Ratten in einem Labor in China, in dem allein mehr als 100.000 Nagetiere pro Jahr für Versuche gehalten und schließlich getötet werden. © China Photos/Getty Images

"Der Mensch ist keine 70-Kilogramm-Ratte", sagt der Toxikologe Thomas Hartung gern, wenn er über Tierversuche spricht. Die triviale Feststellung fasst ein drängendes Problem seiner Zunft treffend zusammen: Mäuse, Ratten, Kaninchen und sogar Affen reagieren oft ganz anders auf chemische Stoffe als Menschen. Daher eignen sich die Tiere auch nur bedingt als menschliche Stellvertreter in Giftigkeits- und Arzneimitteltests.

Das Problem der fraglichen Übertragbarkeit ist eines der wichtigsten Argumente gegen Tierversuche. Es kommt immer wieder vor, dass Arzneimittel in Tieren die erwünschte Wirkung zeigen, in Menschen aber nicht, dass Substanzen für Tiere ungiftig sind, dem Menschen aber Probleme bereiten – oder umgekehrt. Aspirin wäre bei so ziemlich allen heutigen Sicherheitstests durchgefallen. Bei Ratten löst die Arznei Haut- und Augenreizungen aus, führt gar zu Missbildungen im ungeborenen Tier, und an der Höchstdosis, die beim Menschen eingesetzt wird, stirbt die Hälfte aller getesteten Ratten. Aus dem Tiermodell lernt man also in diesem Falle – nichts.

Warum müssen dann immer noch so viele Ratten als Testobjekte in Laboren herhalten? Gibt es nicht längst Alternativen? Seit Jahren, ach was, seit Jahrzehnten wird doch über Ersatzmethoden für Tierversuche diskutiert. Wieso greift man, wenn es um die Sicherheit medizinischer und chemischer Produkte geht, noch immer auf das älteste aller Menschmodelle zurück, das Tier?

Stellt man Thomas Hartung diese Frage, dann seufzt er erst einmal tief. Schließlich arbeitet der Toxikologe, heute Direktor des Center for Alternatives to Animal Testing an der Johns Hopkins University in Baltimore, nun schon seit 20 Jahren auf diesem Feld und kennt die Diskussion aus dem Effeff. Dann liefert er eine Antwort, deren Wortwahl schon deutlich macht, wo das Problem liegt: "Jede neue Testmethode muss validiert werden, um regulatorische Akzeptanz zu erreichen." Anders ausgedrückt: Ohne den Amtsschimmel läuft nichts. Und der allumfassende Wunsch nach Sicherheit bedeutet für viele Ratten das Todesurteil.

Ein gutes Beispiel dafür ist die europäische Chemikalienrichtlinie Reach, die vor acht Jahren in Kraft trat. Sie verpflichtet die Chemiekonzerne dazu, all ihre Produkte auf deren Sicherheit prüfen zu lassen – neue und auch alte. Denn zu den Stoffen, die schon auf dem Markt waren, hatten die Hersteller vor Reach teils keine oder nur lückenhafte Informationen zu den Gesundheitsrisiken vorgelegt. In der Praxis bedeutet Reach: Bis 2018 müssen mehr als 30.000 Substanzen getestet werden – dafür werden Millionen von Labortieren ihr Leben lassen. "Wir haben gar nicht genug Laboratorien, um so viele Substanzen zu testen", beschreibt Thomas Hartung die Konsequenzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Wer nun ein Testverfahren anbieten möchte, das ohne Tiere auskommt, braucht einen langen Atem. Zunächst wäre zu beweisen, dass das neue Verfahren jederzeit in jedem Labor funktioniert, egal, wer es anwendet. Allein für diesen Schritt ist viel Forschungsgeld und Arbeit nötig. Dann muss die neue Methode vom Europäischen Zentrum für die Bewertung von Alternativmethoden (ECVAM) erprobt werden. Thomas Hartung, der früher selbst das ECVAM geleitet hat, erklärt dessen Arbeitsauftrag so: "Dort wird geprüft, ob die Methode verlässlich ist, also wie gut sie bereits bekannte Daten vorhersagen kann" – was bedeutet: wie gut sich die neue Methode mit den bisherigen Ergebnissen aus Tierversuchen deckt.

Damit aber gerieten die Anbieter von Alternativverfahren in "eine paradoxe Situation", sagt der Toxikologe Robert Landsiedel vom Chemiekonzern BASF. "Neue Methoden müssen nachstellen, was der Tierversuch ergeben hat, dabei weiß man bei vielen Tiermodellen gar nicht, wie gut sie sich für die jeweilige Fragestellung eignen."

Bei BASF gibt es ein eigenes Forschungslabor, das alternative Testmodelle entwickelt. Drei Millionen Euro zahlt der Konzern jährlich dafür. Eine lohnende Investition, betont Landsiedel: Ersatzmethoden können bessere Daten erbringen als Mäusetests – vorausgesetzt, man setzt sie klug ein. "Die Kunst ist es, die Verfahren geschickt zu kombinieren", erklärt Landsiedel.

In dieser Kunst versucht sich BASF bei den sogenannten Sensibilisierungstests, die klären sollen, ob ein Stoff Allergien hervorrufen könnte. Eine Allergie entsteht, wenn das Immunsystem allzu heftig auf einen fremden Stoff reagiert. Dabei sind verschiedene physiologische Fragen zu klären: Reagieren die Hauteiweiße mit dem chemischen Stoff? Erkennen die Zellen ihn als Fremdkörper? Und bewerten sie ihn als gefährlich? All diese Teilschritte lassen sich mit einem einzelnen Test nicht nachstellen. Deshalb verwenden die BASF-Forscher drei verschiedene Testmethoden – alle kommen ohne Tiere aus. "Bei der Sensibilisierung ist das Tier kein optimales Modell. Die Aussagekraft des Tierversuchs liegt nur bei etwa 80 Prozent", sagt Landsiedel. Durch die Kombination der drei alternativen Verfahren hingegen ließ sich für etwa 90 Prozent der getesteten Stoffe korrekt vorhersagen, ob sie im Menschen eine Allergie auslösen.

Für BASF war das Grund genug, bei Allergietests in eigenen Labors auf tierfreie Methoden umzusatteln – auch wenn diese nicht vollständig von den Behörden anerkannt sind. Probleme bei der Registrierung und Zulassung von Chemikalien habe es deshalb nicht gegeben, berichtet Landsiedel: "Wir können gute Daten vorweisen."

Doch nicht jeder Entwickler von Alternativmethoden weiß dieselbe Marktmacht hinter sich wie die BASF-Forscher. Manche Idealisten kämpfen einen viel einsameren Kampf. So wie Gerhard Püschel. Der Potsdamer Biochemiker hat ein tierfreies Verfahren erfunden, um das Anti-Falten-Mittel Botulinumtoxin zu testen, das die meisten unter einem seiner Handelsnamen, Botox, kennen. Mittlerweile hat Püschel gemerkt: Ein guter Einfall reicht nicht. Wichtiger sind Geduld und starke Nerven.