Alejandro González Iñárritu und Leonardo DiCaprio am Set von "The Revenant" © 2015 Twentieth Century Fox

DIE ZEIT: Herr Iñárritu, Ihr neuer Film The Revenant – Der Rückkehrer erzählt von einem Mann, der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts schwer verletzt durch die amerikanische Wildnis quält – um sich an seinem Peiniger zu rächen. Was ist Ihre Haltung zur Rache?

Alejandro González Iñárritu: Rache lässt uns leer zurück. Sie bringt uns nicht wieder, was wir verloren haben, sie gibt uns nicht, was wir suchen. Aber der Mensch ist ein so primitives, stures, ignorantes, blindes Wesen, dass er das noch nicht realisiert hat. Ich weiß, dass Rache ein Instinkt ist, fast eine anthropologische Konstante, dass sie in unsere DNA eingeschrieben ist. Aber mit Rache erschafft man etwas, was weitaus gefährlicher ist als das, was sie lösen soll. Rache hat keine spirituelle Dimension. Deshalb sehe ich meinen Film auch nicht als einen regelrechten Western an.

Kino - "The Revenant" (Trailer)

ZEIT: Sondern?

Iñárritu: The Revenant ist ein Prä-Western, der sich der Erlösungslogik der Rache verweigert. Schon immer hat es mich verwundert, dass viele Western die Rache als Erfüllung zeigen. Am Ende scheint der Held in die Kamera zu zwinkern und zu sagen: "Jetzt, da ich das Schwein erschossen habe, werde ich bis ans Ende meiner Tage glücklich sein." Das ist ein von der Filmgeschichte penetrant reproduziertes Märchen, für das ich nur Verachtung übrig habe. Es ist kindisch und armselig.

ZEIT: Ihr von Leonardo DiCaprio gespielter Held muss Indianerangriffe und Bärenattacken überstehen, er kämpft sich durch Schnee und Eis, verhungert fast. Aber es ist der Gedanke an Rache, der ihm seinen Überlebenswillen gibt ...

Iñárritu: Ja, Hugh Glass will den Menschen töten, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Das treibt ihn an. Aber er begegnet auch einem Menschen, der ihn von seinem Rachebedürfnis heilen kann: einem Indianer. Mein Film ist keine Sammlung psychologischer Rezepte, er zeigt vielmehr, dass es sich lohnt, das Konzept der Rache zu reflektieren, infrage zu stellen. Gerade in diesen Zeiten. Wie viele Palästinenser, Israelis, Syrer haben ihre Söhne oder Töchter verloren? Wer so etwas nicht durchlebt hat, kann nicht erahnen, was das heißt. Wie viele Eltern in Syrien, in Beirut oder in Paris haben Rachegefühle oder kämpfen damit? Es ist das Bestreben nach Rache, das uns in den Abgrund reißt. Bisher konnten wir diese Kettenreaktion des Wahnsinns nicht durchbrechen.

ZEIT: Das Drehbuch zu Ihrem Film Birdman über einen depressiven Superhelden-Darsteller, der sein Comeback am Broadway versucht, schrieben Sie, nachdem Sie selbst eine Depression durchlebt hatten. Hat auch The Revenant einen biografischen Hintergrund?

Iñárritu: Nein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

ZEIT: Sie wollten sich nie rächen?

Iñárritu: Vielleicht träumte ich als Kind davon, mich an meinen Brüdern und Schwestern zu rächen, wenn sie mich gehänselt haben. Aber zum Glück hatte ich nie das Bedürfnis, jemanden umzubringen. Doch, vielleicht eine Sekunde lang, im Straßenverkehr in Mexico City, wenn mir ein Typ rücksichtslos den Weg abschneidet. In Mexico City werde ich zum Rächer, aber nur im Geiste und nur für eine Sekunde.

ZEIT: Als Sie noch in Mexico City lebten, wurde Ihr Vater entführt. Ihrer Mutter wurden bei einem brutalen Raubüberfall mehrere Zähne ausgeschlagen. Auch da hatten Sie keine Rachegelüste?

Iñárritu: Das mag jetzt wegen des zeitlichen Abstands sehr kühl und reflektiert klingen: Nein, es war eher ein Gefühl der kompletten Frustration. Damals war ich wahnsinnig vor Wut und vor Angst um meinen Vater, aber ich hatte immer das Gefühl, dass es einen Weg geben muss, zu verstehen, was geschehen ist. Mit einem gewissen Abstand konnte ich mir vor Augen führen, welche Hölle diese Kidnapper durchlebt haben, was es bedeuten muss, seine Kindheit in solchen mexikanischen Banden zu verbringen. Zu verstehen ist die einzige Möglichkeit, zu vergeben. Ohne Verständnis gibt es kein Vergeben und keine Liebe, übrigens auch keine christliche Nächstenliebe. Man kann nicht lieben, was man nicht versteht. Und nachdem mein Vater für Lösegeld freigekommen war, wurde zumindest an einem gewissen Punkt so etwas wie Empathie mit den Entführern möglich.