Alma Deutscher im Haus ihrer Eltern im englischen Dorking

Schloss Elmau am letzten Sonntagvormittag im November. Draußen liegt der erste Schnee, die Felswand des Wettersteins ist im Nebel verschwunden. Im historischen Konzertsaal des Hotels haben sich die Gäste murmelnd in den Stuhlreihen niedergelassen, ein paar Besucher sitzen wie in einer Loge auf der Fensterbank. Hier traten schon große Pianisten wie Martha Argerich und Alfred Brendel auf, Geigenvirtuosen wie Yehudi Menuhin und Gidon Kremer. Und jetzt – kommt ein Mädchen von zehn Jahren auf die Bühne. Das braune Haar in zwei Zöpfe geteilt, ein ärmelloses weißes Kleid, um die Taille eine lilafarbene Schärpe.

Das Mädchen tritt nach vorn, in die Mitte der Bühne, und gibt auf Englisch bekannt, das Programm habe sich geändert. Heute werde es mehrere Kompositionen von sich selbst und von anderen spielen. Als Erstes ein Klavierstück des Bach-Zeitgenossen Domenico Scarlatti, das an Wellen denken lasse.

Das Mädchen hat seine Zuhörer schon gefangen, als es die Hände auf die Tasten legt. Später greift es zur Geige, zupft daran und erklärt, das Publikum solle sich nicht sorgen, das Instrument sei mit Absicht tiefer gestimmt als das Klavier, weil das nächste Stück, Bachs Gavotte en Rondeau, so schöner klinge. Der Höhepunkt des Konzerts ist eine Klaviersonate in Es-Dur, "eine meiner ersten richtigen Kompositionen". Die Melodie zu dem Rondo am Ende habe es mit vier geschrieben, die ganze Sonate dann mit sechs, sagt das Kind bedeutungsschwer.

Alma Deutscher wird an diesem Vormittag noch nach vorgegebenen Noten improvisieren, über klassische Kompositionskunst dozieren, und sie wird mit Ovationen auf die Bühne zurückgeholt werden.

Wer ist dieses Kind, das im Alter von zehn Jahren in der Lage ist, ein anspruchsvolles, fachkundiges Publikum zu verzaubern – Menschen, die in der Hochkultur zu Hause sind? Wer ist dieses Mädchen, das Noten liest, seitdem es zwei ist, das rund um die Welt mit Sinfonieorchestern musiziert, das im Sommer eine Oper zur Aufführung gebracht hat? Und das jetzt, nach dem Elmauer Konzert, an seiner Mutter zerrt, weil es Schlitten fahren will?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 7.1.2016.

Ein Wunderkind.

Man könnte denken, Alma Deutscher sei ein weiteres jener Virtuosenkinder, über die das Publikum staunt wie über Schlangenfrauen im Zirkus. Der niederländische Fernsehgeiger und Orchesterleiter André Rieu holt solche Kinder oft auf seine Bühne, manche sind gerade mal drei oder vier Jahre alt, und zuverlässig rühren sie Rieus Publikum. Auch Alma ist beeindruckend jung für ihr spielerisches Können. Vor allem aber hat sie all den anderen Kinderstars etwas voraus: Sie ist eine Klassik-Komponistin in einer Zeit, in der klassische Konzerte etwas für die Alten geworden zu sein scheinen.

Britische Medien haben Alma Deutscher mit Mozart verglichen, was sie schon deshalb nicht mag, weil der ein Junge war. Vielleicht spürt sie auch, dass ihr dieser Vergleich mit dem größten Wunderkind der Geschichte schaden kann. Darin liegt eine Übertreibung – aber eben auch die faszinierende Frage: Könnte eine wie Alma tatsächlich einmal die klassische Musik verändern? Und eine zweite Frage schwingt mit: Kann Alma, anders als viele musikalische Ausnahmetalente vor ihr, glücklich werden mit ihrer so ungewöhnlichen Begabung?

Es ist ein Septembertag im Örtchen Dorking, 40 Kilometer südwestlich von London. Geduckte Backsteinhäuser in einer Landschaft aus Hügeln und Wiesen. Ab und zu ein Pub. In einer steilen, kurvigen Gasse: ein Landhaus mit Sprossenfenstern hinter einer halbrunden Hecke. Das Zuhause der Familie Deutscher, ein Rückzugsraum, mit Baumhaus im Garten.