Ein Mitglied der Hells Angels ©  Christopher Furlong/Getty Images

Vom Lokal Schweinske am westlichen Ende der Reeperbahn aus hat man einen guten Blick auf das Hamburger Rotlichtmilieu. Die Große Freiheit mit den Sexshops, Stripläden und Großbordellen liegt gegenüber. Man sieht. Und wird gesehen.

Am Montag, den 28. Dezember um 21.45 Uhr betreten ein Dutzend Rocker das Restaurant. Ihre Shirts zeigen einen Glatzkopf mit Mongolenzopf auf einem Motorrad, das Emblem des Mongols-Clubs. Eine Provokation: Den Kiez beanspruchen die konkurrierenden Hells Angels als ihr Revier.

Um 22 Uhr beobachten Zeugen, wie drei der Mongols in ein Taxi springen, dem Fahrer eine Pistole an den Kopf halten, flüchten wollen. Der zieht den Schlüssel ab, lässt sich aus dem Taxi fallen. Sieben Schüsse durchschlagen auf der Beifahrerseite die Türen des Wagens.

Es ist der vorläufige Höhepunkt im Kampf der beiden Rockerclubs um die Macht im Rotlichtmilieu. Seit Monaten fallen die Hemmschwellen, Kenner der Szene sind besorgt, was als Nächstes kommt.

Einer der Schüsse trifft den Mongol Aleksander M., verletzt ihn schwer an der Niere. Eine weitere Kugel bleibt in der Kleidung von Hidiayet G. stecken, hinterlässt nur einen blauen Fleck. Ihn trifft es fünf Tage später umso schlimmer. In einer Kleingartenanlage glaubt er, zwei Frauen zu treffen. Stattdessen lauern ihm sieben Männer auf, die ihn mit einem Messer an Kopf und Beinen schwer verletzen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Steht Hamburg vor einem Rockerkrieg?

"Bei Schießereien in der Öffentlichkeit gehen wir massiv gegen die Täter vor, wir werden den Rockerbanden auf die Füße treten", sagt Polizeisprecher Jörg Schröder. Eine Sonderkommission mit 50 Beamten wurde gegründet, die "Soko Rocker". Chef der Gruppe ist Mirko Streiber, Schröders Vorgänger als Sprecher der Polizei.

Mit mehr Razzien, stärkerer Präsenz an Szenetreffpunkten und einem geplanten Verbot der Mongols wollen die Beamten die Eskalation stoppen. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen einen "Rotlichtkrieg" vermeiden, wie ihn St. Pauli in den achtziger Jahren erlebte. Damals wurden reihenweise Zuhälter erschossen, ein Staatsanwalt kam ums Leben.

Wieso eskaliert gerade jetzt die Gewalt?

In den vergangenen Jahren lief das Geschäft mit der Prostitution größtenteils reibungslos ab. 30 bis 50 Hamburger Hells Angels hatten die Vormacht unter den Rockerclubs. Ihr Geld verdienen sie als Partyveranstalter, Sicherheitsunternehmer, mit Sexarbeiterinnen, aber auch mit Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel, heißt es von der Kripo.

Im Milieu galt die Regel: kein Blutvergießen, nicht auffallen. Schüsse und Gewalt stören beim Geldverdienen. Kam es in einem von den Rockern kontrollierten Sexladen zu Gewalttaten oder anderen schweren Verbrechen, dann überzog die Polizei das Etablissement, die Betreiber und Gäste so lange mit Razzien und Festnahmen, bis wieder Ruhe herrschte.