So stumpf die Parolen, so bizarr die Einlassungen zu den jüngsten Debatten über Nation und Rassismus – noch immer inszeniert sich die Alternative für Deutschland (AfD) als Hort akademisch veredelten Politisierens. Man wuchert auf Wahlplakaten mit Doktortiteln, sieht sich als "Partei der Vernunft", und ein in obsoleten Rassentheorien wildernder Hanswurst wie der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke lässt es sich nicht nehmen, sein akademisch verbrämtes Ressentiment auf Tagungen zu verbreiten.

In der Nachfolge von Intellektuellen wie Oswald Spengler und Carl Schmitt ist die Partei stolz darauf, dass rechtskonservatives, aus ihrer Sicht also aufklärerisches, Gedankengut mal nicht von Glatzen, sondern von Denkfalten und Geheimratsecken überwölbt wird. Die AfD politisiert mit Bildungsbürger-Aura und gibt sich den Anschein wissenschaftlicher Seriosität, wenn sie die "Lügen" der Presse und die "Irrationalität" von Angela Merkels Politik geißelt. Offenbar wähnt sie sich im Besitz von Wahrheit und Rationalität. Was aber kommt heraus, wenn man sie einer Rationalitätsprüfung unterzieht?

Die Antwort ist eindeutig: In den frei zugänglichen Thesenpapieren und Parteitagsbeschlüssen wimmelt es von irrationalen und romantisch-mythologischen Passagen. Paradebeispiele dafür bieten ausgerechnet die vom Parteiphilosophen Marc Jongen mitverfassten Dokumente. Jongen ist einerseits akademischer Mitarbeiter für Philosophie an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, wo er viele Jahre dem ehemaligen Rektor Peter Sloterdijk als Assistent diente. Zum anderen agiert er als stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator des AfD-Landesverbands Baden-Württemberg sowie als Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission. Wenn es einen gibt, der die Seriosität dieser Partei zu garantieren scheint, dann Jongen. Wofür aber steht er?

Unter anderem unter seiner Federführung lehnte der AfD-Landesparteitag Baden-Württembergs die Gleichstellung der Geschlechter mit der Begründung ab, man wisse sich dabei "mit den ethischen Grundsätzen der großen Weltreligionen einig". Diese dürften nicht "auf dem Altar der pseudowissenschaftlichen Gender-Ideologie" geopfert werden. Es ist schon erstaunlich, ausgerechnet Religionen mit dem Argument zu verteidigen, Gender sei "pseudowissenschaftlich". Sind Religionen also wissenschaftlich fundiert?

Weiterhin heißt es, die "klassische Familie" müsse geschützt werden. Was genau ist damit gemeint? Vielleicht jener patriarchalische Miniaturstaat, den Jongens Mentor Sloterdijk einmal als letzte Bastion des Absolutismus bezeichnete? Das polygame Familienmodell des Islams, das die Zusatzoptionen nur Männern zugesteht? Oder die Privilegierung männlicher Nachkommen im Hinduismus, die häufig zur Abtreibung oder gar Tötung weiblicher Nachkommen führt? "Klassische Familie" ist ein "Begriff ohne Anschauung" (Immanuel Kant). Die "Grundsätze der Weltreligionen" wiederum in einen Topf zu werfen hätte in der von der AfD zurückersehnten guten alten Zeit des christlichen Abendlandes die Inquisition auf den Plan gerufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Im selben AfD-Dokument ist von der "Natur des Menschen" die Rede, welche es vor der grassierenden Gender-Ideologie zu retten gälte. Man besinnt sich also auf den neuzeitlichen Humanismus: Es gibt viele Menschen, doch sie alle verbindet ein stabiler Wesenskern. Mit dieser Behauptung gerät die Partei in einen nicht ungravierenden Selbstwiderspruch, hatte doch Marc Jongen einst das glatte Gegenteil behauptet. 2001 schrieb er in dieser Zeitung einen anregenden Essay über Biotechnologie – programmatischer Titel: Der Mensch ist sein eigenes Experiment. Man könne den bereits real existierenden Posthumanismus nicht auf "der letzten historischen Schwundstufe humanistischer Moral" begründen. Die Essenz, und damit die Natur, sei dem Menschen unwiderruflich abhandengekommen. Als Konsequenz des epochalen Wandels vom Menschen als Subjekt zum Menschen als Projekt forderte der Philosoph "kreative Intelligenz" und "kybernetische Lernschleifen".

Was aber sagte er 2014? "Alle von der AfD bisher formulierten Ziele tragen restaurative Züge" – und das, so der Subtext, sei in pauschalprogressiven Zeiten die eigentliche Innovation.

Dass man heute nicht wie selbstverständlich von "der Natur" sprechen kann, dass man in einer Ära transnationaler Informations- und Warenströme nicht mir nichts dir nichts zu nationaler Demokratie zurückfinden wird, dass Rechtsstaatlichkeit nicht einfach "restauriert", sondern in langwierigen Prozessen mit den neuen globalen Mächten ausgehandelt werden muss – all das scheint für die AfD keine Rolle zu spielen. Wenn die Partei dann noch die vermeintlich scharf konturierte Nation gegen das vermeintlich diffuse Globale ins Feld führt, so spielt sie Imaginäres gegen Imaginäres aus. Vertreter der transdisziplinären Karlsruher Schule wie Jongen sollten wissen, dass gerade das Konzept des Nationalstaats der hybriden Globalisierung den Weg bereitet hat: als "imaginierte Gemeinschaft" (Benedict Anderson), die ein heterogenes Ausgangsgemisch zu homogenisieren versucht, nimmt es die Globalisierung als "Glokalisierung" (Roland Robertson) und "imaginierte Welten" (Arjun Appadurai) vorweg.

Wer nicht mit uns stolzt, stolzt gegen uns!

Identifiziert Jongen das Deutschnationale in seinem "AfD-Manifest" (2014) zu allem Überfluss mit "Sprache" und "Familie", dann wäre ein deutschsprachiger IS-Anhänger und polygamer Familienvater ein legitimer Teil von ihm. Ein alleinstehender, des Deutschen nicht mächtiger Brite, der keine Bedrohung fürs geheiligte Vaterland darstellt, würde hingegen nicht zu Letzterem gehören. Jüngst rettete sich Jongen in die fadenscheinige Argumentation, die von seiner Partei verteidigten Traditionen, Staatsideen und Geschlechterrollen seien zwar konstruiert, aber man müsse "pfleglich umgehen mit den notwendigen Illusionen". Wer aber entscheidet, was "notwendig" ist? Warum die AfD und nicht etwa, sagen wir: Lady Gaga, die ein paar Follower mehr hat? Das ist Carl Schmittscher Dezisionismus in Reinform.

Auch die "signifikante Steigerung der Geburtenrate" haben sich Jongen und die AfD auf die Fahnen geschrieben, mithin ein Rezept aus der biopolitischen Mottenkiste der Neuzeit. Damals bestand, mit Jongens Doktorvater Sloterdijk gesprochen, "die Maßnahme aller Maßnahmen ... in der staatlich und kirchlich verfügten Maximierung der ›Menschenproduktion‹". Wie aber kommt es, dass eine Partei überwiegend älterer, wohlhabender, weißer und akademisch sozialisierter Bürger sich als deutscher Geburtensteigerungsverein gebärdet? Ist es nicht so, dass genau die AfD-Kombination weiß-wohlhabend-akademisch heute den Rückgang der Geburtenrate bedingt? Als glaubwürdiges nationales Kopulationskommando taugt die AfD so wenig wie Sloterdijk als Steuerberater. Ein bisschen mehr existenzielle Lockerheit, Reggae statt Wagner, weniger Strebertum und Apokalyptik würden wohl effizienter für Kindersegen sorgen.

Aber genau das ist mit der AfD nicht zu machen. Man möchte sich endlich wieder stark fühlen! Weite Teile der AfD wünschen sich ein männlich-heroisches Deutschland zurück – ein Deutschland, das dem "Thymos" (griechisch "für Stolz, Zorn") huldigt, wie Jongen das nennt. Wer sich aber mit durchaus thymotischer Verve über die AfD und Jongen empört wie jüngst der Kunsthistoriker Beat Wyss oder der Architekturtheoretiker Stephan Trüby, denen werden die Segnungen der neuen deutschen Stolzromantik nicht zuteil. Sie gelten als Querulanten, Denunzianten, Nestbeschmutzer. Wer nicht mit uns stolzt, stolzt gegen uns! Dabei zeigen gerade Wyss und Trüby, dass das von der AfD als vermisst gemeldete "Erregungspotenzial" mitnichten versiegt ist.

Und haben nicht ausgerechnet die Queeren, Veganen, Transkulturellen neue Formen des Stolzes geprägt? Die neuen thymotisch-emanzipatorischen Strömungen jenseits von Hymnensingerei und Rekurse auf verkrachte Existenzen wie Schmitt und Spengler werden von der AfD einfach ausgeblendet. In Wahrheit geht es ihr somit nicht einmal um Konservatismus, also: um Stagnation. Es geht ihr um Regression.

Kurzum, in Sachen wissenschaftlicher, rationaler, aber auch moralischer Redlichkeit steht die AfD den von ihr geschmähten Parteien in nichts nach. Just der einst nach vorne blickende, inspirierende Intellektuelle Jongen hat zum Sturz Bernd Luckes beigetragen und so den populistischen, nationalromantischen und völkischen Strömungen der Partei Aufwind verschafft. Er selbst sieht darin offenbar einen dialektischen Schachzug, einen Stachel im Fleische einer müden Mediokratie: "Genuin liberal zu sein heißt heute, konservativ zu sein. Zuweilen sogar reaktionär." Dabei begeht Jongen den Fehler, die Wirkung der Botschaft mit der Botschaft selbst zu verwechseln: Eine Idiotie durch eine andere Idiotie zu Fall zu bringen macht die zweite Idiotie nicht weniger idiotisch. Und warum sollten ausgerechnet akademische Papiertiger wie er dafür prädestiniert sein, eine "Erziehung zur Männlichkeit" (Jongen) zu übernehmen? Das ist, als ginge man in ein Veganer-Restaurant, um einen saftigen Rindsburger zu bestellen.

Wenn schon konservative Avantgarde als Antidot eines als selbstläufig und ignorant empfundenen linksliberalen Mainstreams, dann eine originelle, eigensinnige, glaubwürdige! Man denke etwa an den hierzulande weithin unterschätzten Politphilosophen Eric Voegelin, der amerikanische Common-Sense-Philosophie mit einem als Religion der Unbestimmtheit verstandenen Christentum verquickte und der Karl Poppers "offene Gesellschaft" erst in Verbindung mit der "Offenheit der Seele" gelten ließ. Insbesondere an Letzterer gebricht es der AfD. Oder an den philosophischen Schriftsteller Günther Anders. Seine schillernden Theoreme wie das der "prometheischen Scham" oder seine Forderung nach "moralischer Phantasie" lassen die biedere, sich in geistige Notdurftsgebilde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts flüchtende Butzenscheibenromantik der AfD genau so alt aussehen, wie sie ist.