Braucht es eine kritische Edition von Hitlers Mein Kampf? Der Autor dieser Zeilen ist seit Jahr und Tag der Ansicht: Nein. Er hat seine Bedenken auf vielen Foren geäußert. Nun liegt das umstrittene Werk vor. Das Ergebnis einer Anstrengung, der selbst größte Skeptiker Respekt erweisen müssen. 2.000 Seiten, 3.700 Fußnoten, seriös, und in atemraubender Zeit zusammengetragen. Das verdient große Anerkennung. Und doch muss man fragen: War es den Aufwand wert? Was hat die Edition an Erkenntnissen zu bieten? Und vor allem: Wird sie erreichen, was man sich so wortreich von ihr versprochen hat?

2012 kam die bayerische Staatsregierung zu der Überzeugung, dass angesichts des auslaufenden Urheberrechts von Mein Kampf geschichtspolitisch gehandelt werden müsse. Als Rechtsnachfolger des Autors konnte der Freistaat bis Ende 2015 Neuausgaben verhindern (freilich nicht im Ausland, nicht im Internet und keine Raubdrucke). Die zuständigen Minister erkannten die Gefahr und gaben die jetzt erschienene Edition in Auftrag. Der Kultusminister begründete das mit einer halben Million Euro geförderte Projekt: "Wir benötigen nicht nur eine wissenschaftliche Begleitung, sondern auch Interpretations- und Umgangsstrategien, die über die rein wissenschaftliche Edierung des Buches hinausgehen." Der Finanzminister sekundierte: Das Buch dürfe nicht "in falsche Hände" geraten, denn Neonazis bedienten sich gerne der Originalquelle.

Die löblichen moralischen Impulse der Obrigkeit erhielten zwei Jahre später eine neue Richtung, als der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer auf einer Israelreise seine Meinung änderte. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bewegte ihn zum Umdenken, und das Kabinett beschloss, Mein Kampf sei eine "Schandschrift, die bei Opfern des Nationalsozialismus und ihren Angehörigen großen Schmerz auslöst". Das Verdikt galt nun auch für den Staatsauftrag, und das Institut für Zeitgeschichte geriet auf dünnes Eis, als es – zu Recht unbeirrt von politischen und medialen Erregungszuständen – die Edition fortsetzte.

Wer zu lesen versteht, erkennt in den Einleitungen zur Edition die Schattenbeschwörungen, mit denen die Münchner Historiker ihren Versuch der Entzauberung des Hitler-Textes unter dem Damoklesschwert jählings gewandelter bayerischer Politik rechtfertigen: Die historische Quelle wird als mögliche Waffenkammer des Wahns und als klandestines Symbol des Bösen begriffen. Das ist eine unter professionellen Gesichtspunkten ungewöhnliche Umschreibung der Aufgabe und Absicht eines wissenschaftlichen Unterfangens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Systematik und Struktur der Edition werden in den Vorreden ausführlich erläutert, ebenso die grafische Gestaltung. Jeweils die rechte Seite bringt den Originaltext samt Textvarianten, die sehr übersichtlich am Rand vermerkt sind. Den zahlreichen Sachanmerkungen, Literaturverweisen und dem sonstigen gelehrten Apparat sind die linken Seiten vorbehalten. Die buchgestalterischen Probleme, die sich aus den Textmengen in unterschiedlicher Typografie ergeben, sind bravourös gelöst. Das gibt der Edition freilich äußerlich ein wenig den Charakter einer wertvollen Bibelausgabe, macht sie aber, nach Gewöhnung, einigermaßen handhabbar.

Recherchen zum Text sind trotzdem mühsam. Das ist zum Teil der Materie geschuldet (auch die Originalausgaben von Mein Kampf waren nicht ohne Grund mit umfänglichen Registern ausgestattet, mit deren Hilfe der interessierte Partei- oder Volksgenosse durch Hitlers Bramarbasement navigieren konnte), zum Teil aber der investierten Gelehrsamkeit. Man muss lernen, dass die Fundstelle nach dem Original angegeben ist, darf also nicht die Seitenzahlen der Edition verwenden, sondern muss die neben dem Kolumnentitel in eckiger Klammer vermerkte Originalseite suchen und darf auch nicht Band I und Band II verwechseln.

Mit etwas Übung klappt es dann selbst bei älteren Gelehrten. Möglicherweise tut sich die computergestützte jüngere Generation sogar noch schwerer. Wenn man etwa die berühmte Stelle sucht, die gerne als Beleg früher genozidaler Fantasien Hitlers und als Ankündigung des Holocaust herangezogen wird, dann kämpft man sich lange durch das Dickicht der Register. Das Stichwort "Giftgas" verweist auf "Weltkrieg, Erster", dort wird man zum Unterpunkt "Chemische Kampfstoffe" geleitet, findet drei Belegstellen, stößt aber nicht auf das gewünschte Zitat. Im zweiten Anlauf entdeckt der Suchende unter dem Stichwort "Antisemitismus" den Hinweis "Rassenantisemitismus", der sich aber im Wesentlichen als Umkehrschleife zum Ausgangspunkt "Antisemitismus" erweist. Der Verweis auf "Juden" ist dann jedoch hilfreich, denn dort gibt es einen Untereintrag "Giftgas", der schließlich nach einiger, auch körperlicher Anstrengung beim Bewegen der gewichtigen Bände zum Ziel führt: "Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter aus allen Schichten und Berufen es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen."