Tilman Baumgärtel untersucht in seiner Kulturgeschichte der Schleife nicht nur die Loops in der Musik. © Kacper Pempel/Reuters

Schleifen sind an Kleidern und Pralinenpackungen wohlgelitten. Auf alle anderen Bereiche trifft das weniger zu. Wer sich in Schleifen bewegt, wiederholt sich, und wer sich wiederholt, gerät rasch in den Verdacht, langweilig, geisttötend oder unoriginell zu sein. Schleifen stehen im Ruf, sich in der Variation des Altbekannten zu erschöpfen, schlimmer noch: Wiederholungstäter gelten als dem Fortschritt unzuträglicher, verzichtbarer Teil der Gesellschaft. Entsprechend stiefmütterlich die Behandlung durch das abendländische Denken. Über Sphären, Blasen und andere Epiphänomene ist in den letzten Jahren nachgedacht worden, die Schleife hingegen führt theoretisch ein Schattendasein.

Dabei ist sie allgegenwärtig. Schleifen – meist kurze, sich wiederholende Bild- oder Tonsequenzen – dominieren den Alltag. Als Soundtapete beschallen sie uns im Supermarkt, als Klingeltöne leiten sie Kommunikationsakte ein, als Loops haben sie die Popmusik erobert. In Form von Endlosbändern laufen sie unter den Nachrichten her, die sich selbst im Viertelstundentakt wiederholen: Noch einmal flimmern die Bilder des Tages vorüber, noch einmal werden wir über den letzten Stand an der Börse informiert – es ist, als habe sich unterhalb des Alltagsbewusstseins ein traumähnliches, zyklisches Muster etabliert, das uns zugleich in seinen Bann zieht und auf die Folter spannt. Wie es dazu kam und was das bedeuten könnte, darüber hat Tilman Baumgärtel ein Buch geschrieben.

Baumgärtel, Professor für Medientheorie an der Hochschule Mainz, kennt die zahlreichen Einwände gegen das Repetitive – Adornos Kritik am "einlullenden" Charakter der Massenmedien, Freuds Vorstellung eines pathologischen, mit dem Tod verschwisterten Wiederholungszwangs –, doch statt noch einmal ins gleiche kulturkritische Horn zu stoßen, unterzieht er seinen Gegenstand einer ebenso grundlegenden wie freundlichen Relektüre. Loops, so die These, sind trotz oder wegen ihrer Redundanz nicht einfach ornamental oder "regressiv". Indem sie den Augenblick wiederholbar machen, setzen sie dem Lauf der Zeit eine nichtlineare Alternative entgegen. Während so einerseits aus Lust Überdruss wird, entsteht zugleich aus Ennui Transzendenz. Allerdings gilt es die Spur der Schleife erst einmal freizulegen.

Es ist eine Geheimgeschichte des Loops, die hier in 14 Kapiteln entfaltet wird – von den Anfängen gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zur Technokultur, in der Sequencer und Sampler Tonfolgen technisch reproduzierbar und damit mehrheitsfähig machten. Baumgärtel hat tief in den Archiven gegraben, Interviews geführt, Produktionsnotizen ausgewertet. Neben Klassikern wie Karlheinz Stockhausen, Elvis und den Beatles bekommen auch weniger bekannte Figuren ihren Auftritt. Raymond Scott etwa, düsentriebartiger Erfinder diverser elektronischer Instrumente, oder der deutsche Dandy und Pionier des Seriellen Peter Roehr. Gemeinsam ist ihnen, dass sie – im Einklang mit dem jeweils neuesten Stand der Technik – das Experimentieren mit Schleifen als künstlerisches Verfahren begriffen. Baumgärtel erzählt aber nicht nur, er interpretiert. Mit detektivischer Energie liest er die diversen Zeugnisse des Loops als Durchsetzungsstufen einer Kultur der Wiederholung.

Bereits der erste historisch nachweisbare Auftritt war ein Paukenschlag. Der May Irwin Kiss, Thomas Alva Edisons zur Endlosschleife gebundene Filmaufnahme eines sich küssenden Paars aus dem Jahr 1896, ließ das Publikum hemmungslos lachend zurück: die Wiederholung als Volksvergnügen, das in Spielhallen eine frühe Kommerzialisierung erfuhr. Nach diesem Prolog auf dem Jahrmarkt allerdings verschwand der Loop zunächst von der Bildfläche, um erst in den Vierzigern wieder aufzutauchen. In Pierre Schaeffers Musique concrète sind die wesentlichen formalen Elemente der Schleife in Reinkultur nachweisbar: das Arbeiten mit vorgefundenem Material, das Herauslösen von Klangfragmenten aus dem Zeitkontinuum, das Rearrangieren im Studio – ein Verfahren, das sein Schüler und Kontrahent Karlheinz Stockhausen weiterführte, indem er aus Tonbandschnipseln den ersten vollkommen synthetischen Klang herstellte. Doch sosehr diese Versuche heutigen DJ-Praktiken ähneln, über die Sterilität des Labors kamen sie nicht hinaus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Mehr als Musikern oder Regisseuren ähnelten die Väter der Schleife Wissenschaftlern, die in heroischen Kompositionsakten gegen den Widerstand des Materials ankämpften. Erst in den Sechzigern befreite der künstlerische Umgang mit der Wiederholung sich vom Ruch des Akademischen. Beispielhaft dafür die auf winzigen Variationen beruhenden Konzerthappenings eines Terry Riley, die Geräuschcollagen Steve Reichs, die begehbaren Klanginstallationen La Monte Youngs – als Avantgardisten des Umgangs mit drones und patterns nahmen die Vertreter der Minimal Music den popkulturellen Umgang mit Schleifen vorweg. Baumgärtel präpariert noch einmal das Neuartige daran heraus: die Nähe zum Körper, das Bündnis mit den sozialen Bewegungen, die Parallelen zu fernöstlichen Techniken der Versenkung. Anders jedoch, als das allgemeine Verständnis es will, liest er den Aufbruch der Epoche nicht als Vorwärtsbewegung, sondern als Versuch, den immer rasanter werdenden Fortschritt in mantraartigen Kreisbewegungen herunterzubremsen.

So weit, so originell: Es sind die vielen Details und Neubewertungen, die an Baumgärtels Kulturgeschichte begeistern. Elvis Presley kennen wir als Sexidol, nicht aber als "Prothesengott", dessen gespenstisch verhallte Stimme auf einer technischen Manipulation beruht. Donna Summer steht bei Wikipedia unter "Discosängerin", dabei wäre sie als Synthese aus Mensch und Maschine besser verstanden: der Loop als Geburtshelfer protofeministischer Dancefloor-Cyborgs. Und hätten Sie gewusst, dass der Beatles-Song Tomorrow Never Knows, von der Forschung als "sensorischer Angriff auf die Zitadelle des Intellekts" gewürdigt, mithilfe einer Garde weiß bekittelter Tonmeister zustande kam? Sie standen auf sämtlichen Stockwerken der Abbey Road Studios und hielten mit einem kleinen Stift die Tonbandschleife, auf der er beruht, stramm. Manchmal bewegen sich Fortschritt wie auch Fortschrittskritik eben auf verschlungenen Wegen. Dass sich im Lauf der 378 Seiten vieles wiederholt, stört nicht nur nicht, es ist dem Fluss der Gedanken förderlich.

Schwerer verdaulich sind die lead vocals aus dem Inventar des Großphilosophischen, die Baumgärtel in unregelmäßigen Abständen dazumischt. Statt es dabei zu belassen, den "Stand des Geistes an der Sonnenuhr menschlicher Technik" abzulesen, wie Adorno es forderte, feiert er mit Lacan, Deleuze, Merleau-Ponty und anderen Gewährsmännern die technoinduzierten Ekstasen der Ravekultur als Vorschein eines neuen Kollektiveros. In solchen Momenten erinnern seine Überlegungen zum Wesen der Schleife an Marshall McLuhans kryptotheologischen Wunsch, Mensch und Kosmos qua Technik zu versöhnen. Das aber heißt, einem spielerischen, letztlich im Meditativen wurzelnden Kunstverfahren viel utopischen Ballast aufzubürden.

Auch ist der Zeitpunkt, zu dem das Buch erscheint, ganz leicht suboptimal: So untertheoretisiert der Loop noch immer sein mag, spätestens seit der Millenniumswende haben seine Gestaltungsprinzipien sich auf so umfassend penetrante Weise durchgesetzt, dass die fortgeschrittene Popkritik sich inzwischen fragt, ob die Riesenretroschleife, in der wir uns tagtäglich bewegen, nicht doch eher als gesamtkulturelles Krisensymptom zu begreifen ist. Der Loop als Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Aber das sind zu vernachlässigende Einwände angesichts eines gedanklich reichen, in jeder Hinsicht erkenntnisförderlichen Grundlagenwerks. Aufgrund der zahlreichen Musikbeispiele liest man es am besten multimedial: mit der einen Hand am Buch, mit der anderen am Rechner.

Tilman Baumgärtel: Schleifen. Zur Geschichte und Ästhetik des Loops
Kadmos Verlag, Berlin 2015; 352 S., 24,90 €

Korrekturhinweis: Baumgärtel ist nicht für Medientechnologie zuständig, wie es in der Print-Ausgabe fälschlicherweise geheißen hatte, sondern Professor für Medientheorie an der Hochschule Mainz. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion