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Vor den Augen der Welt findet gerade ein irritierendes Schauspiel statt: Je weniger die Welt auf Washington hört, desto lauter werden im US-Wahlkampf neue Führungsansprüche angemeldet. Es sind noch genau zehn Monate bis zur Wahl des Nachfolgers von Barack Obama. Es dürften Monate voller kognitiver Dissonanz werden: Während der amerikanische Einfluss auf die Weltpolitik immer weiter schwindet, wird immer lauter beschworen werden, man werde "Amerika wieder groß machen". Dabei wäre es viel wichtiger, erst einmal ohne jede Häme und Panik zur Kenntnis zu nehmen, dass wir einen Machtverlust Amerikas auf offener Bühne erleben – und die Entstehung einer "multipolaren" Welt, die allerdings völlig anders ist, als Amerikas Kritiker immer gehofft hatten.

So kann man zum Beispiel lesen, was sich gerade zwischen Saudis und Iranern tut. Amerikas "strategischer Partner" in Riad reizt den Rivalen in Teheran bis aufs Blut, um Irans Ausgleich mit dem Westen durch den Atomdeal zu torpedieren – dabei ist genau dieser Deal Obamas wichtigster außenpolitischer Erfolg. Doch der muss zuschauen. Kein Sterbenswort kam aus Washington zu den Massenenthauptungen. Denn die Saudis werden von den Amerikanern in Syrien in der Anti-IS-Allianz gebraucht.

Wo amerikanische Macht eingesetzt werden soll (und wo besser nicht), wie überhaupt in der heutigen Welt Macht und Einfluss entstehen (und zerfallen) und was da genau Führung heißt – über all diese Fragen muss neu nachgedacht werden.

Wie grundlegend der Wandel ist, zeigt sich auch bei Amerikas wichtigstem Partner in Europa – Deutschland. Die wahrscheinlich Amerika-freundlichste deutsche Regierung seit Jahrzehnten hat mit amerikanischer Führung mehr Probleme, als sie öffentlich zugeben kann.

In drei existenziellen Krisen der jüngsten Zeit hat Deutschland jeweils genau das Gegenteil dessen gemacht, was amerikanische Experten der Bundesregierung rieten. Und weil Deutschland de facto als Europas Führungsmacht agiert, hat das eine Bedeutung, die weit über frühere transatlantische Meinungsverschiedenheiten hinausgeht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Während der Euro-Krise erteilte Washington die immer gleichen Ratschläge ("Baut die Vereinigten Staaten Europas!", "Vergesst die Schulden!", "Druckt Geld!"). Die vermeintliche deutsche "Austeritätspolitik" wurde zum Grund allen Übels erklärt. Weil die Aufforderung zum Gelddrucken aber aparterweise ausgerechnet vom Verursacher der Krise kam, die ja als Kredit- und Schuldendesaster in den USA begonnen hatte, hörten Finanzministerium und Kanzleramt irgendwann nicht mehr hin. Berlin, genervt vom arroganten Auftreten der US-Emissäre, blieb dabei, dass Rettungsprogramme nur gegen Reformen zu haben seien.

Der zweite deutsch-amerikanische Dissens entstand im Streit zwischen der EU und Russland um die Ukraine. Da drängten amerikanische Außenpolitiker, man solle an Kiew tödliche Waffen liefern oder wenigstens damit drohen. Die Gefahr eines Stellvertreterkrieges mit Russland wurde von weiten Teilen der außenpolitischen Elite Washingtons offenbar als tragbares Risiko gesehen. Obama hielt sich zurück, aber sein Vizepräsident Biden machte sich die Forderung zueigen. Angela Merkel, in diesem Konflikt die Verhandlungsführerin in den Gesprächen mit Moskau, musste sich gegen die Eskalationsrhetorik aus Washington behaupten. Waffenlieferungen, so sah es Merkel, hätten das zweite Minsker Abkommen unmöglich gemacht und die einheitliche Sanktionsfront der Europäer gegenüber Russland zerstört.

Die US-Außenpolitik gefährdet mittelbar den Bestand Europas

Wenn es nach den USA gegangen wäre, hätte Deutschland nachgiebiger gegenüber den Euro-Schuldenländern sein, Russland aber mit der Eskalation drohen sollen. Merkel, Schäuble und Steinmeier ließen die Mahnungen abtropfen und setzten in beiden Fällen auf eine Mischung aus Sanktionen und Anreizen.

Dann kam die dritte Krise. Sie hat den bisher tiefsten Riss zum Vorschein gebracht. Millionen fliehen aus dem Mittleren Osten – Ende offen. Destabilisiert wurde die Region nicht zuletzt durch die US-Außenpolitik, besonders durch Bushs Irakkrieg. In Europa profitieren die Rechtspopulisten von den Ängsten vor Chaos, Überfremdung und Terror. Deutschland übernimmt den Großteil der Fliehenden, während der US-Wahlkampf zum Wettbewerb der Schäbigkeit gegenüber syrischen Flüchtlingen verkommt. Es ist fast, als hätte ein Rollentausch stattgefunden: Deutschland als home of the brave, das sich zuversichtlich den Flüchtlingen öffnet, während Amerika tief verunsichert zwischen Rückzugssehnsucht und Drohgebärden schwankt. "Der can-do-spirit (wir schaffen das!) ist auf die andere Seite des Atlantiks gewechselt", schrieb der Deutschlandkenner der New York Times, Roger Cohen. Republikanische Kandidaten überbieten sich seit den Anschlägen von Paris und San Bernardino mit Vorschlägen, wie man Syrer oder gleich alle Muslime draußen halten könnte. Es wird vorgeschlagen, Syrien mit Flächenbombardements zu überziehen, "bis der Sand glüht". Um die vor dieser Politik Fliehenden würden sich dann andere kümmern müssen: Bereits Obamas Ankündigung, im nächsten Jahr 10.000 Syrer aufzunehmen – eigentlich eine beschämend kleine Zahl –, stieß auf wütende Ablehnung im republikanisch dominierten Kongress.

Es geht hier nicht um Meinungsverschiedenheiten, wie es sie schon oft zwischen Europäern und Amerikanern gab. Es geht um viel mehr. Zugespitzt gesagt: Mit der Implosion des Mittleren Ostens und der Ankunft der Flüchtlinge zeigt sich, dass die US-Außenpolitik heute mittelbar den Bestand Europas gefährdet.

Weil der Wahlkampf die außenpolitische Debatte in den USA erstickt, müsste sie umso dringender auf dieser Seite des Atlantiks geführt werden. Aber das ist nicht so einfach. In der deutschen Öffentlichkeit hat sich das Bild eines vergifteten transatlantischen Verhältnisses festgesetzt. Dafür steht die breite Ablehnung des Freihandelsabkommens TTIP. Und die Sache mit dem Kanzlerinnenhandy. Dass Regierungen einander ausspähen, ist nichts Neues. Doch die Enthüllungen über die Schnüffelei der NSA zeigten einen Sicherheitsapparat, der politisch kaum mehr zu kontrollieren ist. Und darauf folgte die öffentliche Demütigung der deutschen Regierung beim Versuch, ein No-Spy-Abkommen auszuhandeln. Freunde so vor den Kopf zu stoßen ist ziemlich verrückt.

Was eine offene Debatte zusätzlich verkompliziert: Deutschland bleibt weiter auf Amerika angewiesen, es ist auf absehbare Zeit ein Konsument amerikanischer Sicherheitsgarantien und Geheimdienstleistungen – schon weil eine Aufrüstung bei Militär und "Diensten" beim deutschen Wähler kaum durchsetzbar wäre. Das gibt der Aufregung über die NSA einen Hauch von Heuchelei.

Stress unter Partnern hat es immer wieder gegeben, vor allem zu Zeiten der Ostpolitik und der Nato-Nachrüstung. Doch man hielt im Angesicht einer gespalteten Welt zusammen. Auch im Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges ging das so weiter. Die USA waren der Hegemon, der die liberal-demokratisch-kapitalistische Weltordnung sicherte, in der die Bundesrepublik prosperierte: ein Allparteienkonsens, gegen den der Antiamerikanismus vom linken und rechten Rand keine Chance hatte.

Erst der Irakkrieg, mit Lügen begründet, brachte die Wende. Jahrzehntelang hatte man in Europa amerikanische Macht und Führung als wohlwollend und großzügig erlebt, nun zeigte sich ihre maßlose und destruktive Seite. Abu Ghraib und Guantánamo fügten sich ins Bild.

Mit Bushs Abgang und Obamas Wahl keimte noch einmal die Hoffnung auf, man könnte das "gute Amerika" wiederbekommen. Doch Obama interessierte sich nicht für Europa. Er wollte die "Wendung nach Asien", dazu brauchte er den "Neustart mit Russland" und ein Ende der verlorenen Mittelost-Kriege.

Die multipolare Welt ist zum Fürchten

Nichts davon hat funktioniert. In Asien fordert ein zunehmend aggressives China die USA heraus. Putins Russland sieht sich als Gegenmacht des Westens. Und den Mittleren Osten verheeren Terrorismus und die konfessionelle Rivalität zwischen Sunniten und Schiiten. Obama hatte versprochen, Amerika aus den nahöstlichen Konflikten zu lösen. Aber das war schwerer, als er ahnen konnte. Staaten zerfallen, und nach der Tötung bin Ladens haben noch schlimmere Terroristen die Fahne des Dschihad übernommen. Nun werden wieder Spezialtruppen, Berater und Bomber in den Mittleren Osten geschickt, um den IS zu bekämpfen. Sunniten und Schiiten gehen aufeinander los, von den Vormächten Iran und Saudi-Arabien angestachelt. Riad hört nicht mehr auf Washington, seit Obama den Sturz des ägyptischen Diktators Mubarak hinnahm, statt ihn zu verhindern.

Und auch der andere Partner in der Region, Israel, hat begonnen, sich vom Westen insgesamt abzusetzen. Der Versuch von US-Außenminister John Kerry, Friedensverhandlungen mit den Palästinensern zu erzwingen, wurde torpediert. Den Iran-Deal konnte Israel zwar nicht verhindern, doch die Enttäuschung darüber sitzt tief. Mit Putin redet Premierminister Netanjahu öfter als mit Obama; die Siedlungen werden vorangetrieben, obwohl sie eine Zweistaatenlösung unmöglich machen; ein autoritär-nationalistischer Umbau der israelischen Demokratie findet immer mehr Anhänger, auch in der Regierung.

So nimmt der post-amerikanische Nahe Osten Gestalt an. Nur ist das kein Grund zur Genugtuung. Die multipolare Welt ist zum Fürchten.

Verfolgt man allerdings die amerikanische Debatte dieser Tage, könnte man glauben, der Verlust an Ordnung ließe sich durch etwas mehr amerikanische Entschiedenheit rasch wieder in den Griff kriegen. Dass gerade übermäßige Einmischung das Chaos mit verursacht hat, wird dabei verdrängt. Der imperiale Blick überlebt so den Niedergang des Empire. An die Stelle der zerstörten Allmachtsfantasien ist schwer bewaffnete Ohnmacht getreten. Plus Nervosität.

Ein hoher deutscher Diplomat hat kürzlich seinen Kollegen aus dem amerikanischen Sicherheitsapparat gefragt, wie der Präsident eigentlich die Macht der USA in der Welt beschreiben würde. Die Antwort lautete: "Obama hat die amerikanische Macht von ihren Illusionen befreit."

Befreit – das klingt positiver, als es sich für die Desillusionierten anfühlt. "Eine Art Phantomschmerz" hat der Diplomat in Washington beobachtet. Macht bestehe eben nicht nur in den realen Mitteln, die man zur Verfügung hat, um anderen seinen Willen aufzuzwingen. Ein erheblicher Teil sei imaginär – Machtprojektion durch die glaubwürdige Bereitschaft, letzte Mittel einzusetzen. Obama aber projiziere nicht. Er habe die amerikanische Macht auf ihren realen Kern zusammenschnurren lassen. Und alle roten Linien verwischt. Wladimir Putin mache es in der Ostukraine und in Syrien umgekehrt, er projiziere russische Macht weit über seine realen Mittel hinaus. Obama hingegen sei zum Schluss gekommen, dass Alleingänge nicht geeignet seien, um Macht im 21. Jahrhundert zu organisieren. Ein Land sei nur so groß, wie seine Partner es zulassen.

In den außenpolitischen Zirkeln Washingtons hingegen kursiert eine andere Deutung. Bret Stephens, Kolumnist des Wall Street Journal, bringt sie auf die Formel: "Angestachelt durch den amerikanischen Rückzug, hat die Welt eine Ära globaler Unordnung betreten."

Das ist eine handliche Erklärung. Nur: Sie stimmt nicht. Denn ein Rückzug hat gar nicht stattgefunden. Obama hat siebenmal so viele Drohnenangriffe wie sein Vorgänger angeordnet. Er hat die Präsenz des US-Militärs in immer mehr Länder der islamischen Welt ausgedehnt. Amerika bombardiert im Irak, in Afghanistan und in Syrien. Spezialkräfte operieren zu Tausenden in der gesamten Region. Obama hat allerdings bislang den Forderungen widerstanden, eine weitere Invasionsarmee loszuschicken. Dass dies schon als Rückzug gilt, zeigt die verzerrten Maßstäbe nach Jahrzehnten des Interventionismus.

In Wahrheit ist das Denken in Kategorien wie "Isolationismus" oder "Weltführerschaft" sinnlos geworden. Beides ist in der vernetzten Welt unmöglich. Isolation würde Amerika wirtschaftlich nicht überleben. Und die Welt wartet nicht auf die Ansagen aus Washington. Die Polemik gegen den angeblichen Rückzug suggeriert aber, dies könnte durch einen reinen Willensakt rückgängig gemacht werden: Amerikas Selbstermächtigung sei eine Frage des Mumms.

Was Selbstbewusstsein und Entschlossenheit in einer multipolaren Welt gleichwohl bewirken können, zeigt die größte außenpolitische Errungenschaft der letzten Jahre. Amerikanische Führung spielte dabei eine große Rolle. Ohne den Sanktionsdruck der USA hätte es den Atomvertrag mit dem Iran nicht gegeben. Aber eben auch nicht ohne die Bereitschaft, Russen, Chinesen, Franzosen, Briten und Deutsche zusammenzuhalten. Und zu allererst war es nötig, sich von der Illusion zu verabschieden, ein gewaltsamer Regimewechsel sei möglich und wünschenswert. Mit diesem Selbstbetrug Schluss gemacht zu haben ist Obamas historisches Verdienst.

Es ging bei dem Deal um sehr viel mehr als nur um die Einhegung des Atomprogramms. Ihm lag die Einsicht zugrunde, dass man stabile Verhältnisse im Mittleren Osten niemals erreichen kann, wenn der Iran dauerhaft ausgeschlossen bleibt. Alle Invasionen und Bombardements haben es nicht vermocht, ein Gleichgewicht in der Region zu erzeugen. Und alle haben den Iran nur stärker gemacht.

Die neue Wette lautet nun folgendermaßen: Der Iran könne durch einen Mix von Anreizen und Drohungen vom revolutionären Störer in eine Status-quo-Kraft verwandelt werden. Saudi-Arabien werde allmählich seine Schiiten-Paranoia ablegen, und selbst Israel könne dann wieder in einem Kalten Frieden mit dem persischen Nachbarn leben (wie so viele Jahre zuvor). Ob es so kommt, wird vielleicht erst der übernächste amerikanische Präsident beurteilen können. Riskant ist das alles, aber sicher nicht gefährlicher als ein weiterer Krieg.

Das provokante Verhalten der Saudis in diesen Tagen gegen den Iran widerlegt die Logik des Deals nicht. Im Gegenteil. Denn es ist längst klar, dass es falsch war, Riad als "strategischen Partner" aufzurüsten und dem Iran mit Regimechange zu drohen. Beides hat die Spannungen weiter angeheizt, die sich jetzt entladen. Der Westen, die USA voran, muss mit den Saudis endlich so umgehen wie mit dem Iran in den letzten Jahren. Also: keine Waffen mehr, harte Verhandlungen, offene Ansprache, Angebote – und im Zweifel Sanktionen.

Das wäre eine Chance, den Westen aus jenem endlosen Krieg um den Mittleren Osten herauszuziehen, statt sich immer tiefer darin zu verstricken. Und es wäre ein Ausblick auf eine neue Form amerikanischer Macht.