon genannt wird, doch seine umfassenden Kompetenzen übt er nicht mehr aus. Angesichts von Dodiks Performance kann man sich fragen, ob es falsch war, Bosnien bosnischen Politikern zu überlassen. Hätte das Land auch de facto unter direkter Kuratel des Westens bleiben sollen?

Diese Fragen sind ebenso naheliegend wie egal. Das Rad wird man nicht mehr zurückdrehen können.

Man muss es auch nicht tun.

Die EU hätte genügend Möglichkeiten in der Hand, um Milorad Dodik zu einer Kursänderung zu zwingen. Die "Folterinstrumente" reichen von der Streichung der finanziellen Zuwendungen über Sanktionen gegen Dodik selbst sowie seine korrupte Entourage. Die EU könnte beim serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić in Belgrad darauf drängen, dieser möge sich von Dodik distanzieren: Ohne die schützende Hand aus Belgrad könnte sich der Kleinfürst nicht lange halten. Aber nichts dergleichen passiert. Die EU engagiert sich seit einem Jahr finanziell zwar stärker in Bosnien-Herzegowina. Sie hat mehr Geld in die Hand genommen, will dieses nur auszahlen, wenn es tief greifende wirtschaftliche Reformen gibt. Das ist ein erster Schritt, aber es reicht bei Weitem nicht, um Dodik zu zähmen.

Vielleicht spielt Dodik nur mit dem Feuer. Vielleicht sind seine Worte leere Drohungen. Entscheidend ist das aber nicht. Solange Dodik diese destruktive Politik betreibt, blockiert er jeden Fortschritt. Und kein Fortschritt, das ist in Bosnien ein Rückschritt in eine gefährliche Zeit.