Kein Feind weit und breit, schmackhafte Beuteltiere à discrétion: Australien ist Katzenparadies. Anders als in der Alten Welt, wo Vögel, Reptilien und Kleinsäuger in langer Co-Evolution lernten, vor den samtpfötigen Räubern auf der Hut zu sein, reagieren australische Tiere unbedarft auf die eingewanderte Art. Verwilderte Katzen können sich ungehindert vollfressen – und vermehren.

Nun sollen sie aus dem Paradies vertrieben werden. Mit dem Programm der Threatened Species Strategy will die australische Regierung die Artenvielfalt retten. Den verwilderten Stubentiger hat sie als Hauptgrund für das Aussterben der einheimischen Fauna benannt – und bläst zum Großangriff. Bis zum Jahr 2020 sollen zwei Millionen Katzen getötet werden. Auf teils abenteuerliche Weise: mit großflächig ausgelegten Giftködern oder sensorgesteuerten Fallen, die giftige Gels auf das Fell vorbeistreunender Tiere sprühen und die nächste Katzenwäsche tödlich enden lassen.

Lebende Beuteltiere mit implantierten Giftkapseln und mechanische Fallen gehören ebenso zum Repertoire der Katzenhäscher wie Spürhunde und Betäubungsgewehre. Kein Wunder, dass viele Tierschützer die Pläne ablehnen: "Tier-Genozid", schrieb Brigitte Bardot, der Sänger Morrissey nannte die australische Regierung einen "Haufen Schafzüchter ohne Respekt für Tiere".

Seit der Ankunft der Europäer ist der südliche Kontinent um rund 130 Pflanzen- und Tierarten ärmer geworden. Mit die erfolgreichsten Artenkiller waren die Katzen. Im 17. Jahrhundert erstmals von holländischen Seefahrern im Westen eingeschleppt, eroberten die Räuber im 19. Jahrhundert den ganzen Kontinent. In 27 Fällen wird ihnen die Hauptschuld am Aussterben einer Säugetierart zugewiesen. Dem Tasmanischen Langnasenbeutler, dem Schwarzschwanz-Beutelmarder und rund 140 weiteren Spezies droht dasselbe Schicksal: Bis zu 20 Millionen verwilderte Katzen suchen täglich nach Futter. Gemeinsam mit den ebenfalls eingeschleppten Füchsen bedrohen sie jede fünfte Säugetierart sowie Frösche, Schlangen und Vögel.

Dennoch fragen Tierfreunde, ob die Brutalität nötig sei. Andere zweifeln, ob das Töten überhaupt etwas bringt. Bei all den eingeschleppten Arten – Kaninchen, Kröten, Kamelen – herrscht längst ein riesiges Ungleichgewicht in Flora und Fauna. Machen da zwei Millionen Katzen weniger wirklich einen Unterschied? "Im Großen und Ganzen ist die Strategie sehr gut", sagt der Ökologe Chris Johnson von der University of Tasmania. "Sie fördert das Bewusstsein für bedrohte Arten und erörtert verschiedene Lösungswege."

Die avisierte Zahl von zwei Millionen toten Katzen hält er allerdings für Quatsch: "Wir wissen nicht genau, wie viele Katzen da draußen leben. Und es ist schwierig, die getöteten zu zählen." Gut möglich, dass die Jagd keinen Effekt erzielt – dann, wenn Artgenossen ungestört in gesäuberte Gebiete wieder einwandern können. Die Tiere sind schlau, anpassungsfähig, mobil – und äußerst fruchtbar. Nach einem halben Jahr hätten sie den Bestand wieder aufgefüllt, sagt Johnson. Für einen dauerhaften Erfolg müssten die Australier noch die allerletzte Katze vom Kontinent verbannen. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Ein Teil der Strategie lautet daher: fünf katzenfreie Inseln bis 2020, zehn katzenfreie, abgezäunte Areale auf dem Festland. Sie könnten als Zufluchtsorte für die geplagte heimische Fauna dienen. Allerdings bleiben, wo keine Katze reinkommt, auch Wallabys, Possums und Langnasenbeutler außen vor. Die Zäune kappen ihre Wanderrouten und erschweren die Fortpflanzung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Zudem muss das ganze Ökosystem im Auge behalten werden. Ironischerweise helfen darin die Katzen, einen anderen ungeliebten Immigranten in Schach zu halten, das Kaninchen. Die Hasenartigen konkurrieren mit einheimischen Beuteltieren. Mehr Katzen bedeuten weniger Kaninchen. Aber je weniger Kaninchen, desto mehr stehen die originär Einheimischen auf dem Speiseplan der wilden Miezen – ein kompliziertes Gefüge, das durch unvorsichtige Eingriffe noch mehr aus den Fugen geraten könnte. Einfache Lösungen gibt es nicht.

"Darum brauchen wir den Dingo", sagt der Ökologe Chris Johnson. Ein anderer Immigrant, ein zweites verwildertes Haustier, soll es also richten? "Seit der Beutelwolf ausgestorben ist, fehlt ein großes Raubtier an der Spitze der Nahrungskette." Der Dingo könnte den Job übernehmen – und nicht nur Katzenpopulationen dezimieren, sondern auch deren Bewegungsradien verkleinern. Er würde den Katzen Angst einjagen, sie würden defensiver, vorsichtiger, weniger gierig. Die Beziehungen zwischen den Tierarten auf dem Kontinent könnten wieder ein wenig mehr Balance erlangen. Trotzdem gefällt auch diese Idee nicht allen. Farmer können den verwilderten Hund nicht leiden, reißt er doch Schafe und Ziegen. Mit Gift, Gewehren und einem 5.000 Kilometer langen Dingozaun halten sie ihn in Schach.