Schulen sind nur so gut wie ihrer Lehrer: Eine Hamburger Grundschullehrerin schreibt das Wort Schule an die Tafel © Axel Heimken/dpa

DIE ZEIT: Anfang März findet in Berlin der Weltbildungsgipfel statt. Schulexperten aus aller Welt werden dort über die Rolle der Lehrer diskutieren. Die Kultusministerkonferenz, kurz KMK, ist einer der Veranstalter und Gastgeber. Was versprechen Sie sich von diesem Aufwand?

Stephan Dorgerloh: Frei nach Bill Clinton: It’s the teacher, stupid – auf den Lehrer kommt es an! Unsere Schulen sind so gut wie ihr Lehrpersonal. Deshalb möchten wir von anderen Ländern lernen, wie dort Lehrer ausgewählt, ausgebildet und angeleitet werden, um die Schüler bestens zu unterrichten. Und die anderen Länder wollen wissen, was wir machen.

ZEIT: Dazu könnte man auch Experten in die Welt schicken, die einen Bericht abliefern.

Dorgerloh: Der danach auf dem Dokumentenfriedhof landet ...

ZEIT: Weshalb sollte ein Funktionärstreffen mehr bewirken?

Dorgerloh: Erst einmal ist es kein reines Funktionärstreffen. Neben Bildungsministern und Gewerkschaftern nehmen Schulpraktiker teil.

ZEIT: Also echte Lehrer?

Dorgerloh: Echte Lehrer, die ihre Erfahrungen einbringen! Zum anderen herrscht dort eine einmalige Diskussions- und Arbeitsatmosphäre; ich habe das letztes Jahr in Kanada selber erlebt.

ZEIT: Was ist das Besondere?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Dorgerloh: Drei Dinge: Erstens ringen bei diesem Bildungsgipfel Bildungspolitiker, Gewerkschafter und Schulpraktiker um Inhalte, etwa darum, was guten Unterricht ausmacht. Im Alltag streitet man sich ja leider meist um Anrechnungsstunden für die Mehrarbeit von Lehrern oder andere freudlose Dinge. Zweitens wird dort zum Beispiel unter den Bildungsministern in internen Runden Tacheles geredet: Wie verhandelt ihr mit den Finanzministern, wie bildet ihr Schulleiter aus? Die meisten Minister kommen selber und schicken nicht ihre Abteilungsleiter, das ist schon ein Zeichen. Drittens spielt die Schulpraxis eine große Rolle. Wenn in anderen Ländern beispielsweise unter Lehrern eine ausgeprägte Feedbackkultur besteht, bei uns aber die Kultur der geschlossenen Klassentür, dann müssen wir doch darüber reden, was das bewirkt und was davon auf Deutschland übertragbar ist.

ZEIT: Für die Teilnehmer mag das anregend sein. Aber das wirkt nicht über den Tag hinaus.

Dorgerloh: Doch. Die deutschen Kultusminister werden den Lehrergipfel inhaltlich intensiv auswerten. Das wird praktische Folgen haben. In Sachsen-Anhalt haben wir etwa die Weiterbildung der Schulleitungen intensiviert – angeregt durch die sehr professionelle Schulleiter-Ausbildung in Singapur. Außerdem haben wir mit den beteiligten Stiftungen vereinbart, dass sie nicht nur Geld geben, sondern sich auch an der inhaltlichen Aufarbeitung beteiligen.

ZEIT: Dass sich die KMK international engagiert, ist neu.

Dorgerloh: Ganz so neu nicht, wir pflegen regen Kontakt zu Israel, zu Österreich und der Schweiz, Polen und Frankreich. Die Zahl bilateraler Kontakte nimmt ständig zu. Aber richtig ist, dass wir uns stärker in die europäische und internationale Bildungspolitik einmischen als noch vor ein paar Jahren. Und das Feld nicht allein dem Bundesbildungsministerium überlassen, das in Schulfragen ja auch keine Zuständigkeit hat.

ZEIT: Bei internationalen Verhandlungen zu Bildungsthemen, auch in der EU, wird Deutschland oft untergebuttert, weil es nicht mit einer Stimme spricht, sondern im schlimmsten Fall mit 17 – einer pro Bundesland plus der Stimme der Bundesregierung.

Dorgerloh: Genau das wollen wir ändern. Die KMK hat sich schon in vielen Punkten zusammengerauft. Sie wird es auch schaffen, die deutsche Bildungspolitik nach außen zu vertreten.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Dorgerloh: Am Rande des Gipfels wollen wir eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit Kanada und der Schweiz in Bildungsfragen schließen. Das sind zwei Länder mit erfolgreichen Bildungssystemen, die so wie wir föderal organisiert sind. Da geht es um einen Austausch, wie die unterschiedlichen Regionen sich bildungspolitisch organisieren und steuern. Gerade Kanada bietet viele Ansatzpunkte, wie auch umgekehrt wir gemerkt haben, dass die Kanadier unsere Bildungsstandards für einen interessanten Ansatz halten. Mit der Schweiz tauschen wir uns seit Jahren über Qualitätssicherungsprozesse und Standards aus. Außerdem haben wir durchgesetzt, dass bei EU-Verhandlungen zu Schulthemen ein KMK-Vertreter in der ersten Reihe sitzt.

ZEIT: Ist das wichtig?

Dorgerloh: Sogar sehr wichtig, weil sich die EU zunehmend in die Bildungspolitik der Mitgliedsländer einmischen will.