Sahra Wagenknecht bei einer Kundgebung gegen den Bundeswehreinsatz in Syrien © Britta Pedersen/dpa

Ist die deutsche Friedensbewegung eigentlich in erster Linie für Frieden – oder nur gegen westliche Militärinterventionen? Als jemand, der seit Jahren das Leid und die Arbeit demokratischer Aktivisten in Syrien dokumentiert, stellte ich mir diese Frage immer öfter. Auch ich lehne den Bundeswehreinsatz gegen den "Islamischen Staat" (IS) ab. Der UN-Sicherheitsrat hat zwar alle Mitgliedstaaten zu dessen Bekämpfung aufgerufen, aber kein Mandat zur militärischen Intervention erteilt. Zudem fehlt es an einer Strategie für die Befreiung der Menschen am Boden. Das Risiko, dass sie Opfer von Luftschlägen werden, ist größer als die Chance, dass die Ausweitung der Luftschläge den IS kleinkriegt. Auf die Gefahr ziviler Opfer durch westliche Luftschläge weist nicht nur die Friedensbewegung hin, sondern auch die ihr nahestehende Vorsitzende der Linksfraktion, Sahra Wagenknecht.

Glaubwürdig sind Wagenknecht und andere Vertreter dieser Position nicht. Im Gegenteil: Sie verschließen sich grundsätzlich der Frage, welche Intervention denn nötig wäre, damit das tägliche Gemetzel in Syrien ein Ende findet.

Denn natürlich bringen nicht nur Luftangriffe Zivilisten in Gefahr. In Gefahr waren die Syrer längst vorher. Seit 2011 wurden Hunderttausende Menschen getötet, wobei die Einsätze der syrischen Armee bis heute die allermeisten Opfer verursachten. Vor allem Fassbomben, also mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllte Ölfässer, werden aus Helikoptern über Bäckereien, Krankenhäusern, Wohngebieten abgeworfen. Zehntausende Zivilisten sind in den Gefängnissen der Diktatur verschwunden, das Aushungern ganzer Stadtteile gehört zur Kriegsstrategie des Assad-Regimes. Und kurz vor Weihnachten berichtete Amnesty International von Hunderten getöteter Zivilisten bei russischen Luftangriffen auf Krankenhäuser, Marktplätze und Wohnviertel.

Warum erwähnt Wagenknecht all das eigentlich nicht? Sind die Syrer nur dann zivile Opfer, wenn sie durch westliche Bomben sterben? Wer schützt dieselben Zivilisten vor Assads Fassbomben, russischen Luftschlägen oder religiösem Terror? Nach der Wagenknechtschen Logik scheint Frieden schon erreicht, wenn der Westen sich nicht einmischt.

Genauso selektiv betrachten leider große Teile der deutschen Friedensbewegung den Syrienkonflikt. Sie protestierten gegen die Stationierung deutscher Patriot-Raketen in der Türkei 2012, warnten vor einer militärischen Reaktion auf den Giftgasangriff in Damaskus 2013, kritisierten die Luftschläge zur Unterstützung syrischer Kurden in Kobane 2014 und demonstrierten jüngst gegen den Bundeswehreinsatz in Syrien.

Bei jeder Gefahr eines militärischen Engagements von Nato-Staaten ist die Friedensbewegung zur Stelle. Doch wann immer es um das alltägliche Töten in Syrien geht, ist sie politisch abwesend. Schlimmer noch – sobald Syrer eine Flugverbotszone fordern, werden sie aus dem Friedenslager als Helfershelfer eines westlichen Regimes verunglimpft.

Bei den jährlichen Ostermärschen 2014, ein halbes Jahr bevor die USA mit den Luftschlägen gegen den IS in Syrien begannen, wurde Syrien nur in 17 von bundesweit 61 Reden erwähnt. Lediglich zwei der Redner forderten Schutz für die Bevölkerung und humanitäre Hilfe. Selbst die angesehene Organisation Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs (IPPNW) verbreitete einen Protestaufruf gegen den Syrieneinsatz der Bundeswehr, ohne darin ein Wort über das Bombardement durch Russland zu verlieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Zugegeben, eine Friedenslösung für Syrien anzubieten ist ein schwieriges Geschäft. Aber es gibt Möglichkeiten. Dazu gehört es, zivilgesellschaftliche Gruppen zu unterstützen, die einen dritten Weg jenseits von Diktatur und bewaffneten Auseinandersetzungen verfolgen. Dazu gehört es aber auch, anzuerkennen, dass eine ehedem bipolare Weltordnung im Nahen Osten längst einer multipolaren regionalen Neuordnung gewichen ist, in der Russland nicht mehr die Sowjetunion ist und in der derzeit die imperialen Bestrebungen Saudi-Arabiens, der Türkei und des Irans aggressiver sind als die des "Weltpolizisten" USA.

Nach den Kriegen im Irak und in Afghanistan ist die breite Skepsis gegenüber militärischen Interventionen verständlich. Doch es ist verheerend, wenn sich große Teile von Friedensbewegung und Linkspartei deshalb weigern, überhaupt die Fragen zuzulassen, die eine Friedenspolitik in Syrien beantworten muss: Mit welchen Mitteln können sich die Kurden realistisch gegen den IS verteidigen? Wie kann die Sicherheitsratsresolution 2139 umgesetzt werden, die den Einsatz von Fassbomben, also das tägliche Bombardement der Zivilbevölkerung, untersagt? Was könnte unser Beitrag sein, um lokale Waffenstillstände zu fördern?

Verantwortlicher Pazifismus muss die Lebensrealität der betroffenen Menschen in den Vordergrund stellen. Antiwestlicher Antiinterventionismus, der sich mit diesen Fragen nicht beschäftigt, führt letztlich zu einer Enthumanisierung der Friedensbewegung – die mit Frieden oder der linken Solidarität mit den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft nichts mehr zu tun hat. Um in Syrien Frieden zu ermöglichen, muss die Nichteinmischung einer aktiven Außenpolitik weichen.

Genau dafür brauchte es eine Friedensbewegung. Eine, die Impulse setzt, statt sich zu verweigern. Die Antworten, die zum Beispiel Flüchtlinge geben könnten, mögen politisch verstören, aber sie kommen aus realen Erfahrungen statt aus weltanschaulicher Überzeugung. Dieser Realität sollte sich endlich auch die Friedensbewegung stellen.