Schiitische Muslime im Iran während einer Ta'zieh-Aufführung, in der das Martyrium des Propheten-Enkels Hossein inzeniert wird © Behrouz Mehri/AFP/Getty Images

Die Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten ist fast so alt wie der Islam selbst. Sie entbrannte nach dem Tod des Propheten, entzündete sich am Problem seiner Nachfolge. Und doch ist sie nur ein Beispiel für jenen ewigen innerislamischen Streit, den Mohammed selbst prophezeite: "Die Kinder Israels spalteten sich in 71 Gruppen und die Gemeinde Jesu in 72. Meine Gemeinde wird sich in 73 spalten, von denen alle in die Hölle gehen – bis auf eine."

Tatsächlich hat sich die muslimische Gemeinde im Laufe ihrer Geschichte in zahlreiche größere und kleinere Konfessionen oder Sekten aufgespalten. Manche von ihnen bestanden nur kurzzeitig, andere existieren bis heute – und mit ihnen der Streit darum, welcher Weg zum Heil führt. Zwar berufen sich alle Muslime auf den Koran als wichtigste Quelle ihres Glaubens und in unterschiedlichem Maße auch auf Taten und Aussprüche des Propheten – die Sunna. Zudem sind sich viele muslimische Reformer einig, dass die Sunna ein ideologisches Konstrukt ist, das zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten kompiliert wurde. Trotzdem kreist der Streit zwischen den islamischen Gruppierungen weiter um die uralten Fragen: Wie authentisch sind die Prophetenworte? Wie muss der Koran ausgelegt werden? Welches ist die eine, wahre Gemeinde Mohammeds?

Versetzen wir uns in die historische Gründungszeit des Islams im 7. Jahrhundert. Am 8. Juni 632 starb Mohammed nach kurzer Krankheit. Er hatte nicht nur in Mekka als Prophet gewirkt, sondern in Medina auch als Staatsmann. Das Problem: Er hinterließ keine männlichen Nachkommen, die sein religiöses und politisches Lebenswerk hätten fortführen können. Sunnitische Geschichtsquellen sagen: Der Prophet bestimmte weder einen Nachfolger, noch hinterließ er Richtlinien für die Suche. Das führte rasch zum Schisma der ersten Gemeinde und zu einem regelrechten Bürgerkrieg (fitna). Schon die Epoche der vier "rechtgeleiteten Kalifen", die dem Propheten direkt nachfolgten (632–661), war also keine goldene Zeit, auch wenn fromme Sunniten sie immer noch als vorbildlich verklären.

Was sagt nun der Koran zur "richtigen" Nachfolge? Zunächst, dass alle Muslime ihrem Gott, dem Propheten und den islamischen Autoritäten gehorchen müssen (Koran 4:59). Auch werden die Muslime zu gegenseitiger Beratung in praktischen Lebensbelangen aufgerufen (Koran 3:159 und 42:38). Dies schien anfangs zu gelingen: Die konkurrierenden Gefährten des Propheten benannten durch eine Art Ältestenrat den ersten Kalifen Abu Bakr al-Sidiq. Er galt als treuer Anhänger Mohammeds und war ihm durch seine Tochter Aischa, die sogenannte Lieblingsehefrau Mohammeds, als Schwiegervater verbunden. Allerdings war Abu Bakrs zweijährige Regierungszeit (632–634) durch die blutige Niederwerfung abtrünniger arabischer Stämme gekennzeichnet.

Nach sunnitischer Überlieferung soll Abu Bakr vor seinem Tod einen Nachfolger ernannt haben, nämlich Umar Ibn al-Khattab, der dann auch zehn Jahre lang (634–644) mit eiserner Hand die zerstrittenen Vertreter des Islams unter seine Kontrolle brachte. Durch die Eheschließung des Propheten mit Umars Tochter Hafsa war auch er ein Schwiegervater Mohammeds. Er wurde schließlich von einem unzufriedenen muslimischen Sklaven getötet. Noch auf dem Totenbett berief er ein sechsköpfiges Beratungsgremium aus Gefährten der ersten Stunde ein, darunter Ali und Uthman Ibn Affan – auf Letzteren fiel die Wahl zum Nachfolger. Auch in seiner Regierungszeit (644–656) kam es zu politischen Tumulten, denn man warf ihm Nepotismus vor: die Besetzung der wichtigsten Positionen im neu entstehenden Reich mit Angehörigen seines Clans. Am Ende wurde Uthman von unzufriedenen Muslimen in seinem Haus belagert und dort ermordet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Und weiter? Nachfolger wurde der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Ali Ibn Abi Talib (600–661). Er spielte keine große politische Rolle, galt aber als religiöse Autorität. Würde er die wachsenden Konflikte entlang der Stammes- oder Clangrenzen befrieden? Den Forderungen nach Blutrache am Mörder Uthmans gab er nicht nach, doch auch seine Amtszeit (656–661) war ein Desaster mit drei blutigen Kriegen. Auch Ali wurde ermordet.

Daraufhin vollzog sich das eigentliche Schisma zwischen Sunniten und Schiiten. Nach Meinung der Schiiten (der Partei Alis) nämlich hatte der Prophet drei Monate vor seinem Tod den Vetter Ali zum rechtmäßigen Nachfolger ernannt. Zwei koranische Stellen (Koran 33:33 und 42:24) belegen laut späterer schiitischer Koranexegese den Leitungsauftrag an die blutsverwandte Familie des Propheten (ahl al-beit). Dass Ali trotzdem nicht unmittelbar dem Propheten nachfolgte, sahen die Schiiten als Ergebnis sunnitischer Intrigen. Nach dem Tod Alis richteten sich ihre Hoffnungen nun auf dessen Söhne Hassan und Hussein. Doch die kamen nicht an die Macht, und im Jahr 680 wurde Hussein, der jüngste Sohn, im Irak durch sunnitische Machthaber grausam getötet, ebenso sämtliche männliche Begleiter. Diese Morde begründeten den Märtyrerkult der Schiiten.

Seither sehen sie sich als verfolgte Minderheit. Tatsächlich sind heute nur etwa 15 Prozent aller Muslime Schiiten. Die bedeutendste und zahlenmäßig größte Gruppe unter den Schiiten ist die "Zwölferschia". Der Name bezieht sich auf eine Reihe von zwölf Imamen, religiösen Führern aus der Familie des Propheten, beginnend mit Ali. Der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi, ist nach ihrer Auffassung nicht gestorben, sondern lebt seit früher Kindheit durch Gottes Wunder im Verborgenen. Mit seiner Rückkehr verbinden die Schiiten die Hoffnung auf eine gerechte Herrschaft. Unterdessen bleiben die Grabmäler der anderen elf Imame wichtige Pilgerstätten, und der Tag der Ermordung Alis wird mit Passionsspielen gefeiert.

Kurz erklärt - Was Sunniten und Schiiten trennt Die Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen in Saudi-Arabien zeigt die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten. Die beiden wichtigsten Glaubensrichtungen im Islam gehen zurück auf einen Streit um die Führung der Religion.

Wenn sich jetzt also schiitische Dynastien und sunnitische Machthaber gegenüberstehen, dann ist das für Muslime nicht neu. Es ist Normalität. Schon in den Jahren 909 bis 1171 etablierte sich in Ägypten die schiitische Dynastie der Fatimiden, benannt nach Fatima, der Tochter des Propheten und Ehefrau Alis. Sie riefen ein Gegenkalifat zum sunnitischen Kalifen in Bagdad aus. Doch bleibende politische Macht erlangte die Schia erst mit der Dynastie der Safawiden im Iran, von 1501 bis 1722. Weil diese die Mehrheit der persischen Bevölkerung von der Sunna zur Zwölferschia bekehrten, ist der Iran bis heute schiitisch geprägt und sieht sich seit der "Islamischen Revolution" 1979 als Schutzmacht der Schiiten weltweit.

Bedeutende schiitische Gemeinschaften außerhalb des Irans existieren im Irak, im Libanon, in Bahrain und einigen Regionen des indischen Subkontinents, aber auch im Osten Saudi-Arabiens, wo etwa 12 bis 15 Prozent Schiiten leben. Die Staatsreligion des Königreichs ist indes der sunnitische Islam in seiner erzkonservativen wahhabitischen Auslegung. Also wird die schiitische Minderheit diskriminiert und steht unter dem Generalverdacht, Sympathien für den Erzfeind Iran zu hegen.

Wie in der Frühzeit des Islams befeuert das Streben nach Herrschaft den sunnitisch-schiitischen Konflikt. Ging es damals um die Leitung der frühislamischen Gemeinde, so geht es heute um die Vorherrschaft im Nahen Osten. In einer umstrittenen arabischen Allianz führt Saudi-Arabien seit März 2015 einen erbitterten Krieg gegen die schiitischen Huthi im Jemen. Diese wiederum werden vom Iran militärisch unterstützt, ebenso Hisbollah im Libanon, die schiitische Regierung im Irak oder der alawitische Diktator Baschar al-Assad in Syrien. Opfer dieser Kriege ist und bleibt die Zivilbevölkerung beider Konfessionen.

Und jetzt? Könnte alles noch schlimmer werden. Am 2. Januar wurden in Saudi-Arabien 47 Menschen hingerichtet, darunter der schiitische Kleriker Nimr Baqir al-Nimr, der als Prediger der Gewaltlosigkeit bekannt war und die Marginalisierung der Schiiten im Königreich anprangerte. Seine Hinrichtung verschärft nun eine urislamische Feindschaft. Und die scheint unabänderlich.

Christen mögen entgegnen, dass auch die blutigen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten beigelegt wurden. Der Vergleich führt aber in die Irre: Denn die Entstehung der muslimischen Konfessionen verlief völlig anders. Es ging von Anfang an um die Deutungshoheit über die Heilsgeschichte des 7. Jahrhunderts – und solange beide Seiten auf ihren jeweiligen Belegen beharren, kann der Streit nicht enden.

Ironie des Konflikts: Die theologischen Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten sind für die Glaubenspraxis nahezu unwesentlich. Daher rührt auch das bislang konfliktfreie Nebeneinander der Muslime in Deutschland. Die hier geborenen und sozialisierten Muslime definieren sich meist nicht als Sunniten oder Schiiten, sondern schlicht als Muslime. Sie könnten zeigen, dass kein Muslim sich sklavisch den Regeln einer Konfession unterwerfen muss – und so den Weg zum Frieden ebnen. Dies wäre auch für das Verhältnis zu Andersgläubigen wichtig. Erst wenn Sunniten und Schiiten einander Respekt erweisen, werden sie zu Respekt außerhalb der eigenen Religion imstande sein.

Was ist dazu nötig? Aus theologischer Sicht muss der Islam seine Wahrheitsansprüche relativieren, zuallererst den Anspruch der Konfessionen, im Besitz einer exklusiven Wahrheit zu sein. Vorher gibt es weder einen innerreligiösen noch einen interreligiösen Dialog. Und erst recht keinen Frieden mit nicht religiösen Menschen.